Raimund Löw

Historiker und Journalist

 

 

 

Fenster schließen
 
  "Falter" - Artikel
   

Nahostkrise, 25.11.2000

Camp David, der bahnbrechende aber erfolglose israelisch-palästinensische Verhandlungsmarathon auf amerikanischem Boden, hat keine gute Presse dieser Tage. Kritiker in Tel Aviv und Gaza, Jerusalem und Kairo sehen in der diplomatischen Gewaltanstrengung des vergangenen Sommer unisono eine Wurzel der gegenwärtigen Sachgasse im Nahen Osten.
Der israelische Ministerpräsident Ehud Barak sei es gewesen, der ohne Not die Jerusalemfrage zum Eckpunkt eines großen israelisch-palästinensischen Friedensvertrages gemacht habe. Dabei habe am Tempelberg, dem islamischen Haram al Scharif, der Status quo der islamischen Verwaltung bei israelischer Souveränität jahrelang funktioniert. Nur wenn sich die israelische Innenpolitik mit demonstrativen Gesten, wie Sharons verhängnisvollem Besuch, des heiklen Themas bemächtige, sei es zu Zwischenfällen gekommen. Anstatt das heikle Thema späteren Generationen zu üerlassen und einen praktikablen territorialen Kompromiß mit den Palästinensern anzupeilen, habe Barak geglaubt Arafat zur Jerusalemlösung zwingen zu können. Eine schwere Fehleinschätzung. " Kein arabischer Führer, der überleben will, kann mit seiner Unterschrift auf die arabische Souveränität über die Heiligen Staaten verzichten. Hinausschieben kann man dagegen alles. " kritisiert ein langjähriger Beobachter in Jerusalem.
Die für den Friedensprozeß tödlichen Zusammenstöße der letzten Wochen hätten mit Baraks Irrweg ebenso zu tun wie mit Sharons demonstrativer Provokation, lautet die Kritik. Daß der Versuch eines ganz großen Wurfes zur Lösung aller Streitpunkte zwischen Israelis und Palästinensern andererseits von atemberaubender Kühnheit war, das wollen heute nur wenige eingestehen.
Weniger überraschend ist die äußerst negative Camp David-Bilanz auf palästinensischer Seite. Ist Jassir Arafat vom amerikanischen Präsidenten doch vor aller Welt als der Unnachgiebigere bezeichnet worden. In einem der wenigen authentischen Berichte aus dem Kreis der Teilnehmer hat Arafat-Mitarbeiter Akram Haniyye in der Tageszeitung Al Ayyam eine richtiggehende Bunkerstimmung auf palästinensischer Seite in Camp David beschrieben. Die palästinensische Delegation habe stets das Gefühl gehabt einem gemeinsamen amerikanisch-israelischen Block gegenüber zu stehen. In den Details sei man sich viel weniger nahe gekommen, als von amerikanischer Seite immer behauptet wurde. Dass Arafat während der gesamten Zeit der Verhandlungen inflexibel die palästinensischen Maximalpositionen von der Rückkehr zu den Grenzen von vor 1967 wiederholt habe, wie Haniyye schreibt, macht ihn in den Augen der arabischen Welt zum Helden.
Tatsächlich hat sich natürlich mehr bewegt in Camp David als die palästinensische Geschichtsschreibung heute zugeben will. Die Bereitschaft Baraks zu einem Gebietstausch zwischen israelischem Gebiet in Negev und den großen jüdischen Siedlungen hinter der grünen Linie war nie zuvor so konkret am Tisch gelegen. Desgleichen eine Mischung aus Entschädigungen und vereinzeltem Rückkehrrecht unter dem Titel der Familienzusammenführung für die Flüchtlinge des Jahres 1949. Arafat muß völlig bewußt gewesen sein, daß er bei dem bestehenden Kräfteverhältnis auf dem Verhandlungsweg von keiner israelischen Regierung mehr erwarten konnte, als in Camp David geboten wurde. Nicht umsonst hat die amerikanische Seite unablässig vor dem Sturz der Regierung Barak im Fall eines Scheiterns gewarnt.
