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Nahost,
7.2.2001
Die letzten Israelis in Beirut waren jene Kampfpiloten gewesen,
die vor eineinhalb Jahren das Umspannwerk von Psalim bombardiert haben.
Der halbe Libanon war danach tagelang ohne Strom. In den südlichen
Stadtvierteln prägen die bärtigen Mullahs der schiitischen Hisbolla
das Stadtbild. Mustafa Pirani ist mit Frau und Kind in den Bergen des
Schuf bei einem gezielten israelischen Raketenangriff ermordet worden,
das weiß hier jedes Kind. Dazwischen die lange Reihe von islamischen
"Märtyrern", die im selbstmörderischen 18jährigen
Kleinkrieg die israelischen Streitkräfte zum Rückzug aus dem
Südlibanon gezwungen haben. Der Feind hat überall seine Spuren
hinterlassen. Irgendwo hat hier Ehud Barak 1973 getarnt in Frauenkleidern
eigenhändig ein palästinensisches Kommando des "Schwarzen
September" kaltgestellt.
Wir folgen den gelben Fahnen der Hisbolla zum hochmodernen Spitalskomplex
der islamischen Bewegung: Imam Chomeini auf Marmor-verkleideten Wänden.
Ob in der Radiologie oder bei der Blutplasma-Analyse: stolz zeigt man
uns den letzte Schrei amerikanischer High-Tech-Geräte. Die Stationsschwester
versichert, hier frage man weder nach politischer Überzeugung noch
nach der Religion. Meine Einwand, ob hier auch Juden aufgenommen würden,
führt zu einem fassungslosen Lachanfall der Anwesenden. "Israel
wird immer unser Feind bleiben, das lehrt uns der Koran", hält
man mir entgegen.
"Ein chirurgischer Eingriff der israelischen Luftwaffe", weist
mein Begleiter auf eine der vielen Häuserruinen der Hauptstadt, die
wir passieren, um ins Palästinenserlager Schatila zu gelangen, wo
christliche Milizen 1982 eines der schrecklichsten Massaker des Nahostkonflikts
angerichtet haben. Die israelischen Truppen hatten die Mörder ins
Lager gelassen. Ariel Sharon mußte in der Folge als Verteidigungsminister
zurücktreten. "Die Juden" hätten damals Frauen und
Kinder aus den Häusern gezerrt und massakriert, erzählt ein
Jugendlicher beim Eingang des Handy-Shops von Schatila, so hätte
er es gehört. Tatsächlich ist kein einziger der verantwortlichen
christlichen Killer je zur Rechenschaft gezogen worden: der Chef der Kataeb-Miliz
Eli Hobeika fand Jahre später sogar den Weg in die Regierung. Aus
der Hochburg der palästinensischen Revolution von vor 30 Jahren ist
ein trauriger Slum geworden. Gewachsen in den Ruinen verlorener Kriege,
aber immer noch zusammengehalten vom politischen Traum einer Rückkehr
in die verlorene Heimat Palästina. Unter einem verblichenen Porträt
von George Habash im kargen Büro der Arafat-feindlichen Volksfront
für die Befreiung Palästinas argumentiere ich ohne viel Resonanz
für die Idee von Verhandlungen mit Israel.
Was Ariel Sharon an der Spitze der israelischen Regierung bedeuten würde,
ist das Lieblingsthema der libanesisch-palästinensischen Intelligenz.
Joseph Samaha schreibt für das arabische Qualitätsblatt "Al
Hayatt". Er glaubt, daß der Libanon aus dem Schneider ist:
"Für einen Mann der Geschichte Sharons sind wir ein zu sensibler
Ort. Wenn er zuschlägt, dann gegen Arafat." Auch Syrien halten
Viele als Objekt Sharon'scher Aggressionen für denkbar: schließlich
könne auch Assad Junior eine kleine Bluttaufe gut gebrauchen. Nicht
wenige Palästinenser finden einen Sieg Sharons gar nicht so schlecht,
das würde der Welt zumindest die Augen über Israel öffnen,
glauben sie.
