Raimund Löw

Historiker und Journalist

 

 

 

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  "Falter" - Artikel
   

Mächte, Völker, Feiern, 6.8.2008

Mit den Olympischen Spielen feiert China sein spektakuläres internationales Comeback. Innerhalb einer Generation ist aus der Heimat der Barfußdoktoren in der Kulturrevolution das Land der 400.000 Millionäre geworden. Die Weltöffentlichkeit entdeckt die Spuren des halsbrecherischen Tempos, in dem die chinesische kapitalistische Revolution unter der Führung der Kommunistischen Partei Chinas abläuft. 100 Millionen Blogger gibt es in China, aber die Partei verteidigt das Prinzip der Zensur im Internet. Aus Meldungen in der offiziellen Presse hat der Publizist Li Datong alleine im vergangenen Jahr 80.000 gewaltsame Zusammenstöße zwischen lokalen Machthabern und aufgebrachten Bauern, Wanderarbeitern oder Erdbebenopfern ausgemacht. Eine riesige Zahl, selbst für ein Milliardenvolk. Der Klassenkampf ist höchst lebendig im China Hu Jintaos. Das Regime sitzt auf einem Vulkan. Wer konnte so naiv sein anzunehmen, dass es sich ausgerechnet im Augenblick der höchsten Anspannung, wenn alle Augen der Welt nach Peking blicken, den Luxus leisten würde, liberal zu werden?
Trotzdem hat keine andere Gesellschaft der Dritten Welt in den vergangenen 30 Jahren einen vergleichbaren Aufschwung geschafft. Mit den Olympischen Spielen erweist die Welt dem größten Entwicklungssprung ihre Reverenz, den es in der Menschheitsgeschichte je gegeben hat. Nie zuvor sind in so kurzer Zeit so viele hunderte Millionen Menschen bitterer Armut entkommen wie in China seit dem Beginn der Reformen unter Deng Xiaoping. Richtig: Die Tyrannei der Roten Garden ist der Willkür eines rücksichtslosen kapitalistischen Wildwuchses gewichen. Aber die kreativen Kräfte, die das Ende der staatlichen Planwirtschaft freigesetzt hat, haben das Land von der ärmlichen Agrarwirtschaft in das industrielle Computerzeitalter katapultiert. Die sozialen Gegensätze, die mit diesem Aufstieg verbunden sind, und die vielen hundert Millionen, die nach wie vor um das nackte Überleben kämpfen müssen, sind die Begleiterscheinungen eines turbulenten Aufbruchs.
Seit die sozialistisch-egalitären Phrasen des Maoismus mit ihrer ideologischen Überhöhung der Unterentwicklung überwunden sind, hat sich das chinesische Regime als erstaunlich anpassungsfähig erwiesen. Machtkämpfe zwischen Fraktionen und Seilschaften laufen nach fixen Regeln ab. Unter der Oberfläche der Parteiherrschaft ist ein gesellschaftlicher Pluralismus entstanden, der in der Wirtschaft, in den Medien und der Kultur seinen Niederschlag findet. Die Freiräume für die Menschen werden größer. Gleichzeitig ist es gelungen, Chaos und Bürgerkrieg zu verhindern. Aber dort, wo die Kommunistische Partei ihr politisches Monopol gefährdet sieht, greift sie erbarmungslos zu Repression. Amnesty International berichtet, dass die politische Unterdrückung gegen separatistische Aktivisten und Dissidenten im Vorfeld zur Olympiade zugenommen hat. Das ist nicht wirklich eine Überraschung. Großereignisse lösen bei jeder Regierung Ängste aus, denen man mit Polizeimethoden zu begegnen versucht. Aber die chinesische Führung hat auch verstanden, dass sie auf internationalen Druck flexibel reagieren muss. Daher die Gespräche mit Vertretern des Dalai Lama nach den Unruhen in Tibet.
Eine Führung, die sich als integraler Teil der Weltgemeinschaft fühlt, und nicht mehr als Außenseiter, bedeutet auf Dauer auch für die eigene Bevölkerung einen Gewinn. Die Olympiade in Peking ist ein großer Schritt in diese Richtung. China erlebt, dass Kontroversen, Proteste und Auseinandersetzungen quer über die nationalen Grenzen ein ebenso heilsamer wie fixer Bestandteil globaler Events geworden sind. Die Regierung in Peking ist gezwungen, sich gegen die Vorwürfe von Amnesty International zu wehren. Die EU muss sich rechtfertigen, weil Ratsvorsitzender Nicolas Sarkozy zur Eröffnung nach Peking fährt. Dort werden die Proteste, die schon den weltweiten Fackellauf des olympischen Feuers begleitet haben, mit Sicherheit wieder aufleben. Genauso soll es sein. Gleichzeitig braucht auch niemand ein schlechtes Gewissen zu haben, wenn man der Faszination des bunten Spektakels erliegt. Die Spiele führen China und den Rest der Welt näher aneinander. Gerade weil sie neben Show und Pomp auch Probleme und Widersprüche offenlegen.
Als Michail Gorbatschow 1989 Peking besuchte, war das Zentrum der Stadt von demonstrierenden Studenten besetzt. Die demokratische Revolution fegte durch die Welt des sogenannten real existierenden Sozialismus. Mit Glasnost und Perestroika versuchte die Sowjetunion eine reformkommunistische Wende weg vom gescheiterten Kommandosystem der Vergangenheit. Die demokratische Erneuerung des Kommunismus gelang weder in Moskau noch in Peking. Aber anders als in Russland retteten die Panzer der Chinesischen Volksarmee auf dem Tienanmienplatz die Macht der kommunistischen Eliten. Die Folge ist der skurrile Zwittercharakter des chinesischen Systems: eine herrschende Kaste, die durch eine maoistische Ideologie zusammengehalten wird, die aus Todfeindschaft gegen genau den Kapitalismus entstanden ist, den sie jetzt eifrig fördert. Das chinesische Politbüro hat seit Maos Tod eine der weltweit erfolgreichsten Diktaturen der jüngeren Vergangenheit errichtet, sie steht für Erfolge und Schattenseiten der gesamten Entwicklung seit dem Ende des Kommunismus.
Nicht gefunden wurde im chinesischen Modell ein gangbarer Weg zur gesellschaftlichen Konfliktaustragung. Dazu müsste die KP Pluralismus erlauben und politische Freiheiten zugestehen, ihre Herrschaft wäre gefährdet. In Krisensituationen greift Peking stattdessen gerne zum Nationalismus als einigendem Kitt für das Riesenreich gegen die böse Außenwelt. Ein Weg, der weniger leicht zu gehen ist, wenn die Olympiade ein Erfolg wird und China beginnt, sich als normaler Teil der vielfältigen Welt zu fühlen.
Nicolas Sarkozy, dem die Grünen im Europäischen Parlament seine Entscheidung vorgeworfen haben, als EU-Ratspräsident nach Peking zu fahren, replizierte souverän, dass ein Boykott der Olympischen Spiele wegen Tibet nicht nur die chinesischen Machthaber, sondern auch den Stolz der Völker in China tief getroffen hätte. Glücklicherweise decken sich manchmal die Geschäftsinteressen der westlichen Regierungen, die ihre Marktchancen nicht gefährden wollen, mit der politischen Vernunft. Denn wenn Regierungen und Eliten sich voneinander abschotten, dann verlieren meistens vor allem die Völker.


 

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