Raimund Löw

Historiker und Journalist

 

 

 

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  "Falter" - Artikel
   

Nagelprobe Berlusconi, 9.7.2003


Am leichtesten ist die Frage zu beantworten, warum Silvio Berlusconi mit seinen Ausfällen gegen politische Gegner und der Einschränkung der Justiz in Italien nicht jener Art von "Sanktionen" ausgesetzt ist, mit der einst die schwarz-blaue Regierung in Österreich konfrontiert war. Europa hat sich nämlich politisch genau in die Richtung verändert, die einst Wolfgang Schüssel und Jörg Haider vorgezeichnet haben. Was noch vor 3 Jahren als Skandal erschien, ist längst Normalität. Rechtsparteien, die mit nationalistischen Anti-EU-Parolen groß geworden sind, tragen in mehreren Staaten Regierungswürde. Die "Maßnahmen" der EU-14 gegen die Regierung in Wien haben zwar dazu beigetragen, dass die Symbolfigur Jörg Haider den Parteivorsitz der FPÖ vorerst einmal abgegeben hat, der Versuch einen europaweiten Trend zum Rechtspopulismus zu stoppen, ist jedoch gescheitert.
Berlusconi weist zwar die Besonderheit auf, der reichste Mann Italiens mit dem weltweit direktesten Zugriff eines Regierungschefs auf die Fernsehsender seines Landes zu sein, er verkörpert jedoch wie kein anderer den Brückenschlag zwischen traditionellen Konservativen und Rechtspopulisten. Michel Rocard, als französischer Sozialdemokrat einer der langjährigen Gegenspieler des Italieners im Europäischen Parlament, sagt, Berlusconi sei "fast ein Rechtsextremer", weil er sich in punkto Beschimpfung und Verächtlichmachung politischer Gegner die Verhaltensweise der Le Pens und Haiders zu eigen gemacht habe. Trotzdem wurde der umstrittene "Forza Italia"-Chef von der Europäischen Volkspartei in allen Ehren aufgenommen und auch nach dem Eklat rund um den KZ-Kapo-Vergleich Berlusconis für den deutschen Sozialdemokraten Schulz sind Europas Christdemokraten sichtlich bemüht die Wogen zu glätten.
Ein Mann wie Silvio Berlusconi an der Spitze der EU ist ein Krisensymptom für die Gesamtheit der europäischen Verhältnisse. Mit nationalen Ressentiments behaftete Polemiken quer über die Grenzen hat es bisher zwar in der europäischen Medienwelt immer wieder gegeben, aber für die Politik waren derartige Untergriffe in der EU bislang undenkbar. Dass ausgerechnet ein Ratspräsident dieses Tabu durchbricht, beschädigt weiter das politische Grundvertrauen, auf dem das Gebäude der europäischen Integration bisher aufgebaut war. Wer geglaubt hat, nach den Erschütterungen des Irakkrieges kommen ruhigere Zeiten auf die EU zu, hat sich getäuscht. Hinter dem Rücken der Partner haben die Kriegsbefürworter in der EU Anfang des Jahres ihre von einem amerikanischen Lobbyisten verfasste "Erklärung der acht" zur Unterstützung von George Bush veröffentlicht. Wer weiß, wozu sich Silvio Berlusconi hinreißen lassen wird, wenn er mit stolzgeschwellter Brust in zehn Tagen seine Spezialbeziehung zum amerikanischen Präsidenten mit einem Besuch im Weißen Hauses in Washington demonstriert?
Aber es gibt auch eine andere Seite: den Krisenerscheinungen in der Politik steht eine beachtliche institutionelle Stabilität Europas gegenüber. Die Mega-Krise um den Irakkrieg hat weder die Osterweiterung noch die Vorbereitung einer Europäischen Verfassung durch den Konvent blockiert. Die Integration schreitet zwar im Schneckentempo voran und der große Sprung zu einer echten EU-Regierung mit außenpolitischer Kompetenz ist ausgeblieben, aber vom Scheitern war der Konvent nie wirklich bedroht. Selbst das anfangs so bombastische antitschechische Sperrfeuer gegen die Erweiterung aus Österreich ist kläglich verhallt. Den ersten großangelegten Desintegrationsversuch der Regierung Bush nach dem Irakkrieg rund um den Internationalen Menschenrechtsgerichtshof hat Europa bravourös abgewehrt: nur Albanien, Bosnien und Rumänien haben dem amerikanischen Drängen nachgegeben und die gewünschte Ausnahmeregelung beschlossen, wonach sie niemals US-Staatsbürger an das Haager Tribunal ausliefern werden. Weder das proamerikanische Polen, noch gar Italien, Spanien oder Großbritannien sind ausgeschert.
Auch die Institutionen der parlamentarischen Demokratie haben die rechtspopulistische Attacke recht gut überstanden. Regierungswechsel haben nirgends zu einem Systemwechsel geführt. Selbst in Italien, wo nach dem Zerfall der Parteienlandschaft des Kalten Krieges der Bruch am tiefsten geht, zweifelt niemand daran, dass sich Berlusconi, anders als etwa aus ähnlichen Krisen hervorgegangene lateinamerikanische Caudillos, spätestens in drei Jahren echten und fairen Wahlen stellen müssen wird.
Die sicherste Konsequenz der Berlusconi'schen Ausfälle dürfte auf der Ebene der Institutionen ein Schritt in Richtung Integration sein: das endgültige Ende der alle 6 Monate rotierenden EU-Präsidentschaft. In Brüssel hofft man, dass selbst die entschiedensten Anhänger dieser komplizierten Einrichtung, darunter auch die Regierung in Wien, jetzt einsehen werden, wie riskant es sein kann, wenn der Zufall der Rotation der EU einen unberechenbaren Präsidenten beschert. Klar: ein auf mehrere Jahre gewählter Ratsvorsitzender ist noch keine Garantie gegen zentrifugale Kräfte. Aber im Gleichschritt mit anhaltendem Konsens im Kernbereich der EU könnte die neue Institution einer fixen Präsidentschaft ein Gegengewicht gegenüber der mit der Erweiterung wichtiger werdenden Peripherie werden.
Kerneuropa wird sich weiter um die beiden Schlüsselstaaten Deutschland und Frankreich bilden, denen es bisher glücklicherweise gelungen ist, ihre Regierungen von rechtspopulistischen Einflüssen frei zu halten. Die Konservativen auf beiden Seiten des Rheins haben an der traditionellen scharfen Abgrenzung zu EU-feindlichen Strömungen am rechten Rand festgehalten, sodaß die deutsch-französische Achse auch über die Parteigrenzen hinweg neues Gewicht bekommt. Nach dem gemeinsam formulierten Nein zu Bush's Irakkrieg sind Paris und Berlin jetzt dran, die europäische Wirtschaftspolitik von den Zwängen des Stabilitätspaktes zu befreien: in der Rezession setzt die konservative Regierung Raffarin ebenso wie das rotgrüne Kabinett Schröder auf eine Kombination von Strukturreformen und Deficit Spending.
Leicht wird es für Europa nicht, das in der Person des Ratspräsidenten Berlusconi verkörperte rechtspopulistische Risiko zu meistern. Schließlich kommen erschwerend die Herausforderungen der Erweiterung und die Schalmeientönen des republikanischen Washington dazu. Aber solange die EU-Institutionen sich weiterentwickeln und die deutsch-französische Achse hält, bleibt die Chance intakt, dass die Antworten auf Krisen in Europa zu einer Weiterentwicklung der Union führen.

 

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