Aber dieses Angebot war den Palästinensern offensichtlich zu wenig.
Arafat blieb in der Folge nur der Versuch einer Veränderung des Kräfteverhältnisses mittels eines Kurswechsels. Ihre (schwachen) diplomatischen und militärischen Karten hat die palästinensiche Führung durch die Aufgabe des Terrorismus und die Anerkennung Israels in den vergangenen sieben Jahren restlos ausgespielt. Ohne Druckmittel schien Arafat vom Good Will der Israelis und Amerikaner abhängig, was ihm in der arabischen Öffentlichkeit viel Ansehen gekostet hat. Nun jedoch hat die plötzliche Aktualisierung des Streits um die religiösen Stätten von Jerusalem, von denen einst der Prophet gen Himmel aufgestiegen sein soll, die Situation dramatisch verändert. Der zahnlose Palästinenserpräsident hat plötzlich wieder Divisionen. Haben doch die Steine werfenden Jugendlichen, in denen sich die ganze Frustration über die vielen Jahre der israelischen Besatzung entlädt, Israel in wenigen Wochen mehr zugesetzt als in früheren Zeiten so manche militärische Drohgebärde.
Mit einer rund um die Jerusalemfrage geeinten arabischen Welt hinter sich und gestützt auf eine neue Generation kampfbereiter junger Palästinenser hofft Arafat selbstbewußt in allfällige nächste Verhandlungen gehen zu können. Wie die angesichts der großen politischen Unsicherheiten in Jerusalem und der Irritationen in Washington allerdings aussehen kann, ist allerdings unklar. Denn die ungeheure emotionale Polarisierung erschwert jede Art von Politik der Kompromisse. Schreiduelle zwischen den beiden Chefdiplomaten Shlomo Ben Ami und Saeb Erakat in Scharm el Scheik zeigen, wie abschüssig die Bahn ist. Als "Mörder unserer Kinder" hat der besonnene Erakat sein Gegenüber angegriffen. Dabei sind die beiden als Tauben bekannt und keinen einander seit Jahren. Die blutigen Bilder vom Lynchtod der beiden israelischen Soldaten in Ramalla haben eine beginnende Gewissenserforschung angesichts der vielen toten palästinensischen Kinder rasch beendet.
Wie konträr die Wahrnehmung der gleichen Wirklichkeit zwischen beiden Völkern ist, zeigt ein Blick in die Medien. Namen haben die palästinensischen Opfer vor allem in der arabischen Öffentlichkeit. Nicht nur die Familiengeschichte des 12jährigen Mohammed al Durra, der hinter seinem Vater vergeblich um Hilfe rufend von einem französischen Fernsehteam gefilmt wurde, kennt zwischen Marokko und dem Irak jedes Kind: jeder Tag bringt neue Namen und Schicksale. Die beiden in Ramalla ermordeten Israelis sind dagegen "Geheimagenten" oder bestenfalls "Besatzungssoldaten." In Israel ist es umgekehrt: der Lebensweg des aus Sibirien eingewanderten 33jährigen Vadim Nurezitz , dessen Blut (ebenso wie das seines 38jährigen Kameraden Josef Avrahami) die jungen palästinensischen Mörder so stolz an ihren Händen zeigten, ist Allgemeingut. Dafür blieben die mehr als 100 palästinensischen Opfer zumeist unpersönlich anonym.
Sollte der Verhandlungsprozeß wieder aufgenommen werde, wie das vor allem die USA verlangen, dann wird man es mit einer veränderten Situation zu tun haben. Das Thema Jerusalem wird wohl tunlich vermieden werden. Dafür wird ein drohender palästinensischer Volksaufstand mit allen potentiellen Folgen für die gesamte Region über jeder Verhandlungsrunde liegen, ziemlich unabhängig davon, ob die Verhandler dann noch Ehud Barak und Jassir Arafat heißen werden.

 

nach oben, Fenster schließen

 
  site by Adrian Rossmann