Raimund Löw

Historiker und Journalist

 

 

 

Fenster schließen
 
  "Falter" - Artikel
   

Murdochs Fall, 19.7.2011

Wer dieser Tage britischen Reportern begegnet, entdeckt ein ungewöhnliches Leuchten in den Augen. Rupert Murdoch, der wichtigste Mediengigant der Welt, befindet sich im freien Fall. Was als Zeitungsskandal begonnen hat, entwickelt sich zum Großreinemachen der ältesten parlamentarischen Demokratie. Poetisch gestimmte Kolumnisten sehen Großbritannien am Beginn eines politischen Frühlings, vergleichbar mit dem Aufbruch der arabischen Welt. Das große Aufatmen ist auch bei jedem einzelnen Journalistenkollegen zu spüren, obwohl viele jetzt um ihren Job fürchten.

30 Jahre lang lag News Corporation, die weltweite Medienfirma des australisch-amerikanischen Milliardärs, wie eine Krake über Großbritannien. Jetzt ist der Befreiungsschlag gelungen. Im rasenden Tempo wird Rupert Murdoch vom allmächtigen Paten in Politik und Wirtschaft zum Punching Ball der Abgeordneten im britischen Unterhaus. Sogar in den USA, wo Murdochs Nachrichtenkanal Fox News der wichtigste Lautsprecher der republikanischen Rechten ist, hat das FBI auf Drängen mehrere Senatoren eine Untersuchung eingeleitet.

Die Politik, von Murdoch jahrzehntelang erniedrigt und gegängelt, schlägt zurück. Der größte Medienkonzern der Welt wird verdächtigt, wie eine kriminelle Organisation zu agieren.

Ermöglich hat den Befreiungsschlag die hartnäckige Recherche des Guardian, durch die illegalen Praktiken des inzwischen geschlossenen Boulevardblattes News of the World aufgedeckt wurden. Die Enthüllung, dass Murdoch-Reporter nicht nur Reiche und Berühmte bespitzeln, sondern auch in die Mailbox der entführten und ermordeten 13jährigen Milly Dowler eingebrochen sind, brachte das Fass zum Überlaufen.

Es war tausendfache Praxis. Ex-Premier Gordon Brown, dem während seiner Amtszeit kein Kniefall vor Rupert Murdoch zu peinlich war, sagt, die Sunday Times ließ sein Bankkonto ausspionieren und den Krankenakt seines Sohne stehlen. Mit Hilfe gewöhnlicher Krimineller.

Die Verbindung zwischen rechtem Boulevard und dem Staatsapparat ging so weit, dass die Polizei alle Untersuchungen gegen die illegalen Praktiken des Murdoch-Imperiums unterdrückte. Verantwortliche von Scotland Yard machtee später im Management von News International Karriere. Der Verdacht der Bestechung steht im Raum.

Dazu kommt politisches Dynamit für Amerika: auch Opfer des 11.September könnten im Auftrag von Murdoch-Zeitungen bespitzelt worden sein.

Brachialer Boulevard dieser Art war bei den Lesern erfolgreich. Voyeurismus zu bedienen ist marktkonform, wenn die Gewinne das entscheidende Kriterium sind. Rupert Murdoch hat gestützt auf seine überragende Marktstellung auch das politische Kräfteverhältnis verändert. Großbritannien wurde unter dem Druck seiner Blätter noch europafeindlicher. Schon seit Bill Clintons Zeiten drängt Murdochs Nachrichtensender Fox News Amerikas Rechte ins ultrarechte Eck. Die rechten Einpeitscher gegen Steuern, Staat und Barack Obama, die Amerika jetzt an den Rand der Zahlungsunfähigkeit bringen, sind politische Kinder Rupert Murdochs.

Widerstand gegen die Foxisierung der US-Medienwelt kam von der New York Times, dem Flaggschiff des liberalen Amerikas. Murdoch kaufte das Wall Street Journal, um die New York Times zu zerstören.

Erstmals gibt es jetzt die Chance, diesem Alptraum ein Ende zu breiten. Die tausendfachen „We are sorry“-Inserate des Milliardärs werden schwerlich zur Beruhigung reichen.

Ob der Umschwung ansteckend sein kann? Für Berlusconis Italien oder sogar für das Österreich der Familie Dichand? Die britische Gewissenserforschung erinnert die gesamte westliche Welt, dass kontrollierende Distanz und nicht Symbiose in einer Demokratie das adäquate Verhältnis zwischen Medien und politischer Macht ist.

Dass Lügen und Täuschen out sind, um journalistische Informationen zu erlangen, wird die Verteidiger des ehemaligen ÖVP-Abgeordneten Ernst Strasser freuen. Strasser ist von einer Spezialabteilung des Murdoch-Blattes Sunday Times zur Strecke gebracht worden, die mit falschen Identitäten an der Grenze der Legalität recherchiert.

Im High Noon gegen Rupert Murdoch darf nicht übertrieben werden. Neue Schranken für die Medien, wie sie in Großbritannien ebenfalls diskutiert werden, wären gefährlich. Gegen Missbrauch reicht das bürgerliche Gesetzbuch, solange es nur angewandt wird. Schließlich waren es nicht staatliche Kontrollore sondern die Aufdecker der New York Times und des Guardian, die das Imperium zum Wanken gebracht haben.

 

nach oben, Fenster schließen

 
  site by Adrian Rossmann