Raimund Löw

Historiker und Journalist

 

 

 

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  "Falter" - Artikel
   

Lieber im sicheren EU-Dampfer, 10.12.2008

Europas Bürger sind lernfähig. Drei Monate mit Bankenkrachs und Börsenpleite katapultieren die Reputation der EU nach dem sommerlichen Irlandtief in ungeahnte Höhen. Eine repräsentative Telefonumfrage unter den notorisch skeptischen Österreichern ergab, dass 78 Prozent in der angeblich so ungeliebten Union bleiben wollen. Sogar in Irland, das mit seinem Nein zum Reformvertrag die Malaise zum Ausdruck brachte, haben die Befürworter plötzlich die Nase vorne. Das bankrotte Island, dessen Rechtsregierung noch vor Kurzem jede Annäherung an die EU stolz zurückgewiesen hat, klopft ganz demütig in Brüssel an.
Der Sinneswandel könnte opportunistischer nicht sein. In stürmischen Zeiten erscheint der gemeinsame EU-Dampfer sicherer als das selbstbestimmte, nationale Ruderboot. In der Krise pflegten sich früher die Bürger eng um ihre nationale Führung zu scharen. Konkurrierende Nachbarn wurden rasch zum Außenfeind. Der Weg von der Humanität über die Nationalität zur Bestialität, den Franz Grillparzer im 19.Jahrhundet beklagte, war rasch durchschritten. Im beginnenden 21.Jahrhundert gewinnt dagegen das multinationale Projekt Europa. Ein erfreuliches Zeichen historischer Einsicht.
Aber in der europäischen Politik stehen jetzt die Mühen der Ebene bevor. Der sprühende EU-Aktionismus des Nicolas Sarkozy geht seinem Ende zu. Mit Sarkozy haben die meisten Europäer wahrscheinlich überhaupt das erste Mal wahrgenommen, dass es einen EU-Präsidenten gibt, der auch in ihrem Namen Krisenfeuerwehr spielt. Ab 2009 kommt mit der tschechischen Präsidentschaft das Kontrastprogramm. Eine derart europaskeptische Führung wie in Prag hat es an der Spitze der EU bisher nicht gegeben. Tschechische Diplomaten verweisen auf den europafreundlichen Außenminister Karel Schwarzenberg. Vaclav Klaus, der die blaue EU-Fahne mit den Sternen nicht auf die Prager Burg lassen will, habe keine politischen Kompetenzen. Aber auch Ministerpräsident Mirek Topolanek, der bei den EU-Gipfeln den Ton angeben wird, sieht die Brüsseler Organe nur als notwendiges Übel an.
Von Sarkozy wird Topolanek eine innereuropäische Landschaft erben, in der sich das Gewicht deutlich zugunsten der Mitgliedsstaaten verschoben hat. Paradoxerweise sind durch das französische Feuerwerk nicht nur die nationalen Partikularismen in den Hintergrund gedrängt worden, sondern auch die supranationale Europäische Kommission. Der EU-Gipfel in Brüssel, mit dem die französische Präsidentschaft diese Woche ihre Halbjahresperiode beenden will, droht zu einem Kräftemessen zwischen Staaten und Staatengruppen zu werden. Weil Angela Merkel von europäischer Konjunkturpolitik nichts wissen will, opfert Sarkozy die traditionelle deutsch-französische Achse und verbündet sich mit Großbritanniens Gordon Brown. Großbritannien steht aber mit seinen Ausnahmebestimmungen und dem heiligen Pfund nur mit einem Fuß in der EU. Daran ändern die jüngsten Anzeichen einer Erwärmung für den Euro wenig. Ob sich Deutschland von einem französisch-britischen Powerplay beeindrucken lässt, ist fraglich. Ohne deutsches Engagement wird das geplante 200 Milliarden Konjunkturpaket der EU aber ein leeres Versprechen bleiben.
30 Milliarden dieses Betrages sollen nach dem Wunsch von Kommissionspräsident Barroso nicht von den Nationalstaaten sondern aus Unionsmittel, kommen. Auch dagegen regt sich Widerstand. Die geizigen Nettozahler, darunter Deutschland und Österreich, wollen nicht verwendete Agrarsubventionen wieder zurück in ihre nationalen Budgets holen.
Gegen das eigentlichen Hauptanliegen des Gipfels, die neue Klimapolitik, stehen sowohl nationale Egoismen als auch die nackten Geschäftsinteressen ganzer Branchen. Deutsche Autobauer und österreichische Stahlkocher, polnische Kohlekraftwerke und die gesamte italienische Industrie verlangen Ausnahmen, längere Fristen und kostenlose Verschmutzungsrechte. Angesichts der Wirtschaftskrise streiten Unternehmer und Gewerkschafter unter nahezu identischen Parolen. Nur das EU-Parlament, das verzweifelt versucht, im Wettlauf um das stärkste Druckmittel mitzuhalten, und die Europäische Kommission könnten sich gegen die erstickende Flut der Partikularinteressen stellen. Theoretisch. Praktisch werden auch in der Klimapolitik die Mitgliedsstaaten das Sagen haben.
Könnte es sein, dass die Bürger, die sich in der Krise für Europa erwärmen, den Wert einer starken EU besser verstehen als ihre Regierungen?


 

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