Raimund Löw

Historiker und Journalist

 

 

 

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  "Falter" - Artikel
   

Lob des Pragmatismus, 31.10.2001


Der Gedanke, dass es Jahrzehnte gibt, in denen einfach nichts passiert, während manchmal in Wochen Jahrzehnte passieren, hat einem russischen Revolutionär namens Wladimir Illjitsch Lenin einst durch die bitteren Jahre des Schweizer Exils geholfen. An ersteres kann man sich kaum noch erinnern, dafür haben die letzten Wochen unter dem Vorzeichen des "Kampfes gegen den Terrorismus" die Weltpolitik derart rasant beschleunigt, dass es nicht immer leicht fällt, die die Konsequenzen der verschiedenen eng ineinander verwobenen aber in Dynamik und Folgewirkung doch ganz unterschiedlichen Tendenzen auszumachen.
Dass Tony Blair sich in dieser Zeit ebenso hartnäckig bemüht nordirische Terroristen in die Regierungsverantwortung in Belfast zu zwingen, wie er arabische Al Qua'ida Terroristen in Afghanistan bombardieren läßt, zeigt zweierlei: erstens den wohltuenden Pragmatismus des eifrigsten Terror-Bekämpfers in Europa und zweitens den kurzen Atem des politischen Konzepts vom "Kampf gegen den Terrorismus" für die internationale Politik. Die Rhetorik der Politik im Großen wie im Kleinen ist da ganz anders: George Bush bemüht kurzfristig durchaus erfolgreich das aus dem Kalten Krieg tradierte Lagerdenken von "für uns oder gegen uns", wobei außer Acht gelassen wird, dass diesmal nicht eine nationalstaatliche organisierte feindliche Macht der Gegner ist, sondern ein schwer greifbarer internationaler Geheimbund. Otto Schilly wünscht sich, mit der FPÖ im Schlepptau eine beispiellose polizeiliche Erfassung aller Bürger, ohne dass der Zusammenhang mit dem angestrebten Ziel der Zerschlagung von Al Qua'ida schlüssig herzustellen wäre.
In Zeiten rasanter Veränderungen spielen alle Akteure ihr eigenes Spiel, dementsprechend wichtig ist es, die verschiedenen Ebenen des Geschehens herauszufiltern:
1) Die unter dem Vorzeichen des "Kampfes gegen den Terrorismus" versuchte Zerschlagung der islamisch-fundamentalistischen Terrororganisation Al Qua`ida und die damit verbundenen Kriegshandlungen der USA und Großbritanniens gegen das mit Osama Bin Laden verbündete afghanische Taliban-Regime. Ein militärisch-geheimdienstlicher Feldzug, der von nahezu allen Regierungen und außerhalb der isalmischen Welt auch von den größten Teilen der Öffentlichkeit als notwendig und legitim unterstützt wird. Angesichts der Gefahr weiterer Bedrohungen sei es jetzt schon durch die Anthrax-Anschläge in den USA oder vielleicht gar noch folgenschwerere Attentate mit noch gefährlicheren Waffen ist die Frage, ob nicht auch die verfehlte Politik des Westens am Entstehen solcher Gruppen mitschuldig ist, auf dieser Ebene ebenso irrelevant wie die Unsinnigkeiten des Versailler Friedens im Augenblick der Konfrontation mit de Truppen Hitlerdeutschlands. Ein Erfolg in diesem Kampf ist die Voraussetzung für die Lösung aller anderen Fragen.

