Raimund Löw

Historiker und Journalist

 

 

 

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  "Falter" - Artikel
   

Linkes Dreigestirn, 25.8.2004

Unterschiedlicher hätten die Reaktionen auf den Triumph des heftig umkämpften Hugo Chavez bei dem Referendum in Venezuela im Norden und im Süden des Kontinents nicht sein können. Betretenes Schweigen in Washington, wo man bis zuletzt auf die Entmachtung des unbequemen Castro-Freundes gehofft hatte. Erleichtertes Aufatmen dagegen fast überall in Lateinamerika, wo man in der von der bürgerlichen Opposition erzwungenen Volksabstimmung eine Entscheidung über Anpassung oder Widerstand gegenüber den Wünschen des unpopulären großen Bruders sah. Die Regierung Bush hat aus ihrer tiefen Abneigung gegen den populistischen Exputschisten mit den großen Ölreserven und der Verehrung für Fidel Castro ja noch nie ein Hehl gemacht.
Dass Washington 2002 einen kurzlebigen Umsturzversuch gegen den eindeutig demokratisch gewählten Hugo Chavez nicht verurteilt hat, wirft der venezolanische Caudillo den USA seither in endlosen antiamerikanischen Tiraden wieder und wieder vor. Hugo Chavez ist jedoch kein Diktator, entgegen den Behauptungen seiner mächtigen Gegner, die ihre ungefilterte Antiregierungspropaganda seit Jahr und Tag über nahezu alle Medien des Landes verbreiten. Sein Kreuzzug gegen die etablierten Eliten und ihre ausländischen Unterstützer erinnert trotzdem an den ebenso exzentrischen wie eloquenten Muammar al-Gaddafi der Siebzigerjahre und dessen Anklagereden gegen die korrupten Machthaber der Region. Anders als Gaddafi, der stets isoliert blieb und schließlich den Weg der Geheimdienstintrigen und des Terrors ging, kann sich Chavez aber auf die Solidarität einer großen Zahl lateinamerikanischer Führer links der Mitte stützen.
Mit dem Referendumserfolg für Chavez ist in Lateinamerika ein Dreigestirn linker Präsidenten gestärkt worden, die auf unterschiedliche Weise den USA und ihren politischen Vorstellungen die Stirn bieten. Größter Hoffnungsträger der lateinamerikanischen Linken bleibt trotz wachsender Ernüchterung Luiz Inacio "Lula" da Silva, der ehemalige Metallarbeiter an der Spitze Brasiliens. Aber mit ebenso großem Interesse verfolgt man, wie Nestor Kirchner in Buenos Aires es geschafft hat, Argentinien im Konfrontationskurs zum Internationalen Währungsfonds aus dem wirtschaftlichen Kollaps herauszuführen. Den verängstigten internationalen Finanzkreisen gab bisher erstaunlicherweise "Lula" am wenigsten Anlass zur Sorge. An der Spitze eines Kabinetts ehemaliger Guerillakämpfer und Revolutionäre verfolgt der brasilianische Präsident eine streng orthodoxe Wirtschaftspolitik, sodass für Umverteilung zugunsten der Unterschichten nur wenig Raum blieb.
Der erhoffte Erfolg des groß angekündigten "Kampfes gegen den Hunger" ist bisher ausgeblieben, und die einflussreiche Bewegung der landlosen Bauern (MST) beklagt das Schneckentempo der Landreform. Im Frühjahr haben Aktivisten wieder mit Landbesetzungen begonnen, um die Regierung unter Druck zu setzen. Punkten kann Brasilien dagegen in der Außenpolitik: "Lulas" Idee einer gemeinsamen Front der Staaten des Südens in Fragen des Welthandels stieß international auf positive Resonanz. In den Tagen, als sich an den venezolanischen Urnen das Schicksal Hugo Chavez' entschied, begleitete der brasilianische Präsident sein Fußballteam nach Haiti. Brasilien hat im Rahmen der UNO die Führung der internationalen Friedenstruppen auf der Karibikinsel übernommen. Die Superstars um Ronaldo und Ronaldinho waren als Friedensbotschafter ins Armenhaus des Kontinents gekommen, um psychologische Schützenhilfe für den Wiederaufbau nach dem Bürgerkrieg um Expräsident Aristide zu geben.
Die Supermacht USA, sonst immer sehr misstrauisch bei Anzeichen von Unbotmäßigkeit in Lateinamerika, hatte bisher gegen die Führungsrolle "Lulas" wenig einzuwenden. Sogar auf einen permanenten Sitz im UNO-Sicherheitsrat kann sich Brasilien mit dem Segen der USA Hoffnungen machen.
Auch Argentiniens Nestor Kirchner hat ungeachtet seiner Antiglobalisierungsrhetorik kaum Probleme mit Washington. Im Internationalen Währungsfonds gehören die USA zur Gruppe der kompromissbereiteren Geldgeber. Nach der Währungsimplosion vor drei Jahren will man keinen neuerlichen Zusammenbruch riskieren. Die anhaltende Vergangenheitsdiskussion in Argentinien, die Kirchner erst kürzlich mit der Umwidmung des größten Todeslagers der Militärdiktatur auf einem Marine-Schulungsgelände in Buenos Aires zu einem Museum der Erinnerung neu belebt hat, hält allerdings bei vielen Bürgern die Erinnerung an die US-Unterstützung für die folternden Generäle der Siebziger- und Achtzigerjahre wach.
Die aktuell härtesten Bandagen gab es zwischen der Regierung Bush und dem jetzt so erfolgreichen Hugo Chavez. Aber Hugo Chavez hat sich 10.000 kubanische Ärzte ins Land geholt und Tausende junge Venezolaner zum Studium nach Kuba geschickt, im Gegenzug erhält Fidel Castro dringend benötigtes Erdöl. Das empört die Bush-Administration. Der gescheiterte Anlauf der Opposition, Chavez via Referendum abzusetzen, ist durch Millionen amerikanische Steuergelder im Namen der Förderung der Demokratie unterstützt worden.
Chavez hat bisher keine Verstaatlichungen durchgeführt und auch an den riesigen sozialen Gegensätzen des Landes wenig geändert. Noch immer sind zwei Drittel des Landes in den Händen von drei Prozent der Bevölkerung, die ökonomische Macht der winzigen weißen Oligarchie ist ungebrochen. Aber der Caudillo hat nach einem harten Kampf die Kontrolle über die staatliche Ölgesellschaft PVSA übernommen. Seither fließen erstmals Ölmilliarden auch in die Armenviertel des Landes. Die steigenden Ölpreise sind ein Geschenk des Himmels für die "bolivarianische" Revolution: Trotz Wirtschaftskrise schnellen die Aufwendungen des Staates für Gesundheit und Bildung merklich in die Höhe. Wie sehr auf diese Weise auch das politische Regime des Machtmenschen Chavez gefestigt wurde, hat der Ausgang des Referendums bewiesen. Die USA wissen nicht, wie sie auf diese neuartige Herausforderung aus dem Süden reagieren sollen. Eine seltene Konstellation für Lateinamerika.

 

 

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