Raimund Löw

Historiker und Journalist

 

 

 

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  "Falter" - Artikel
   

Leichen im Keller, 6.11.2000


Obwohl es niemand wirklich überraschen konnte, was zwei hochbetagte Militärs vor wenigen Wochen der Pariser Tageszeitung "Le Monde" anvertraut haben, reagiert die französische Öffentlichkeit aufgewühlt wie selten: Erstmals gestand der inzwischen 92jährige Fallschirmjägergeneral Jacques Massu die systematische Anwendung von Mord und Folter durch die französischen Streitkräfte im Algerienkrieg ein. "Gewöhnt" habe er sich an das Foltern unter der Tricolore recht bald, auch wenn es ihm nie Spaß gemacht habe, präzisiert sein 85-jähriger ehemaliger Untergebener Paul Aussaresses. 25 algerische Widerstandskämpfer habe er eigenhändig umgebracht. Keine Einzelfälle, sondern System in dem 8 Jahre dauernden französischen Kolonialkrieg in Nordafrika.
Massu war eine der Feindfiguren der antikolonialistischen Jugendrevolte des Pariser Mai 68. Die Killermethoden der französischen Streitkräfte während des Algerienkriegs sind von mutigen Intellektuellen und antikolonialistischen Aktivisten schon vor Jahrzehnten angeprangert worden. Jetzt gestehen jedoch das erste Mal derart hochrangige Militärs ihre Schuld ein, daß Leugnen und Vertuschen unmöglich geworden sind.
Seither schlägt das offizielle Frankreich eine Verteidigungsschlacht nach der anderen, um den Streitkräften die Konsequenzen aus diesen Enthüllungen zu ersparen. Edouard Balladur und Valery Giscard d'Estaing verweisen als Sprecher der Rechten entschuldigend auf die Grausamkeiten des Guerillakrieges der FLN und verwehren sich gegen eine Kollektivschuld der französischen Armee. Der sozialistische Regierungschef Lionel Jospin will weder eine offizielle Entschuldigung noch eine parlamentarische Untersuchungskommission: nicht die Politik sondern die Geschichtsschreibung sei jetzt gefragt, wiegelt der Ministerpräsident ab. Wobei er gefließentlich übersieht, daß alle kompromittierenden Dokumente durch strenge Archivsperren fest unter Verschluß gehalten werden.
Es blieb Amnesty International vorbehalten, das Naheliegende zu verlangen: daß nämlich die Foltergeneräle, egal ob geständig oder nicht, vor Gericht gestellt werden. Wie kann Frankreich Jagd auf Kriegsverbrecher im ehemaligen Jugoslawien machen, wenn die eigenen Folterknechte unangetastet bleiben? Wie kann die Pariser Justiz ihr nach wie vor gültiges Auslieferungsbegehren gegen Augusto Pinochet rechtfertigen, wenn die französischen Pinochet- Pendants weiter stolz ihre Orden tragen, fragen die Aktivisten der Menschenrechtsorganisation.
Der Hinweis auf das Amnestiedekret vom März 1962, mit dem De Gaulle jede Art von Gerichtsverfahren im Zusammenhang mit dem Algerienkrieg unmöglich machen wollte, erinnert tatsächlich in unangenehmer Weise an die Schwierigkeiten der mit einem ähnlichen Gesetz kämpfenden chilenischen Justiz. Aber seit den Tagen De Gaulles hat sich die Rechtssprechung verändert. Was 1962 als Kriegsverbrechen erschien, das man gegen die Gewaltakte der Gegenseite aufrechnen zu können glaubte, gilt heute als nicht verjährbares Verbrechen gegen die Menschlichkeit. Gilles Martinet, französischer Botschafter in Rom und illustre Persönlichkeit der französischen Linken, zieht den Vergleich mit dem Papon-Prozeß und der damit einhergehenden historischen Gewissenserforschung: "So wie die französische Öffentlichkeit sich 194o gegenüber den antijüdischen Gesetzen des Vichy-Regimes gleichgültig gezeigt hat, genauso hat man 1954 und 1955 die schon damals lautstarke Denunziation der Kriegsmethoden in Nordafrika überhört."