2) Die politische Auseinandersetzung mit der islamischen Welt, deren Radikalisierung der Humus ist, auf dem diese Art von Organisation gewachsen ist, die aber in ihrer Tragweite weit über den Wirkungskreis eines Osama Bin Laden hinausgeht. Da können George Bush und Tony Blair noch so oft betonen, dass es sich um keinen Kampf gegen den Islam handelt: die Reaktionen in der islamischen Welt selbst, mit Demonstrationen von Nigeria bis Indonesien, belegen, wie tief die hier aufbrechenden Gegensätze sind. Seit man in Washington realisiert hat, wie groß die Sympathien für die Theorien Osama bin Ladens selbst in den höchsten Kreisen des engen Verbündeten Saudi Arabien sind, ist das Vertrauen Amerikas in die arabische Welt dahin. Umgekehrt ist es nicht anders. Es geht um wirtschaftliche Unterentwicklung und fehlende Demokratie, kulturelle Unterschiede, den Umgang mit der imperialen Vorherrschaft Amerikas sowie den seit Jahrzehnten schwelenden ungelösten Nahostkonflikt. Der militärisch-geheimdienstliche Ansatz des "Kampfes gegen den Terrorismus" liegt hier völlig daneben, auch wenn Politiker von Jerusalem bis New Delhi versuchen auf dieser Welle schwimmend ihren Interessen zum Durchbruch zu bringen. Gefordert ist so etwas wie Welt-Innenpolitik zur Konfliktlösung im ganz großen Stil, ohne die militärisch-geheimdienstliche Maßnahmen gegen global agierende Terrorgruppen auf die Dauer ihre Wirkung verfehlen werden.
3) Eine beginnende Neuordnung des Verhältnisses der Weltmächte zueinander, die von der amerikanischen Forderung nach multilateralem Kampf gegen Terrorismus ihren Ausgang gefunden hat. Der dramatische Kurswechsel der Regierung Bush weg vom kruden Unilaterialismus der ersten Monate hat schlagartig zu einer Aufwertung der UNO und dem erneuten Interesse Washingtons an Bündnissen und Verpflichtungen auf internationaler Ebene geführt. Wie tief die neue Kooperationsbereitschaft Amerikas allerdings gehen wird, ist fraglich. Schon vermuten Kritiker hinter der ausschließlich vom Pentagon bestimmten Kriegsführung in Afghanistan den Vorboten einer neuen Welle von diplomatischer Mißachtung des Rests der Welt durch die republikanische Führung in Washington. Eine ausschließlich auf Anti-Terrorkonsens basierende Allianz der Großmächte erinnert historisch Bewanderte an die Heilige Allianz der gekrönten Häupter nach der Niederlage Napoleons, deren Ziel Machterhalt und die Unterdrückung der Freiheitsbestrebungen der Völker war. Für so manche Regierungen, die bislang aus dem Westen häufig mit unangenehmen Fragen nach den Menschenrechten konfrontiert worden waren, mag das eine verheißungsvolle Perspektive sein. Minderheiten wie die Uiguren in China, die Tschetschenen in Rußland und vielleicht auch die Palästinenser würden den Preis einer solchen Einigung zahlen. Immerhin: die pragmatische Abkehr der Bush-Administration von den früher gültigen unilateralistischen Dogmen beinhalten eine Chance, aber angesichts der Widersprüche und Gegensätze in der modernen Welt werden Anti-Terror-Grundsätze eine zu schwache Basis für eine neue Weltordnung bleiben.
4) Die weltweit rasanten Schritte zur Ausweitung des Handlungsspielraums von Polizei und Justiz im Inneren unter dem Vorzeichen des Kampfes gegen den Terrorismus. Europaweit sind es neue Gesetze, die durch mehr polizeiliche Kompetenz größere Sicherheit bringen sollen. In den USA ist es primär die polizeiliche Praxis, die sich unter den neuen Verhältnissen verändert hat. Von den 800 Personen, die seit dem 11.September verhaftet wurden, besteht selbst nach Angaben des US-Justizministeriums nur bei einer Handvoll der echte Verdacht auf Verwicklung in die Anschläge. Bürgerrechtsgruppen klagen, daß die Betroffenen trotzdem nach wie vor als "material witness" unter größter Geheimhaltung für angebliche Zeugenaussagen festgehalten werden und kaum Chance auf juridische Unterstützung haben. Ein neues Gesetz macht es zusätzlich möglich Ausländer, die des Terrorismus verdächtigt werden, nahezu unbegrenzt festzuhalten. Klar: Amerika sieht sich im Krieg, wenig überraschend, daß eine gewisse Einschränkung bürgerlicher Rechte akzeptiert wird. Auch die patriotischen Warnungen von Sicherheitsberaterin Condolezza Rice an die großen Chefs der Fernseh-und Zeitungswelt gehen in die gleiche Richtung: wenn das Land angegriffen wird, ist auch die Information eine Waffe. Auch dann, wenn die Geschichte von den geheimen via Videoauftritt transportieren Botschaften Osama Bin Ladens nicht gerade glaubwürdig erscheint. Wie wenig dieser Aufruf glücklicherweise an der Informationspolitik der amerikanischen Medien bewirkt, kann man täglich in CNN oder der New York Times verfolgen. Richtig konterproduktiv wird die Sucht der US-Regierung nach Kontrolle der Medien allerdings, wenn sich Washington so wie sonst nur autoritäre Potentaten beim Emir von Quatar für die Einschränkung des Freiheitsspielraums des unabhängigen Nachrichtensenders Al Jazeera verwendet. Als ob nicht gerade die Demonstration von Meinungsfreiheit und das stolze Beharren auf den Rechten der Einzelnen gerade in dieser Art von Krieg die beste Waffe beim Ringen um die Köpfe auch in den arabischen Ländern wäre!
Wiederum ist es so, daß der von den Organen des Staates geführte Antiterror-Kampf , so notwendig er in der gegebenen Situation auch ist, keine ausreichende Basis für die begonnene langwierige Auseinandersetzung darstellt.



 

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