Raimund Löw

Historiker und Journalist

 

 

 

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  "Falter" - Artikel
   

Nahostimpressionen, 19.12.2001

Hochbetrieb am israelischen Checkpoint zwischen Bethlehem und Jerusalem. Es ist der letzte Tag des Fastenmonats Ramadan und tausende gläubige Palästinenser wollen zum Beten in die Al Aksa Moschee. Den jungen Soldaten, die untereinander öfters Russisch als Hebräisch sprechen, ist die Nervosität ins Gesicht geschrieben. Erst vergangene Nacht hatte es bei einem Vorstoß der israelischen Streitkräfte tief ins Palästinensergebiet fünf Tote gegeben. Das Land gedenkt der zehn Toten, die ein Angriff auf einen Siederbus bei Emmanuel im Norden der Westbank gekostet hatte.
"Hier werden die Selbstmordattentäter von morgen produziert", sagt eine junge israelische Frau, die das hektische Geschehen mit Block und Bleistift observiert. Sie gehört zu "Machsom"-Watch, einer Bürgerrechtsorganisation, die im Schichtbetrieb die Zustände an den wichtigsten Checkpoints überprüft. "Es herrscht totale Willkür, die Regeln ändern sich alle zwei Stunden. Die Kinder erleben tagtäglich wie ihre Eltern erniedrigt werden, das hinterläßt tiefe Spuren."
Keine 100 Meter hinter den israelischen Jeeps läuft eine größere Gruppe Jugendlicher durch die Felder, ganz offensichtlich umgehen sie die Kontrolle. Keiner der Soldaten rührt einen Finger. "Manchmal werden sie gejagt, meist läßt man sie einfach laufen," erklärt Esther (???), "Eine völlige Abriegelung ist sowieso unmöglich."
Die Vorstellung, dass dieses System der Abriegelungen, Kontrollposten und Checkpoints etwas mit Terrorbekämpfung zu tun hat, werde durch die Realität ad absurdum geführt, sagen die Aktivistinnen von "Machsom"-Watch. In Wirklichkeit sei die Demoralisierung der palästinensischen Bevölkerung das Ziel.
Jenseits des kleinen Tales unter dem Checkpoint liegt Har Homar, eine neue israelische Siedlung, die gegen Proteste und Widerstände einst von Benjamin Netanjahu errichtet wurde. "Die Wohnungen werden dort immer billiger, weil sonst niemand hinziehen würde," sagt Esther ???, "Aber langsam füllt sich jetzt die Siedlung." Die israelischen Zeitungen berichten, dass der amerikanische Sondergesandte Antony Zinni einem Helikopterflug mit Ariel Sharon schwer schockiert zurückgekommen sein soll. Sharon wollte dem amerikanischen Gast die Verwundbarkeit des kleinen Israel demonstrieren, dem Amerikaner fiel aber vor allem die Allgegenwart der wie weitgestreckte Burgen auf die Hügeln der Westbank gebauten Siedlungen auf. "Zionistische Landnahme" nennt der Historiker Dan Diner die Ausbreitung des von jüdischen Organisationen kontrollierten Grund und Bodens in den Dreißiger- und Vierzigerjahren, die schließlich im unabhängigen jüdischen Staat Israel mündete. Dieser Prozess geht offensichtlich weiter.
"Die Schmerzen des Friedens sind besser als die Schmerzen des Krieges", plakatiert eine andere Friedensorganisation einen berühmten Spruch des ermordeten Yitzhak Rabin. Ihr Sprecher, Yitzhak Frankenthal, hat vor sieben Jahren seinen Sohn Arik bei einem Überfall von Hamas verloren. Er steht einer israelisch-palästinensischen Elternvereinigung vor, deren Kinder bei Terroranschläge und anderen Zwischenfällen getötet wurden, die aber trotzdem weiter für Dialog zwischen den Völkern eintreten. "Die Rechte haßt uns", sagt Yizhak Frankenthal, "weil uns niemand unsere Legitimität absprechen kann. Gerade jetzt, in dieser traumatischen Situation nach den Selbstmordanschlägen, müssen wir uns Gehör schaffen."
Aber der israelischen Friedensbewegung weht der Wind ins Gesicht. Bei der wöchentlichen Kundgebung der "Women in black" mit ihren großen Antikriegsplakaten, die im Zentrum von Tel Aviv die israelische Öffentlichkeit an die getöteten palästinensischen Kinder erinnern soll, gibt es viele feindliche Blicke und manch lautstarken Disput. Immerhin, in einer durch Angst vor Terrorismus und patriotischer Krisenstimmung geprägten Atmosphäre, ist die Opposition nicht mundtot. Vertreter der stark geschrumpften "Friede jetzt"-Bewegung verweisen auf Umfragen, wonach trotz aller Rückschläge nach wie vor ein Drittel der Israelis zu weitgehenden Kompromissen bereit wären, wenn das zu Friede und Sicherheit führen würde.
