Raimund Löw

Historiker und Journalist

 

 

 

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  "Falter" - Artikel
   

NATO rules, 31.3.1999


Vergangenen Oktober sah alles so erfolgversprechend aus: nach zehn Jahren geduldigen aber einsamen gewaltfreien Widerstands der Albaner in Kosovo hatten 15 Monate Guerillakrieg genügt, um die internationale Diplomatie auf den Plan zu rufen. Der Westen tat genau das, was er bei Unterdrückung und Vertreibung in anderen Erdteilen so oft verabsäumt: er mischte sich ein. Nicht zuletzt dank der Drohung mit NATO-Luftangriffen gelang es Richard Holbrooke der serbischen Führung die Zulassung von mehreren tausend OSZE-Beobachtern in Kosovo abzuringen. Der erste Schritt zur Befriedung des explosivsten aller Balkankonflikte via Internationalisierung schien getan.
Und jetzt steckt Europa mitten im Krieg. Die B-52 Bomber, die einst die Bombenteppiche über Vietnam gelegt hatte, starten gegen jugoslawische Ziele.
Die Schlußfolgerungen aus diesem GAU der Diplomatie sind zum Teil höchst überraschend: Viele Konservative wie der deutsche Ex-Verteidigungsminister Volker Rühe, französische Gaullisten und britische Tories stehen der Aktion ablehnend gegenüber. Daniel Cohn-Bendit dagegen, Symbolfigur des Mai 68, unterstützt den Griff zu den Waffen, ebenso wie sein nun zum kriegsführenden Staatsmann mutierter grüner Freund Joschka Fischer.
Die Erklärung liegt nicht nur in der Logik der für die Grünen neuen Regierungsfunktion: imperialistische Eroberungsziele können der NATO
diesmal selbst die schärfsten Kritiker nicht unterstellen . Ebensowenig geht es wie einst im Kalten Krieg um Punkte im Kampf gegen eine konkurrierende Supermacht. Vielmehr knüpft die westliche Allianz an die Erfahrung des Bosnienkrieges vor dreieinhalb Jahren an, als sich zeigte, daß auf dem Balkan Waffen - richtig eingesetzt - tatsächlich Frieden schaffen können. Und zwar wirkungsvoller als Jahre eines teuren und aufreibenden UNO-Friedenseinsatzes. Ohne die Cruise Missiles der NATO wäre es 1995 nicht zu den Verhandlungen von Dayton und dem bis heute haltenden bosnischen Frieden gekommen. Auch damals gab es NATO-Luftangriffe gegen serbische Stellungen, ohne UNO-Beschluß. Auch damals gab es russische Proteste.
Die NATO führt auf dem Balkan keinen Eroberungsfeldzug: sie bombt um einer unterdrückten Minderheit zu ihrem Recht zu verhelfen. Ihr Ziel ist es, eine weitere Eskalation zu blockieren.
Daß das Atlantische Bündnis gleichzeitig auch aus massivem Eigeninteresse heraus handelt, ist ebenfalls klar: denn zehn Jahre nach Ende des Kalten Krieges
muß sich die NATO ein für alle mal als d i e europäische Ordnungsmacht etablieren. Gelingt es ihr nicht der Situation in Kosovo Herr zu werden, verliert sie ihre Existenberechtigung. Das Schicksal aller anderen siegreichen Militärallianzen dieses Jahrhunderts wäre ihr sicher: mangels Aufgabe und Feind würde sie unweigerlich zerfallen.
Dagegen ist jetzt sogar wieder der fehlende Außenfeind in Sicht: Rußlands antiwestlicher Konfrontationskurs in der Jugoslawienkrise hilft der Allianz nur wenige Tage nach der Aufnahme neuer Mitglieder zu verstärkter ideologischer Kohärenz. Es wäre erstaunlich, wenn die strategischen Planer in Bruxelles diesen diplomatischen Nebeneffekt einer eskalierenden Jugoslawienkrise nicht einkalkuliert hätte.
Daß die Befriedung des Balkan plötzlich auch mit derart extremen Mitteln wie tagelangen Bombardements versucht wird, hängt allerdings ebenso mit dem europäischen Vereinigungsprozeß zusammen. Ein Srebrenica, mit den hunderten ermordeten Buben und Männern, in direkter Reichweite der europäischen Politik, ist schlimm genug. Ein Dutzend Srebrenicas, wie sie in Kosovo drohten, ohne daß die um eine gemeinsame Sicherheitspolitik ringende Europäische Union eingreift, wäre tödlich gewesen. Das mag die ungewöhnlich Bereitschaft der Briten, Franzosen und Deutschen erklären, sich dem amerikanischen Drängen anzuschließen, diesmal mit den Drohungen ernst zu machen.
Bleibt die große Frage nach Verhältnismäßigkeit und Zweckmäßigkeit der Mittel. Tagelange Bombenangriffe gegen einen souveränen Staat, nur weil er eine nationale Minderheit drangsaliert: das hat es tatsächlich noch nie gegeben. Wie lange wird es nun dauern, bis die Serben, immerhin die wichtigste Nation des Balkan, wieder in den Prozeß der europäischen Verständigung eingebunden sind? Oder droht nach dem Vorbild des Irak mitten in Europa ein auf Jahre5 geächtetes und unkontrollierbares Regime? Wäre es nicht möglich gewesen, nach der erfolgten Etablierung der OSZE-Beobachter als drittem Machtfaktor in Kosovo mit längerem Atem zu verhandeln und auf militärische Ultimaten zu verzichten? Hätte sich die NATO nicht auf einzelne symbolische Schläge beschränken können, um dann weiter auf diplomatischen und wirtschaftlichen Druck zu setzen?
Sichere Antworten gibt es keine.
Aber nach fünf Tagen des Luftkrieges läßt das dramatische Tempo, mit dem der Luftkrieg für die Kosovo-Albaner zur Katastrophe wird, die NATO-Strategie denkbar hohl aussehen. Realistisch scheinen nur mehr zwei
Szenarien: entweder die Angriffe werden abgebrochen, Rußland oder die UNO übernehmen die Vermittlung, und es kommt die neuen Verhandlungen. Die Logik der Entwicklung würde dann für eine Teilung Kosovos inklusive weitflächiger ethnischen Vertreibungen sprechen. Oder aber zur Rettung der Kosovo-Albaner bleibt nur mehr der Einsatz von Bodentruppen. Und das hieße auf Jahre hunderttausende amerikanische und europäische Soldaten auf dem Balkan.



 

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