Raimund Löw

Historiker und Journalist

 

 

 

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  "Falter" - Artikel
   

Lehrstueck Europa, 23.2.2000


Der bayrische Ministerpräsident Edmund Stoiber ist ein kluger Mann. Mit Nebensächlichkeiten wie dem Wahrheitsgehalt dieser oder jener Aussage von oder über Jörg Haider schlägt er sich nicht herum. Die EU-Sanktionen gegen Österreich kritisiert er aus grundsätzlichen Überlegungen heraus: Mit diesem "Quantensprung" sei die Gemeinschaft nämlich auf dem Weg zu einem "Bundesstaat" mit weitreichenden Kompetenzen gegenüber den Mitgliedsländern. Und das lehne die CSU ab.
Spiegelverkehrt ähnlich heißt es in Paris, Berlin und London: bei dem europäischen Sperrfeuer gegen Schwarz-blau in Wien gehe es weniger um Österreich als um das Bild des zukünftigen Vereinigten Europas. Der zurückhaltende britische Außenminister Robin Cook sieht dementsprechend auch die neuen Beitrittsbewerber in Mittel-und Osteuropa als die eigentlichen Adressaten: ihnen müsse klar gemacht werden, daß EU-feindliche Nationalisten in zukünftigen EU-Regierungen keinen Platz haben.
Mit Jörg Haider als grenzüberschreitend Bösewicht stehen die Themen Rassismus, Ausländerfeindlichkeit und Nationalismus plötzlich im Zentrum der politischen Debatte auf dem ganzen Kontinent. Europa führt vor, was es in Österreich trotz aller angeblicher Ausgrenzungspolitik all die Jahre kaum gegeben hat: eine intensive inhaltliche Auseinandersetzung mit Ausländerfeindlichkeit und Nationalismus. So mußte sich in Dänemark der sozialdemokratischer Ministerpräsident Rasmussen vorwerfen lassen, mit seinen Vorschlägen zu einer Verschärfung der Ausländergesetze schlimmer als Jörg Haider zu sein: "Doppelmoral" lautet die Kritik, schließlich habe Dänemark die Anti-Schwarzblau-Aktion der EU untestützt. Für Belgiens linksliberale Regierung des Ministerpräsidenten Guy Verhofstadt ist der Kreuzzug der EU sowieso ein innenpolitischer Segen: der gefährliche Vlaams Blok ist nun isolierter denn je, selbst die flämischen Christdemokraten akzeptieren wieder den Cordon Sanitaire um die rechtsextreme Protestpartei. Sogar Deutschlands erster EU-Kritiker Edmund Stoiber sah sich nach Tagen der Verteidigung von Schwarz-blau zu einem Trennstrich gegenüber der FPÖ veranlaßt: der Wunsch des CSU-Bundestagsabgeordneten Johannes Singhammer nach einem Dialog mit dem FPÖ-Chef wurde von Stoiber brüsk zurückgewiesen. Frankreichs Jacques Chirac scheint im Streit mit Haider und Schüssel gar zum Multi-kulti-Fan mutiert zu sein: auch die ausländerfeindlichen Sprüche aus seinen eigenen früheren Wahlkämpfen wären im Europa mit den durch die Österreich-Debatte nun geschärften Sensorien einfach nicht mehr möglich.
Trotzdem stimmt es natürlich, daß die europäische Öffentlichkeit geteilter Meinung ist: in allen Mitgliedsstaaten gibt es kontroversielle Diskussionen über Zweckmäßigkeit und innere Konsistenz der Österreich-Quarantäne. Aber echt gespalten ist nur das konservative Lager. Symbol des tiefen Risses, den Schüssels Pakt mit Haider in der christlichen Polit-Landschaft Europas verursacht hat: die Weigerung des Elysees eine christdemokratische EU-Parlamentarierdelegation zu empfangen, weil die nicht auf ihre ÖVP-Mitglieder verzichten wollte.
