Raimund Löw

Historiker und Journalist

 

 

 

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  "Falter" - Artikel
   

Mut zur Wahrheit, 19.2.2003

"Die heutige Botschaft kommt aus einem alten Land, Frankreich, und aus einem Kontinent, Europa, der Krieg, Besatzung und Barbarei erlebt hat", schließt Frankreichs Außenminister Dominique de Villepin vergangene Woche im UNO-Sicherheitsrat seine Antikriegsrede in die Richtung des sichtlich unangenehm berührten amerikanischen Außenministers Colin Powell. "Es ist ein Land, das nicht vergißt und genau weiß, was es den Kämpfern für die Freiheit aus Amerika und anderswo verdankt. Das aber trotzdem niemals aufgehört hat, im aufrechten Gang vor die Geschichte und die Menschheit zu treten." Unvermutet gibt es Szenenapplaus von UNO-Diplomaten aus aller Herren Länder für "Old Europe pur", verkörpert im aristokratischen Abgesandten Jacques Chiracs. Mit Deutschland im Rücken und Rußland an der Seite ist Frankreich dem stürmischen Drängen der Supermacht Amerika zum militärischen Showdown mit dem irakischen Diktator entgegen getreten. Die Regierung in Washington, die sich noch Tage zuvor dank der Unterstützung einer wachsenden Phalanx von Bush-Freunden in den europäischen Staatskanzleien in der Offensive wähnte, mußte zurückrudern und die Entscheidung verschieben.
Den Krieg hat man damit noch lange nicht vermieden. Das Pentagon ist erst Anfang März mit seinem Aufmarsch fertig und Militärexperten nennen seit Wochen die Neumondnacht des 4.März als Wunschdatum des General Tommy Franks für den Beginn des Angriffs. Aber politisch sind die Franzosen mit ihrer Hartnäckigkeit den Kriegsstrategen in Washington ordentlich in die Parade gefahren. Dass Paris sogar in der NATO, in der die USA historisch stets den Ton angaben, eine rebellische Dreierallianz zur Blockade der gewünschten Kriegsvorbereitungen gezimmert hat, bringt das Blut der amerikanischen Hardliner zum Kochen. Richard Perle, der Mann, der ausspricht, was sein Chef Donald Rumsfeld denkt, hält die Idee von den Europäern als Verbündeten inzwischen für überholt und will die USA als "Gegengewicht" zum alten Kontinent verstanden wissen. Für die Offenheit sollte man dankbar sein: sie macht klar, dass sich Teile der gegenwärtigen amerikanischen Administration Alliierte nur als Vasallen vorstellen können. Was der jeweiligen imperialen Taktik widerspricht, gilt ihnen als illegitime Rebellion. Den von George Bush so begeisterten Regierungen in Polen, Tschechien oder Ungarn (die Bevölkerung denkt nicht viel anders als in Deutschland oder England), die in der EU bei jeder Stärkung der Brüsseler Zentrale die Wiederkehr sowjetischer Zeiten an die Wand malen, sollten solche Reflexe nicht ganz unbekannt sein.
Keine Sorge: eine amerikanische Breschnew-Doktrin über die begrenzte Souveränität von Verbündeten steht wohl kaum vor der Tür. Eher zu erwarten ist ein neues Aufflammen des inneramerikanischen Streits zum Thema Unilateralismus, der noch im vergangenen Sommer zum Disput zwischen den dem altmodischen Multilaterialismus verpflichteten engsten Mitarbeiter von Bush Senior und den Falken im gegenwärtigen Kabinett
Von Bush Junior führte. Denn mit ihrer offensiven Militärstrategie, die im Plan einer zweijährigen amerikanischen Besetzung des Irak unter General Tommy Franks mündet, haben Donald Rumsfeld und Dick Cheney genau das bewirkt, was imperiale Herrrscher sonst stets zu vermeiden suchen: den Zusammenschluß aller nachfolgenden Mächte mit dem Ziel, der Nummer eins auf der Welt möglichst viele Steine in den Weg zu legen.
Kriege schaffen in der Regel neue Fronten und Allianzen, die dann auch noch Jahre danach prägend sind. Der Irakkkrieg hat das bereits getan, bevor noch der erste Schuß gefallen ist. Sollten sich in Washington die Falken durchsetzen, dann kann sich Europa auf einiges gefaßt machen. Imperien pflegen zurückzuschlagen, wenn sie bei der Verfolgung eines ihrer Meinung nach lebenswichtigen Zieles behindert werden. Die Isolation Frankreichs durch den Sturz der rotgrünen Regierung könnte das naheliegendste Ziel einer amerikanischen Gegenstrategie werden. Aber auch weitergehende Verschiebungen in der amerikanischen Europapolitik sind denkbar: Eine US- Regierung, die der europäischen Integration nicht mit skeptischem Wohlwollen gegenübertritt wie bisher, sondern mit der eisigen Feindseligkeit eines Konkurrenten, würde die Rahmenbedingungen für die EU schlagartig verändern.
So oder so: die EU ist durch den großen Streit über den Irakkrieg an einem Scheideweg angelangt. Die Vorstellung, dass Außenpolitikkommissare, Hohe Repräsentanten oder andere bürokratische Konstruktionen zu einer gemeinsamen Außenpolitik von bald 25 EU-Mitgliedsstaaten führen können, hat sich als Illusion erwiesen. Gleichzeitig hat sich jedoch auch gezeigt, dass das konsequente gemeinsame Vorgehen eines europäischen Kerns durchaus Gewicht hat und selbst die Pläne der amerikanischen Supermacht durchkreuzen können, wie Frankreich und Deutschland in der NATO und im Sicherheitsrat demonstriert haben. Bleiben Paris und Berlin weiter auf gleicher Wellenlänge, dann wird diese Allianz als Vorhut von nicht zu unterschätzendem Gewicht für ganz Europa wirken. Polnische Regierungschefs und makedonische Präsidenten mögen in Washington durch Solidaritätserklärungen für Begeisterung über ein angebliches "neues Europa" sorgen: aber der Pentagonchef wird weder die Polizei in Makedonien aufbauen noch die polnische Landwirtschaft subventionieren, dieses Geld kommt von europäischen und vor allem deutschen Steuerzahlern. Chirac und Schröder wissen schon jetzt in ihrer Haltung zum Irakkrieg die überwiegende Mehrheit der Europäer hinter sich. Blair oder gar Berlusconi und Aznar sprechen nicht einmal für ihre eigene Bevölkerung.
Welche Tradition wäre besser geeignet für die Stimme Europas, als jene der Französischen Revolution mit ihren universellen Werten, kombiniert mit einem durch die Auseinandersetzung mit der eigenen Vergangenheit geläuterten Deutschland? Amerikanisiert wie ganz Westeuropa sind sowohl Deutschland als auch Frankreich, das erleichtert die Verständigung mit dem Rest des Kontinents!
Egal wie der weltpolitische Poker um einen Irakkrieg ausgeht: Für Europa und Amerika brechen neue Zeiten herein. Manchen Vertretern der Regierung Bush wird es als das aller wichtigste erscheinen, eine möglichst große Anzahl von Vasallen aufweisen zu können. Die größten Teile der amerikanischen Eliten werden jedoch letztendlich erkennen, dass es vorteilhafter ist mit Partnern zusammenzuarbeiten, die manchmal auch wagen unangenehme Wahrheiten auszusprechen.

 

 

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