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Mazedonien,
23.8.2001
Deutsche Militärstrategen geben sich ebenso pessimistisch wie amerikanische
Europa-Skeptiker. Die nach Bosnien und Kosovo dritte Balkanaktion der
NATO in Mazedonien ist so gar nicht nach dem Geschmack militärischer
Traditionalisten. Nicht dreinhauen wie einst im Kosovo-Krieg, inklusive
des Einsatzes der allermodernsten Krieggeräte, lautet vorerst der
Kampfauftrag, sondern schlicht das Einsammeln von Waffen. Und zwar jener,
die von der UCK laut Friedensabkommen von Mitte August freiwillig zu vorher
designierten Sammelstellen gebracht werden. Ganze 30 Tage soll das Mandat
befristet sein, das der NATO-Rat für die 3500 Soldaten vorbereitet
hat. Frappant erinnere diese Aktion an den ersten, verunglückten
Bosnien-Einsatz der Vereinten Nationen, unken oppositionelle Christdemokraten
in Berlin: ohne klares militärisch erreichbares Ziel und mit dem
Zusatz nur zur Selbstverteidigung zu den Waffen zu greifen drohe sich
die Allianz mächtig zu blamieren.
In der Tat: daß die NATO sich in Mazedonien nicht einmal als Friedenstruppe,
sondern ausschließlich als Waffeneinsammlungsagentur versteht, wie
man in Brüssel nicht müde wird zu betonen, das erscheint vordergründig
wie in Treppenwitz der Geschichte. Gab es da nicht einmal die sogenannte
Powell-Doktrin des damaligen US-Generalstabschefs, der rund um den Golfkrieg
die Mobilisierung einer überwältigenden Militärmacht mit
schier unbegrenzter Feuerkraft als Grundvoraussetzung für den Einsatz
amerikanischer Streitkräfte sah? Jetzt beteiligt sich, zögerlich
aber doch, auch die Regierung in Washington unter ebendiesem Collin Powell
als Außenminister an der so wenig martialisch erscheinenden Mazedonien-Aktion.
Und das, obwohl George Bush noch im Wahlkampf des vergangenen Jahres einen
vorzeitigen Abzug der amerikanischen Truppen aus dem Balkan als eines
seiner vordringlichsten Ziele bezeichnet hatte.
Eine Kehrtwendung, die in Wirklichkeit beruhigen sollte. Zeigt sie doch,
daß auch die gegenwärtige amerikanische Administration lernfähig
ist. Denn dieser ungewöhnliche NATO-Einsatz ist nichts anderes als
die Konsequenz der schmerzlichen Lehren, die die internationale Politik
aus den bitteren vergangenen zehn Jahren auf dem Balkan gezogen hat. Erstmals
versuchen in Mazedonien die europäischen Regierungen unterstützt
durch die USA einzugreifen, noch bevor eine Krise zum blutigen Krieg eskaliert.
Die NATO tut damit genau das, was eine kritische Öffentlichkeit in
früheren Krisen vergeblich gefordert hat. Sie kann es tun, weil der
Höhepunkt der nationalistische Fieberkurve überschritten ist.
In ausnahmslos allen Hauptstädten des ehemaligen Jugoslawiens sitzen
Regierungen, die zwar möglicherweise labil und entscheidungsschwach
sind, an deren demokratischer Grundhaltung und prowestlicher Orientierung
jedoch kein Zweifel besteht. Der gemäßigte mazedonische Präsident
Boris Trajkovski, mit dem NATO und EU den gegenwärtigen Friedensplan
umzusetzen versuchen, ist einer aus dieser neuen Generation postnationalistischer
Politiker.
Die NATO kommt nach Mazedonien, nicht um Krieg zu führen sondern
um Krieg zu verhindern. Daß sie dabei ein anderes Bild bietet als
das in Clausewitzschen Lehrbüchern vorgesehen, wird kaum verwundern.
Aber ganz offensichtlich hat der politische Druck allein nicht ausgereicht,
den schwelenden mazedonischen Brand zu löschen. Das Risiko einer
Blamage für die 3500 Briten und Franzosen, Deutsche, Italiener, Tschechen
und Amerikaner der Aktion "Bedeutende Ernte" besteht tatsächlich.
Daß die NATO-Führung bereit ist diese einzugehen, weil man
offensichtlich das Risiko eines Bürgerkrieges als noch größer
einschätzt, verdient Respekt.
Ein Militäreinsatz als Instrument der Diplomatie, und nicht als deren
Abgesang, ohne Schlachtengetöse und ohne die Hoffnung auf heldenhafte
Siege, löst erwartungsgemäß keine Begeisterungsstürme
aus. Daß im deutschen Bundestag jedoch ausgerechnet linke Sozialdemokraten
und grüne Fundis dagegen Sturm laufen, erstaunt: kann man sich eigentlich
eine Militärmission vorstellen, in der die Kriegslogik einen geringeren
Stellenwert hat, als bei der internationalen Absicherung eines historischen
Kompromisses zwischen Volksgruppen wie in Mazedonien? Klar: der Vermittlungsversuch
kann scheitern. Nicht ausgeschlossen, daß Solana und Robertson den
Einfluß des Westens auf die albanischen Rebellen überschätzen
oder daß der kompromißbereite mazedonische Präsident
von den slawischen Hardlinern überrollt wird. Das kann zu einer Situation
führen, in der die NATO mehr riskieren muß, als bisher vorgesehen.
Aber wäre nicht auch dieses Worst Case Szenario der Beweis, daß
auf dem Balkan Konfliktlösung ohne einen aktiven militärischen
Machtfaktor Europa/Amerika eben nicht funktioniert? Einen Versuch der
Prävention hat man nun auf jeden Fall unternommen.
Der Friedensvertrag, um dessen Durchsetzung es geht, beruht auf einem
Grundsatz, von dem man nur hoffen kann, daß er Schule macht: Mazedonien
wird in der zukünftigen Verfassung nicht als Staat der slawischen
Mazedonier allein beschrieben, sondern als Gemeinwesen gleichberechtigter
Bürger aller Nationalitäten. Die vorgesehene verbesserte Stellung
der albanischen Sprache sowie der albanischen Vertretung in Staatsorganen
und Behörden ist nur eine Konsequenz. Das Prinzip klingt einfach,
die Folgen die auf nationalistischer Grundlage aufgebauten Nachfolgestaaten
des ehemaligen Jugoslawiens wären revolutionär. Ob für
die Serben in Kroatien oder Albaner, Ungarn und zahlreiche anderen Minderheiten
in Serbien: für sie alle wäre eine solche Definition ein völlig
neuer Anfang (Nicht zufällig träumt auch die israelische Friedensbewegung
von einem Israel, das nicht jüdischer Staat wäre, sondern Heimat
gleichberechtigter Bürger, egal ob Juden oder Araber.) Zu einem solchen
neuen Anfang werden sich NATO und EU, Kroatien und Serbien, Kosovo und
Montenegro, Albanien und Mazedonien, wohl einmal durchringen müssen.
Minderheitenrechte und Grenzen kämen dann in einem großen Prozeß
des Abtauschs und der Klärung zwischen den Balkanvölkern auf
den Tisch, um die Periode der Nachfolgekriege des alten Jugoslawiens abzuschließen
und den Weg zur dauerhaften Verbindung zur EU zu öffnen. Die NATO-Protektorate
in Bosnien und Kosovo sowie in Zukunft möglicherweise eine NATO-Präsenz
in Makedonien wäre das Faustpfand des Westens für einen solchen
großen Wurf.
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