Was Westeuropa die Bewältigung der kolonialen Vergangenheit ist, das stellt für die USA die Mitverantwortung für Diktatur und Repression in der Dritten Welt dar. Wie weit diese im Fall Chile geht, haben erst kürzlich wieder neue CIA-Dokumente belegt, deren Freigabe das Weiße Haus nach der Verhaftung Augusto Pinochets in London erzwungen hat. Sie belegen die tiefe Verstrickung der Regierung Nixon in Washington in die verschiedensten Verschwörungen zur Unterminierung der verfassungsmäßigen linken Regierung Allende und die auf den Sturz Salvador Allendes 1973 folgende blutige Repression durch die Militärs.
1976 schlug ein chilenisches Killerkommando auch in Washington DC zu: Orlando Letelier, der ehemalige chilenische Botschafter in den USA, und seine 25-jährige amerikanische Mitarbeiterin Ronni Moffitt wurden durch eine Autobombe im Zentrum der amerikanischen Hauptstadt getötet. Es war einer der spektakulärsten Terroranschläge auf amerikanischem Boden, der die amerikanische Justiz in jüngster Zeit sogar veranlaßt hat einen Auslieferungsantrag für Augusto Pinochet zu überlegen. Geplant und organisiert wurde dieser Anschlag laut der jetzt veröffentlichten Akten von einem Mann, der auf der Pay-roll des CIA stand: dem inzwischen verurteilten ehemaligen Chefs des chilenischen Geheimdienstes DINA Manuel Contreras. Contreras war darüber hinaus während vieler Jahre der Pinochet-Diktatur einer der Haupteinpeitscher der Repression für ganze Lateinamerika gewesen. Zwischen 1974 und 1977 wurde er vom CIA als "Informer" geführt.
"Von der Regierung der USA genehmigte Aktivitäten haben in dieser Zeit dazu beigetragen, die politische Polarisierung zu vertiefen und haben Chiles lange Tradition von demokratischen Wahlen und Rechtsstaat beeinträchtigt," heißt es in der dazugehörenden gewundenen Erklärung des Weißen Hauses.
Kein Wunder, daß sich CIA-Direktor George Tenet monatelang mit Händen und Füßen gegen die Freigabe gewehrt hat. Erzwungen wurde dieser Schritt dank eines einzigartigen amerikanischen Gesetzes: der "Freedom of Information Act" garantiert jedem Bürger innerhalb bestimmter Fristen Zugang zu allen Akten und Informationen des Staates. Nur bei der nationalen Sicherheit gibt es Beschränkungen. In allen Ministerien in Washington sind riesige Abteilungen mit hunderten Mitarbeitern damit beschäftigt Anfragen entsprechend dem "Freedom of Information Act" zu beantworten. Mit etwas juridischem Know How und der Hilfe befreundeter Anwälte rücken auf diese Weise Bürgerrechtsgruppen auch Pentagon und CIA zu Leibe. Wie man am Beispiel Chile sieht, manchmal auch mit beträchtlichem Erfolg.
Die Idee amerikanische Mitverantwortliche für die Menschenrechtsverletzungen in Lateinamerika zur Verantwortung zu ziehen, wird in den USA in der nächsten Zeit wohl niemand ernsthaft verfolgen können. Da ist Frankreich mit der sich entwickelnden Diskussion über moralische und rechtliche Verantwortung für die Verbrechen des Algerienkrieges konsequenter. Ein dem "Freedom of Information Act" ähnlicher Rechtsanspruch auf Öffnung der Akten und Archive würde der Öffentlichkeit aber auch diesseits des Atlantik den Zugang zu den Leichen im Keller der jeweiligen Staatsmacht drastisch erleichtern.


 

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