Raimund Löw

Historiker und Journalist

 

 

 

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  "Falter" - Artikel
   

Links abbiegen, 12.3.2008


Spanien hat gewählt, ein Triumph der Linken. Italien wählt demnächst:
Walter Veltroni, einst bei der KPI, jetzt strammer Sozialdemokrat, versucht das Comeback der Rechten zu verhindern. In Deutschland stürzt ein Linksruck ausgerechnet die linke Regierungspartei SPD ins Chaos. Frankreichs flamboyanter konservativer Präsident steht nach dem Debakel der Rechten bei den Kommunalwahlen vor einer Revolte der eigenen Partei. Ganz zu schweigen von Zypern, das kürzlich einen Reformkommunisten zum Präsidenten bekam, Serbien oder gar Österreich mit seiner aufgeregten Neuwahldebatte. Die politischen Verhältnisse scheinen überall gleichzeitig ins Rutschen zu kommen. Nicht nur in Europa. Als größte aller Shows stellt sich einmal mehr der amerikanische Präsidentschaftswahlkampf heraus.
Lassen sich in diesem Wirrwarr längerfristige politische Entwicklungen ablesen, unabhängig von den Zufällen der lokalen Tagesaktualität? Zumindest für die USA, immer noch internationaler Trendsetter Nummer eins, behauptet das David Frum, einer der neokonservativen Vordenker und als Bushs Redenschreiber einst Erfinder der "Achse des Bösen". Frum glaubt an das Ende einer drei Jahrzehnte dauernden intellektuellen Vorherrschaft der Konservativen, die mit der Ideologie des "weniger Staat" seit Mitte der Siebzigerjahre die Politik aller Präsidenten, egal ob Demokraten oder Republikaner, bestimmt hat. Die Phase zuvor war vom New Deal Franklin D.
Roosevelts und den Prinzipien des Wohlfahrtsstaates geprägt gewesen. Auch die republikanischen Präsidenten Eisenhower und Nixon hatten an den Grundfesten dieser von linken Ideen dominierten Politik nicht gerüttelt.
Ganz so wie sich später auch umgekehrt die Demokraten Carter oder Bill Clinton höchst neoliberal um Deregulierung und Sozialkürzungen bemühten.
Dagegen verlangen die Wähler jetzt wieder sozialen Schutz und einen Staat, der aktiv in das Wirtschaftsleben eingreift. Weder Klimaschutz noch Gesundheitsversorgung lassen sich über das traditionelle konservative Rezept von Steuersenkungen erreichen. Gleichzeitig sind für die Jüngeren aufgeklärter Feminismus und die Gleichberechtigung von Homosexuellen selbstverständlich geworden. Bis 2060 könnte die nun beginnende Vorherrschaft linker Ideen dauern, mutmaßt bekümmert der rechte Vordenker Frum.
Das sind große Ideen, vielleicht etwas zu groß für stets skeptische Europäer. Aber auch auf dem alten Kontinent ist ein gesellschaftlicher Themenwechsel nach links der Hintergrund der politischen Turbulenzen. Das Labor ist dabei Deutschland, mit den plötzlich klassenkämpferischen Tönen einer so lange als kreuzbrav geltenden gewerkschaftlichen Basis.
Stillstehende Züge, gesperrte U-Bahn-Stationen und blockierte Flughäfen, nicht im unberechenbaren Frankreich oder im impulsiven Italien, sondern im ordnungsliebenden Berlin, wer hätte das für möglich gehalten?
Die Gesellschaft hat Verständnis für die Proteste. In realistischer Einschätzung der Verhältnisse versteht man plötzlich: dass es der Wirtschaft gutgeht, heißt ungeachtet aller Werbesprüche nicht automatisch, dass es allen gutgeht. Dazu bedarf es eines bestimmten Kräfteverhältnisses, das erkämpft werden will. Manager und Superreiche sind so sehr zur Feindfigur geworden, dass sich über den Einsatz des Geheimdienstes bei der Steuerfahndung niemand wirklich wundert.
"Europe versus the Fat Cats" titelt Newsweek. Die Öffentlichkeit ist für Korrekturen auch jenseits der marktwirtschaftlichen Orthodoxie bereit. In Deutschland ist die Linkspartei der große politische Gewinner. Keine ungewöhnliche Entwicklung: Auch in zahlreichen anderen Staaten Europas - Schweden, den Niederlanden, Dänemark, Italien und Spanien - kommen Linksaußenparteien auf fünf bis zehn Prozent der Stimmen. Für das politische System kann es belebend sein, wenn sich nicht nur populistische Rechtsparteien zur Stimme der Globalisierungsverlierer machen. Romano Prodi hat immerhin zweimal gemeinsam mit der linken Rifundazione regiert. Jose Luiz Zapatero stützte sich im spanischen Parlament immer wieder auf die aus Kommunisten und anderen linken Gruppen bestehende Vereinigte Linke.
Ein ähnliches Ansinnen der SPD-Vorsitzenden Ypsilanti in Hessen gegenüber der "Linken" hat jedoch einen Orkan des Protests in der deutschen Öffentlichkeit ausgelöst. "Lügilanti" gehörte noch zu den weniger heftigen Beschimpfungen, die sich die Politikerin anhören musste, weil sie vor der Wahl anderes versprochen hatte. In Österreich war man da anno 2000 im Umgang mit Wahlversprechen noch ganz anderes gewöhnt. Ob es den Meinungsmachern passt oder nicht: Die "Linke" wird nicht so schnell von der deutschen Politbühne verschwinden. Sozialdemokraten, Grüne und "Linke"
machen in Deutschland gemeinsam mehr als fünfzig Prozent der Stimmen aus.
Daraus eine lebensfähige politische Option zu zimmern, trotz der demagogischen Fähigkeiten eines Oskar Lafontaine, wird mittelfristig die wichtigste Herausforderung für jeden SPD-Chef bleiben.
Spaniens Zapatero, der 2004 aufgrund der Lügen seines konservativen Vorgängers über die El-Kaida-Anschläge in Madrid an die Macht gekommen war, hatte mit ähnlich schwierigen Verbündeten aus dem nationalistischen Lager zu tun. Trotzdem konnten die spanischen Sozialisten bei den Parlamentswahlen den Frontalangriff einer revanchistischen Rechten abwehren. Sein Erfolgsrezept: Die spanischen Sozialisten haben das Land nicht nur verwaltet, sondern auch verändert. Ein modernes Scheidungsrecht, Homosexuellenehe, Quotenregelungen für Frauen und scharfe Maßnahmen zur Eindämmung der Gewalt gegen Frauen mischten die einst stockkonservative Machogesellschaft auf. Zapatero hat mit der Rehabilitierung der Franco-Opfer die letzte Nabelschnur zur Diktatur gekappt. Den Versuch, den Problemen mit der Einwanderung durch Antiausländerdemagogie zu begegnen, wies er zurück. Kein anderes Land Europas hat sich in nur vier Jahren so stark verändert wie Spanien.
Die spanischen Sozialisten werden es in Zukunft nicht leicht haben. Die Wirtschaft ist im Abschwung. Der nationalistische Separatismus von Basken und Katalanen bedroht die Einheit des Landes. Aber ein Modernisierungsschub mit sozialdemokratischer Handschrift kann offensichtlich auch in Zeiten der Globalisierung mehrheitsfähig sein.

 

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