Raimund Löw

Historiker und Journalist

 

 

 

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  "Falter" - Artikel
   

Nahostfriedenschancen,9.8.2000

In der engen Elementary School von Thurmont, wenige Kilometer vom Praesidenten-Sommersitz Camp David entfernt, haben die Beamten des State Departments die Weltpresse fein säuberlich getrennt: das stolze White House Press Corps im Klassenraum neben jenem der Radiojournalisten, die schreibende Presse direkt neben dem Briefing Room. Etwas abseitsliegend: direkt miteinander verbunden die Klassenzimmer der Israelis und Palästinenser. Während der zwei langen Wochen des Wartens war die improvisierte Kantine mit Muffins, Donaughts und wässrigem Kaffee der bevorzugte Umschlagplatz für die neuesten Gerüchte. Nur Israelis und Palästinenser hatten es besser: sie konnte einander per Zuruf Bestätigungen und Dementis zurufen.
Ein System, das zum Erstaunen aller bestens funktionierte. Aber gleichzeitig auch ein Beweis dafür, wie ungeheuer weit der Weg ist, den die beiden Völker in den letzten Jahren zurückgelegt haben. Erinnert sich noch jemand an die Zeiten Bruno Kreiskys, als die winzige Gruppe dialogbereiter Israelis und Palästinenser unter strengsten Sicherheitsvorkehrungen und unter Ausschluss der Öffentlichkeit zusammenkommen mußten? Als Uri Avnery, der Vorkämpfer der israelischen Friedensbewegung, den in Beirut eingeschlossenen Jassir Arafat besuchte, riskierte er eine Gefängnisstrafe. Keine zwei Jahrzehnte später hat hat Ehud Barak - zumindest laut New York Times - in Camp David einem Arafat-Amtssitz mitsamt Fahne in der Altstadt von Jerusalem nur wenige Strassenzüge von den Heiligen Stätten zugestimmt.
Wie sehr die Eliten beider Seiten sich inzwischen in die jeweils andere Seite hineindenken können, haben die spektakulären Kompromissvorschläge zu den Themen Flüchtlinge, Grenzen und Jerusalem in Camp David gezeigt. Wie wenig die Gesellschaften auf beiden Seiten allerdings darauf vorbereitet waren, daß unumstößlich scheinende nationale Dogmen plötzlich in Verhandlungen umgebogen und aufgegeben werden, bewies die Entwicklung seither. So sehr man sich einen Durchbruch in Campf David auch gewünscht hätte: vieles spricht dafür, daß ein im Juli aus den USA ex cathedra verkündeter Friede dem Sturm des Protests der unvorbereiteten Öffentlichkeit unter Palästinensern und Israelis nicht lange widerstanden hätte.
In der Sache selbst werden neue Verhandlungen kaum mehr erreichen, als die Marathonsession unter Bill Clintons Regie. Vor allem in der ungeheuer belasteten Jerusalem-Frage ist unter den gegebenen Kräfteverhältnissen nicht sehr wahrscheinlich, daß die Palästinenser auf ein besseres Angebot hoffen können, als den letzten Kompromissvorschlag von Camp David. Trotzdem ist noch einiges an Meinungsbildung in beiden Völkern nötig, damit es zu einem Friedensvertrag kommt, der tatsächlich hält. Das kann in den nächsten Wochen passieren. Vorausgesetzt Ehud Barak umschifft die Klippen der israelischen Regierungskrise und Jassir Arafat findet den Weg zurück von der billigen Popularität des neinsagenden Volkshelden zum staatsmännischen Pragmatiker.
In Washington zeigt man sich auf jeden Fall sowohl über die Unnachgiebigkeit des Palästinenserführers während der Verhandlungen als auch über die triumphalistischen Töne nach seiner Rückkehr verärgert: Bill Clinton, der bis zuletzt an die Möglichkeit eines historischen Friedensschlusses geglaubt hat, läßt keine Gelegenheit zum drohenden Seitenhieb in Richtung Palästinenser aus. Manches dabei mag innenpolitisch motiviert sein: Hillary Clintons Wahlkampf läuft nicht gut in New York. Der letzte Schlag, der der First Lady im Kampf um den Sitz eines Senators von New York zu schaffen macht, ist die völlig unbewiesene Behauptung eines (nichtjüdischen) ehemaligen Mitarbeiters, er sei von ihr vor 25 Jahren mit einer antisemitischen Beschimpfung bedacht worden. Die Story beschäftigte tagelang die New Yorker Medien: da können einige demonstrativ proisraelischen Töne aus dem Weissen Haus durchaus wahltaktischen Sinn machen.
Um im Nahen Osten etwas zu bewegen, müßte sich der amerikanische Druck allerdings auch auf die mit Milliarden US-Steuergeldern geschützten und unterstützten prowestlichen arabischen Regierungen ausdehnen. Arafat hat während der Camp David - Verhandlungen weder von Ägyptens Präsident Mubarak noch vom Saudischen Königshaus die erforderliche Rückendeckung für einen Kompromiß über Jerusalem erhalten. Wenn der Pragmatismus Arafats nicht zumindest ansatzweise eine ideologische Unterstützung in der gesamten islamischen Welt findet, dann riskiert er mit dem vernünftigsten Kompromiß als Verräter dazustehen und damit politisches Harakiri. Auch hier kann die Zeit für den Frieden arbeiten, wenn sie alle Beteiligten zwingt sich mit einer erstmals sichtbaren konkreten Chance eines historischen Kompromisses im Nahen Osten auseinanderzusetzen.
Ehud Barak ist laut "New York Times" in Camp David fast an einer Peanut erstickt. Erst der quasimilitärische Würgegriff eines Mitarbeiters von hinten ("Heimlich Manöver") ließ ihn wieder atmen. Schafft er mit ähnlichem Glück die Fallstricke der israelischen Innenpolitik, dann könnte es Raum für einen zweiten großen Friedensanlauf geben. Gleichzeitig ist Jassir Arafat innenpolitisch so stark wie schon lange nicht. Ein "ermutigendes Scheitern" also, wie die "Financial Times" das Ergebnis von Camp David nennt: Der Weg zur historischen Versöhnung scheint nach wie vor offen zu stehen.

 

 

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