"Die Befürworter eines großen Territorialkompromisses mit den Palästinensern sind dabei geistig zu emigrieren." Michel Warshawsky, scharfsinniger Veteran des linken Friedenslagers und ein historischer Optimist, sagt er hat noch nie eine so aussichtslose politische Situation erlebt wie jetzt. Das mit dem Osloer Friedensabkommen eröffnete historische "Window of opportunities" für eine friedliche Koexistenz zwischen Israelis und Palästinensern sei dabei sich zu schließen, fürchtet Warshawsky: "Wenn die gegenwärtige Dynamik sich fortsetzt, dann landen wir wieder in den Fünfziger- oder Sechzigerjahren, mit einem Israel in Totalkonfrontation zur gesamten arabischen und islamischen Welt. Langfristig wäre das für die israelische Gesellschaft tödlich."
Wie groß die Verantwortung des gegenwärtig in der israelischen Öffentlichkeit flächendeckend dämonisierten Jassir Arafat für diese Situation ist, ist im israelischen Friedenslager heftig umstritten. Yael Dayan beklagt zutiefst, dass Arafat die Chance von Camp David verworfen hat und sich statt dessen auf den Konfrontationskurs der Intifada eingelassen hat. Auch eine lange Leine für die Terroristen von Hamas und Dschihad lastet sie ihm an. Michel Warshawsky widerspricht entschieden: in Camp David habe es nur ein für die Palästinenser unakzeptables Angebot vieler kleiner Bantustans gegeben. Erst viel zu spät, bei israelisch-palästinensischen Verhandlungen in Taba sei man zu einem echten Kompromiß mit einem lebensfähigen palästinensischen Staat gekommen, der aber nach dem Wahlsieg Sharons irrelevant wurde.
Und was will Ariel Sharon? Verfolgt der israelische Ministerpräsident mit seinen überwältigenden Zustimmungsraten in der Bevölkerung eine eindeutige Strategie oder schlägt er seinem militärischen Instinkt entsprechend nur einfach immer wieder zu? Das ist eine der großen Fragen, die in der politischen Klasse Israels zur Zeit diskutiert wird. Yael Dayan, Tochter des legendären Moshe Dayan und erfahrene Abgeordnete der Arbeitspartei, glaubt nicht an einen Masterplan des rechten Regierungschefs. "Das sind Ideen, die auf einer Überschätzung der Politiker beruhen," winkt Yael Dayan ab. Michel Warshawsky sagt, bis vor kurzem hätte er genauso argumentiert, aber jetzt ist er nicht mehr so sicher: "Ariel Sharon denkt in historischen Dimensionen und man bekommt den Eindruck, dass er gerne ein zweiter Ben Gurion wäre mit einer Art Neugründung Israelis im größeren Rahmen ."
Zumindest die Logik der gegenwärtigen Situation geht genau in diese Richtung: Auflösung der Palästinensischen Autonomiebehörde unter dem Vorzeichen des Kampfes gegen den Terrorismus, militärische Vorstöße und ökonomischer Würgegriff für die palästinensischen Dörfer und Städte bei gleichzeitig anhaltender Unterstützung der israelischen Siedlungen in der Westbank und Gaza, die die Unterschiede zwischen den besetzten Gebieten und dem eigentlichen Israel verschwinden lassen. "Sharons Fundamentalkritik am Osloer Friedensprozeß lautete stets, dass es für Israel grundsätzlich falsch wäre sich auf fixe Grenzen festzulegen," sinniert Michel Warshawsky. Nicht Friede, sondern ein Wechsel von Krieg und Waffenstillstand sei für Sharon der wünschenswerte Zustand des Nahen Ostens. Klar, dass eine solche Vision auch Phasen großer Zusammenstöße mit Fluchtbewegungen, neuer Landnahme und demographischen Verschiebungen beinhaltet.
Die Frage des Überlebens von Jassir Arafat, was Terrorismus ist oder wie man am besten Selbstmordattentate verhindert, bekäme in einem solchen Zusammenhang einen neuen Stellenwert. Genauso wichtig ist allerdings auch die internationale Situation. Wie lange wird die Fixierung der amerikanischen Führung auf militärische Lösungen im Krieg den Terrorismus anhalten, die George Bush der Gedankenwelt Ariel Sharons so nahe bringt? Ist es denkbar, dass plötzlich die Emotionen der arabischen Welt doch wieder Gewicht bekommen in der Weltpolitik, und eine amerikanisch-europäische Intervention von aussen das Kräfteverhältnis verändert? Wie würde sich nach einem Abgang Arafats eine neue Führung auf den Konflikt auswirken? Der Nahe Osten steckt in einer Krise, die gegenwärtig mehr Fragen aufgibt als sich Antworten anbieten.

 

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