Raimund Löw

Historiker und Journalist

 

 

 

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  "Falter" - Artikel
   

Naher Osten: Zeit, dass sich Europa einmischt, 29.10.2008

Die Welt hat Glück. Zu einer Kombination von Bankenkrach und Börseneinbruch mit heißem Krieg ist es nicht gekommen. Russland zeigt sich nach dem Kaukasuskrieg wieder von seiner konzilianten Seite, und auch die Nato fährt ihre Rhetorik herunter. Sogar die Gefahr eines israelischen Präventivschlags gegen den Iran scheint vorläufig vorbei zu sein. George Bush persönlich hat, wie man jetzt weiß, beim israelischen Ministerpräsidenten Ehud Olmert sein Veto eingelegt.
Man erinnert sich: Noch vor dem Sommer übte die israelische Luftwaffe im östlichen Mittelmeer für alle Welt sichtbar Luftangriffe auf iranische Nukleareinrichtungen. Die höchsten Spitzen der EU sahen den Weltfrieden bedroht.
Doch die USA glauben nicht an den Erfolg eines kurzen, einmaligen Schlages. Die Perspektive eines neuen, langen Krieges mit völlig unberechenbaren Fronten schreckte das Pentagon. Das politische Chaos nach israelischen Luftangriffen gegen den Iran wird von der pragmatischen Fraktion der Regierung Bush als gefährlicher eingeschätzt als das iranische Atomprogramm.
Das Bush'sche Veto, das der britische Guardian aufgedeckt hat, zeigt, wie explosiv der Nahe Osten nach wie vor ist. Erst vor wenigen Wochen ist Ex-Generalstabschef Shaul Mofaz bei den internen Vorwahlen der Regierungspartei Kadima um die Nachfolge Olmerts nur ganz knapp unterlegen. Der Hardliner plädiert schon seit langem für einen israelischen Angriff. Dank eines Vorsprungs von sage und schreibe 431 Stimmen nimmt die bisherige Außenministerin Tzipi Livni einen Anlauf, um zur nach Golda Meir zweiten Frau an der Spitze der israelischen Regierung aufzusteigen. Doch die jetzt Anfang 2009 bevorstehenden Neuwahlen stellen angesichts der guten Umfragewerte von Likud-Chef Benjamin Netanjahu eine riesige Hürde dar.
Anders als Golda Meir, die legendäre Regierungschefin der 70er-Jahre, die von der Existenz eines palästinensischen Volkes nichts wissen wollte, verhandelte Tzipi Livni mit Palästinenserpräsident Mahmud Abbas. Der Werdegang der pragmatischen Außenministerin aus einer prominenten Rechtsaußenfamilie steht für die unsichere Suche Israels nach einem Ausweg aus dem Zyklus von Krieg und Gewalt.
Irgun, die rechtsnationalistische Untergrundorganisation, zu der ihr Vater Eitan Livni gehörte, zündete ihre Bomben sowohl gegen die britische Mandatsmacht als auch gegen die ansässigen Araber. Als junge Frau war Livni Mitarbeiterin des Auslandsgeheimdienstes Mossad, der des Terrorismus verdächtige PLO-Aktivisten in halb Europa ermorden ließ. Jetzt will sie einen palästinensischen Staat und führt indirekte Verhandlungen mit Syrien über die Rückgabe der Golanhöhen.
Seit dem Osloer Abkommen und dem Händedruck zwischen Jitzhak Rabin und Jassir Arafat im Weißen Haus sind solche Anläufe immer wieder ins Leere gegangen. Die Lebensbedingungen in der besetzten Westbank und Gaza pendeln an der Grenze des Unerträglichen.
Nicht einmal aus der versprochenen Beseitigung sogenannter illegaler Siedlungen ist etwas geworden. Erst vor kurzem hat das Europäische Parlament an Zahlen erinnert, die für jeden demokratischen Staat ein Skandal sind. 11.000 palästinensische Häftlinge, darunter dutzende Abgeordnete des palästinensischen Parlaments und Minister der Hamas, bevölkern die israelischen Gefängnisse.
In Israel selbst hat sich die Sicherheitssituation deutlich verbessert. Die Zeit der fast wöchentlichen Selbstmordanschläge ist vorbei.
Aber ein Teufelskreis von innenpolitischen Krisen und unerwarteten Eruptionen hat in der Vergangenheit Anläufe, in denen Israelis und Palästinenser aufeinanderzugingen, immer wieder zerstört. Die Kugeln des Rabin-Mörders brachten die Friedenspolitik nach Oslo um. Der Plan Ariel Sharons, des Hardliners par excellence, zum einseitigen Rückzug aus den besetzten Gebieten endete im missglückten Libanonfeldzug seines Nachfolgers Olmert. Livnis Verhandlungsreigen mit den Palästinensern droht nun durch ein Comeback des rechten Hardliners Netanjahu zunichtegemacht zu werden.
Ab dem 20. Jänner 2009 wird allerdings auch die neue Führung in Washington ein Wörtchen mitzureden haben. Vielleicht bringen dann auch die Europäer endlich einmal eigene Ideen in die Nahostpolitik ein, so wie sie das während des Kaukasuskonflikts und in der Finanzkrise erstaunlich erfolgreich geschafft haben.

 

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