Jenseits des christdemokratischen Bruderstreits wird das höchst unkonventionelle Vorgehen der 14 auch mit einigen Wochen Abstand erstaunlich geschlossen durchgehalten. Da mag es sein, daß Irland oder Dänemark nicht mit wirklich begeistert mit dabei sind. Echt verteidigt wird der schwarzblaue Pakt nur dort, wo man sich als Antipode zur westlichen Demokratie empfindet: in Belgrad und Moskau.
Dagegen ist ausgehend von Frankreich nun eine längst überfällige große grenzüberschreitende Diskussion um die politische Verfassung der EU eingeleitet worden. Im Kern ist es eine Debatte, aus der sich ein neuer politischer Wertkatalog Europas mit Humanismus, Toleranz und Antirassismus als zentrale Achse entwickelt. Die alter Vorstellungen von nationaler Souveränität wird im Europa der EU endgültig zum Anachronismus.. Den alten gaullistischen Slogan des "Europa der Vaterländer" hat heute Bayerns Edmund Stoiber übernommen: er ist das Motto des Abwehrkampfes gegen den Quantensprung zu einem auch politisch integrierten Europa. Michel Barnier, der EU-Kommissar für Institutionenreform, will die Doktrin vom demokratisch-antirassistischen Wertekatalog zum Schrecken deutscher Konservativer sogar vertraglich verankern: ein politische Willenserklärung zur Abwehr der durch den Rechtspopulismus vertretenen zentrifugalen Kräfte in der Union.
Daß solches überhaupt nötig erscheint, ist selbstverständlich ein Schwächezeichen. Aber zeigt nicht ein Blick auf die Landkarte, daß Separatismus selbst in den reichsten und seit langem historisch gewachsenen Vielvölkerstaaten zur Krise führt? Wie lähmend blockt etwa der Streit um Quebec seit Jahren das politische Leben in Kanada. Umso schwerer tut sich ein Zwitter wie die EU, in der verschiedene Kulturen, Traditionen und Sprachen erst langsam zur politischen Einheit finden sollen, mit einem "Sprengsatz im Herzen Europas", wie der "Corriere della Serra" etwas theatralisch Jörg Haider bezeichnet? Schwarzblauer Separatismus europaweit könnte, so die französisch-deutsche Sorge, das gesamte Projekt gefährden. Unter diesem Aspekt gesehen erscheinen die Boykottmaßnahmen der 14 mehr als gemäßigtes politisches Warnsignal denn als echte Zwangsmaßnahme .
Wenn das Vereinte Europa sich von der hehren Idee zur harten Wirklichkeit mutieren will, dann wird man sich gleichzeitig von einer ganzen Reihe liebgewordener Regeln verabschieden müssen, die ihre Wurzeln im überkommenen Primat der nationalen Souveränität haben. So zum Beispiel von der Praxis der Einstimmigkeit bei den meisten EU- Beschlüssen. Selbst wenn das die nun durch den Casus Austria besonders sensibilisierten Kleinstaaten schmerzt: nur ein Direktorium der Großen wird aus der EU eine politische Union machen.
Genau das verlangt dieser Tage der Brite Robin Cook von der symbolträchtig gleichzeitig mit den Anti-Österreich-Aktionen eingeleiteten Institutionellen Reformkonferenz in Brüssel: "Frankreich, Deutschland und Großbritannien stellen die Mehrheit der Bevölkerung der Union", so Cook, "Im Rat der Regierungschefs sind die drei Staaten aber in der Minderheit." Ein faireres Vertretungssystem für die Großen und Entscheidungsfähigkeit von EU-Gremien nach der Aufnahme von bis zu 12 neuen Mitgliedern werden die wichtigsten Themen dieser Konferenz sein.
Mitmachen in Europa bedeutet für alle in zunehmendem Ausmaß auch Relationen akzeptieren: Sowohl machtpolitische Kräfteverhältnisse als auch politische Grenzen. Insofern kann die aktuelle Östereich-Krise der EU eine nützliche Lektion in europäischer Realpolitik werden.


 

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