Die Jordanian Airline mit der Flugnummer RJ 402 hebt in Richtung Amman
ab. Das Gepäck kann überall hin durchgecheckt werden, nur nicht
nach Tel Aviv. Auf Flugsteig 6 in Amman verneigen sich zwei Beduinen zum
Mittagsgebet gen Mekka. Sie sind ebenso auf dem Nachhauseweg wie die israelischen
Geschäftsleute und Touristen, die an Bord gehen. Keine 5 Stunden
dauert die Flugreise von Beirut nach Tel Aviv.
"Es wird Krieg geben," auf dem Weg vom Ben Gurion Flughafen
zeigt der Taxifahrer auf die blauweißen Wahlplakate am Straßenrand.
Er kommt aus Taschkent und spricht russisch, das erleichtert mir die Kommunikation.
Alles habe Barak den Palästinensern angeboten, sogar die Herrschaft
über den Tempelberg. Nichts war ihnen genug. "Barak hat sich
von Arafat an der Nase herumführen lassen. Wenn die Araber keinen
Frieden wollen, dann wird es eben keinen geben." Ein russischer Sender
tönt aus dem Radio, aber auszuwandern nach Israel, das war die beste
Entscheidung seines Lebens, betont er.
Die russischen Einwanderer gehören inzwischen zum rechten Spektrum
der israelischen Politik: "Anders als wir, haben die einfach noch
nie einen Krieg erlebt", bemerkt trocken der aus Wien stammende langjährige
TV-Producer Norbert Zerwanitzer. Die Zeitungen diskutieren, ob sich der
russische Abgeordnete Avigdor Lieberman, der laut darüber nachdenkt
Kairo, den Assuan-Damm oder Teheran zu bombardieren, als Mitglied einer
möglichen Regierung Sharon disqualifiziert hat oder nicht.
Ungeachtet der hochgehenden Emotionen ist die pulsierende Vielfalt der
israelischen Gesellschaft unübersehbar. In Jerusalem demonstrieren
Lesben und Schwule bunt bemalt und phantasievoll verkleidet: von einer
Rechtsregierung mit übermächtigem Einfluß der Religiösen
fürchten sie eine drastische Verschlechterung ihrer Lage. Die Passanten
reagieren halb belustigt, halb erstaunt.
Wenig später gedämpfte Stimmung bei einer kleinen "Peace
Now" Demonstration auf dem Jitzhak Rabin Platz in Tel Aviv. Fackeln
sind da, verschränkte israelische und palästinensisch Fahnen.
"Haß und Unverständnis waren schon lange nicht so groß,
obwohl sich die Mehrheit nach Frieden sehnt," schüttelt ein
Zettelverteiler unweit des Barak-Denkmals den Kopf.
In der Tageszeitung "Haaretz" vom 1.Februar rechtfertig Generalstaatsanwalt
Elyakim Rubinstein die gezielte Ermordung palästinensischer Aktivisten
und libanesischer Hisbollah-Führer durch israelische Kommandos mit
dem Kriegszustand, in dem sich das Land befindet. Die Regierung warnt
vor Fahrten in die Westbank: immer öfter werden Israelis auf offener
Straße erschossen.
"Die Palästinenser sind zwar die Schwächeren, aber auch
die Angreifer in dieser Intifada", analysiert ein Journalistenkollege.
"Wenn sie keine israelischen Militärposten mehr attackieren,
dann ist die Konfrontation innerhalb von 24 Stunden vorbei." Arafat
ist unrealistisch, er will zu viel herausholen, ist eine weitverbreitete
Meinung. Ich denke an die vergilbten Plakate in Schatila: ein Palästinenserbub,
der mit seinem Stein tollkühn vor einem übermächtigen israelischen
Panzer steht. Mit welchen Maßstäben mißt man den Volksaufstand
gegen eine Besatzungsmacht?
Shimon Peres argumentiert im Fernsehen, daß die Verhandlungen der
letzten Monate die Region trotz des offensichtlichen Scheiterns weitergebracht
haben: die Zeit der Traumvorstellungen von einer Friedenslösung sei
jetzt vorbei. Von der Teilung Jerusalems bis zum Rückkehrrecht der
palästinensischen Flüchtlinge lägen nun alle Punkte auf
dem Tisch.
Ob das echte Errungenschaften sind, solange emotional und politisch Welten
zwischen Tel Aviv und Beirut, Hertzliah und Ramalla liegen?
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