Raimund Löw

Historiker und Journalist

 

 

 

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  "Falter" - Artikel
   

Mit Bekleidungsvorschriften in die Gesinnungsdiktatur, 3.2.2010


Europa schreckt sich vor ein paar hundert Burkafrauen. Knapp 2000 Trägerinnen des exotischen Ganzkörperschleiers gibt es laut Schätzungen des Geheimdienstes in Frankreich. Auf Dänemarks Straßen sind es 200. Ähnlich minimal ist in Belgien, den Niederlanden oder anderen europäischen Ländern die Zahl jener Frauen, die sich durch Burka, Niqab oder ein anderes je nach lokaler Tradition oder religiöser Sekte unterschiedliches Gewand vor fremden Männerblicken schützen wollen.
Ein Massenphänomen sind Totalschleier nur in wenigen - von religiösen Ultras und Stammestraditionen geprägten - Teilen der islamischen Welt, darunter in Afghanistan, in den pakistanischen Stammesgebieten, in Somalia oder Mauretanien. In Europa stehen Körperschleier für eine winzige Minderheit in der Minderheit.
Was Linke und Rechte quer über den Kontinent allerdings nicht daran hindert, mit dem schwersten aller Geschütze aufzufahren: der Forderung nach einem Verbot der Burka, wenn schon nicht auf jedem Gehweg und jeder Straße, so zumindest in öffentlichen Gebäuden und Verkehrsmitteln.
Eine Gefahr für die Werte der Republik sei das ominöse Kleidungsstück, urteilt eine Sonderkommission der französischen Nationalversammlung. In Dänemark gab es fast eine Regierungskrise, weil sich Rechte und Ultrarechte nicht über die Frage einigen konnten, ob die Burka auch im privaten Wohnbereich verboten werden soll. Italien überlegt den Einsatz von Antiterrorgesetzen, und auch Österreichs Frauenministerin würde gerne zum Verbot greifen, wenn es den Schleier hierzulande überhaupt gäbe.
Der Burkaausschuss der dänischen Regierung ist zum Schluss gekommen, dass die Hälfte Konvertiten sind, die einen demonstrativen Bruch mit ihrer westlichen Herkunft vollziehen wollen. Das Stereotyp vom islamistischen Mann, der seine Frau zum Ganzkörperschleier zwingt, findet die belgische Soziologin Tülay Umay durch die Empirie nicht bestätigt. Meist entscheiden sich Frauen in Europa individuell für die Burka. Oft gegen den Willen der integrationsbereiteren älteren Generation.
Zwei Monate lang hat die Soziologin Agnes De Feo für Le Monde totalverschleierte Frauen begleitet. Der Schwenk zur Verhüllung war häufig die Folge eines mystisch-religiösen Protests gegen eine als feindlich empfundene Umwelt, selten das Resultat eines männlichen Diktats. Christen tauchen manchmal in Sekten ab, Juden werden ultraorthodox, Jugendliche durchstechen sich Nase und Wange. Die Wege individueller Heilssuche in Randgruppen sind vielfältig, oft verrückt und nicht selten verstörend. Sie zuzulassen bedeutet noch lange nicht, dass man sie gutheißt oder nichts dagegen unternimmt. Eine liberale Gesellschaft macht aber daraus keine Staatsaffäre. Und dass die Regierung ihren Bürgern vorschreibt, welche Kleider sie tragen dürfen und welche nicht, das mag im China Mao Tse-tungs oder unter den Taliban üblich gewesen sein. Im Westen hält sich der Staat seit Beginn der Aufklärung aus solchen Fragen glücklicherweise heraus.
Bei der Allianz zwischen ultrarechten Populisten und linken Feministinnen gegen die Burka geht es scheinbar um Frauenrechte. "Sie wollen uns also ins Gefängnis stecken, um uns zu befreien?", fragte eine eloquente radikalislamische Aktivistin in der spätabendlichen "Newsnight" der BBC. Tatsächlich: Frauen elementare Rechte zu verweigern, wie die Benützung öffentlicher Verkehrsmittel, den Gang zum Bezirksamt, den Spitalsbesuch oder auch die Staatsbürgerschaft, nur weil sie die Burka tragen, würde in jedem anderen Zusammenhang als schändlicher Anschlag auf Freiheit und Demokratie gelten.
In Wirklichkeit liegt der Feldzug für das Burkaverbot auf einer Linie mit dem Schweizer Minarettverbot: Es geht um Antiislamismus und die Ängste vor dem Unbekannten.
Die praktischen Einwände gegen ein Verbot kommen aus Schweden: Regierung und Opposition lehnen eine Illegalisierung als kontraproduktiv ab, schließlich dürfe man diese Frauen nicht noch mehr marginalisieren. Man kann auch gegen die Burka als Symbol archaischer Geschlechtertrennung sein, ohne deshalb Frauen durch Verbote zu diskriminieren.
Der Philosoph Michel Foucault hat dafür plädiert, eine Gesellschaft danach zu beurteilen, wie sie mit Außenseitern umgeht. Die martialischen Töne gegen die winzige Anzahl von Burkaträgerinnen, nur um mit der populistischen Antiislamwelle schwimmen zu können, stellen Europas politischem Mainstream kein gutes Zeugnis aus.


 

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