Raimund Löw

Historiker und Journalist

 

 

 

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  "Falter" - Artikel
   

Nach dem EU-Gipfel: Europa wird politische Union, 14.12.2011

Europäische Gipfel kennen nur Sieger. An dieser Grundregel hat auch das 26:1 in Brüssel letzte Woche nichts geändert. David Cameron lässt sich von seinen Parteifreunden  als Held feiern, weil er für das  Interesse der Londoner City  in die Schlacht gezogen ist. Dass der Premierminister mit seinem einsamen Veto  britische Anliegen kein  Jota weiter gebracht hat, geht im Pulverdampf unter. In der konservativen Times illustriert ein Maenaeken Pis, das sein Geschäft auf dem Kopf des  Briten erledigt,  die Schieflage zwischen  Insel und  Kontinent.
   Frankreich jubelt über die Ausgrenzung Großbritanniens, als ob der 100jährige Krieg gerade zu Ende gegangen wäre.  Hatte De Gaulle nicht Recht, als er den britischen EG-Beitritt jahrelang blockierte?  Allerdings hat  Nicolas Sarkozy  bei der Weichenstellung für Euroland wenig eigene Ideen durchgebracht.  Angela Merkel  gibt die Richtung vor. Die deutsche Presse, unisono erfreut über den rauen Wind in der EU, applaudiert, weil die in Frankreich ungeliebten automatischen Sanktionen gegen  sogenannte Budgetsünder jetzt vertraglich abgesichert werden.
    Ob der Kontinent jetzt entscheidend besser gerüstet ist gegen neue Angriffe auf den Euro, muss sich erst zeigen. Die Abstufung  der Staaten durch  Rating Agenturen wird weitergehen. Nach wie vor ist das Risiko einer Bankenpleite gegeben. Die gigantischen Summen, die Italien und Spanien in den nächsten Monaten aufnehmen müssen,  weil Staatsanleihen in der Höhe von mehreren hundert  Milliarden  auslaufen, werfen ihre Schatten voraus.
   Immerhin wird der permanente Europäische Stabilisierungsmechanismus, der den provisorischen Eurorettungsschirm ablöst, vorgezogen. Es wird leichter sein Entscheidungen zu fällen, weil die  Kleinen trotz Zähneknirschens in Finnland und den Niederlanden auf Einstimmigkeit bei Einzelbeschlüssen verzichten. Der Internationale Währungsfonds erhält 200 Milliarden aus den Nationalbanken, um für akute Krisenfälle besser gerüstet zu sein. Schuldenbremsen, vor Jahren von amerikanischen Konservativen erfunden, haben zwar wenig praktischen Wert, sollen aber jetzt in Europas Verfassungen. Dass die Europäische Zentralbank sich im Gegenzug ermutigt fühlen könnte, endlich  massiv selbst Staatsanleihen zu kaufen, wie so ziemlich alle nichtdeutschen Finanzexperten fordern, bleibt allerdings vorläufig Spekulation.  
  Sparen und Schuldenabbau werden zur Staatsdoktrin der EU.   
    2008, als die Finanzkrise das erste Mal zuschlug,  wollte Frankreichs Nicolas Sarkozy den Kapitalismus neu erfinden. In der Welt der Finanzen wird jeder Akteur, jeder Platz, jedes Instrument reguliert, versprach  Angela Merkel. Inzwischen hat sich der Diskurs verschoben.  Um Regulierung geht es zwar in  zahlreichen technischen Vorschlägen der EU-Kommission.   Politisch blicken die Europäer jedoch gebannt darauf,  das Vertrauen der zuvor so heftig  gescholtenen Märkte zurück zu gewinnen. Aber, das ist der entscheidende positive Schritt,  durch eine Vertiefung der wirtschaftlichen Zusammenarbeit im Moment der größten zentrifugalen Tendenzen.
  Die   Weichenstellung, die  von der Brüsseler Nacht des 8.zum 9.Dezember ausgeht, geht über die  mageren sachlichen Ergebnisse weit hinaus.   In der Frankfurter Allgemeinen Zeitung  sieht Günther Nonnenmacher den Grundstein für eine politische Union gelegt. Sogar der österreichische Bundeskanzler, kein EU-Romantiker, glaubt, dass die Finanzkrise eine  Europäische Föderation in den nächsten paar Jahren erzwingen wird. Für die  unvermeidliche Volksabstimmung hat SPÖ-Europaabgeordneter Hannes Swoboda auch schon einen Termin in Kopf: den Sommer 2014, gleichzeitig mit den nächsten Europawahlen.  Sicher ist: das  neue Euro-Abkommen   wird auch ohne EU-Vertragsveränderung zur  intensivsten  Diskussion über die Zukunft des Kontinents seit langem führen.
  Die wichtigste Arena werden  die nationalen Parlamente  sein. Das Europaparlament ist der große Verlierer. Von den EU-Abgeordneten kommen daher auch die heftigsten Proteste gegen den jetzt beschlossenen  intergouvernementalen Weg. Tatsächlich kann ein Staatsvertrag  höchstens den Anstoß zum Umbau geben.  Am Ende wird auch ein gestärktes Gremium der europäischen Demokratie stehen müssen.  Dazu wird es  nicht reichen, wenn die Abgeordneten der  durchlöcherten Unionsmethode als solcher nachzutrauern. Das Europaparlament müsste die große  Lücke der von Angela Merkel vorgezeichneten Fiskalunion ausfüllen und soziale Solidarität einfordern, gespeist genauso aus Fonds von hunderten Milliarden  wie die Eurorettungsschirme.  Mit einer freudlosen Union von Strafen, Sanktionen und Disziplinierungen, wie der britische Guardian die deutschen Pläne  zeichnet, werden die Europäer nicht Tritt fassen.

 

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