Raimund Löw

Historiker und Journalist

 

 

 

Fenster schließen
 
  "Falter" - Artikel
   

Napoleon im Anmarsch, 18.4.2007


Wirtschaftsliberale Kommentatoren tun sich leicht: Die französische Malaise kommt ihrer Ansicht nach von den vielen Einschränkungen und Regeln. Statt marktwirtschaftlicher Flexibilität regiere staatlicher Dirigismus die zweitgrößte Ökonomie der EU, liest man vor allem in angelsächsischen Blättern. Sogar eine Sonderabgabe für die Entlassung von Arbeitnehmern über 58 gebe es in diesem merkwürdigen Land, wundert sich der britische Observer. Frankreich sei das einzige Land der Welt, das eine Strafsteuer für die Anstellung junger Menschen einhebe, so lautet die kühne Interpretation des Blattes. Der britische Economist, die scharfsinnige Stimme der aufgeklärten europäischen Wirtschaft, sieht denn auch im draufgängerischen Konservativen Nicolas Sarkozy einen neuen Napoleon zur Rettung Frankreichs. Die meisten anderen Kandidaten erscheinen den Beobachtern auf der anderen Seite des Kanals wie Phänomene von einem anderen politischen Planeten.
Der Ex-Innenminister, der für seine Beschimpfung der 2005 revoltierenden Vorstadtjugend als "Abschaum" Berühmtheit erlangte, geht als eindeutiger Favorit in diesen Wahlgang, daran lässt sich nicht rütteln. Der französischen Linken ist es nicht gelungen, von der tiefen gesellschaftspolitischen Krise zu profitieren, die am Ende der zweiten Amtszeit Jacques Chiracs steht. All jene, die sich von dem unglücklichen Nein zur EU-Verfassung vor zwei Jahren einen von Frankreich ausgehenden Neuanfang für ein soziales Europa erwartet haben, wurden enttäuscht. Ségolène Royal, die unkonventionelle Kandidatin der Sozialisten, muss wenige Tage vor dem ersten Wahlgang darum zittern, überhaupt in die Stichwahl zu kommen. Die Rivalen in der eigenen Partei hat sie im vergangenen Jahr noch souverän bezwungen, aber die Spaltung der Linken und amateurhafte Fehler haben ihren Wahlkampf nie wirklich Feuer fangen lassen. Die Unsicherheit ist in Paris in den letzten Tagen so groß geworden, dass auch ernsthafte Beobachter eine überraschende Aufholjagd des Urvaters der europäischen Ultrarechten, Jean-Marie Le Pen, nicht ausschließen wollen. Der linke Nouvel Observateur malt sogar die Horrorvision einer Stichwahl Le Pen gegen Sarkozy an die Wand.
Dass es die Sozialisten trotz einer unpopulären konservativen Regierung bisher nicht geschafft haben, eine überzeugende Dynamik für ihre ursprünglich als höchst attraktiv empfundene Kandidatin zu erzeugen, ist tatsächlich erstaunlich. 2005 gab es die große Revolte der Vorstadtjugend, es folgte die größte Studentenmobilisierung seit Jahrzehnten. Aber die Verbitterung und Empörung, die darin zum Ausdruck kamen, liefen ins Leere. Es ist nicht gelungen, ein politisches Projekt zu bündeln, das die sozialen Krisenerscheinungen aufgreift. Hohe Arbeitslosigkeit und mageres Wirtschaftswachstum schaffen das Gefühl, der Weg in eine bessere Zukunft sei blockiert. Aufgestaute Hassgefühle in großen Teilen der Jugend machen die Lage unberechenbar. Nicolas Sarkozy hat zwar eine lange politische Karriere hinter sich, aber er polarisiert unvergleichlich mehr als Jacques Chirac. Anders als sein ungeliebter Vorgänger hat der ehrgeizige Ex-Innenminister nie Koalitionen mit der extremen Rechten ausgeschlossen. Emotionsgeladene Ausbrüche und wilde Drohungen gehören zu seinem Führungsstil. Sein algerischstämmiger Ministerkollege Azouz Begag berichtet, der cholerische Sarkozy habe ihn als "Arschloch" beschimpft und gedroht, er werde ihn niederschlagen, wenn er die randalierende Vorstadtjugend noch einmal in Schutz nehme. Eine Persönlichkeitsstruktur, die auf EU-Ebene für den mühsamen Entscheidungsprozess der 27 eine neue Belastung wäre.
Die Hoffnungen auf eine Trendwende im letzten Augenblick konzentrieren sich auf eine Verständigung hinter den Kulissen zwischen den um ihre Kandidatin zitternden Sozialisten und dem sachlichen Christdemokraten François Bayrou, der hofft, mit seiner Abgrenzung vom rechten Hitzkopf Sarkozy zu einer Schlüsselfigur zu werden. Zu einem für Frankreich ungewohnten offiziellen Mitte-links-Bündnis, wie sich das der ehemalige sozialistische Premierminister Michel Rocard wünscht, wird es in den letzten Tagen kaum kommen. Aber bei gegenseitiger Unterstützung hätten sowohl Bayrou als auch Royal in einer Stichwahl gegen Sarkozy gewisse Chancen. Beide Sarkozy-Herausforderer werden versuchen, den zweiten Platz im ersten Wahlgang als großen Erfolg zu verkaufen, um die Karten dann neu zu mischen. "Frankreichs Politik sieht immer italienischer aus", urteilt der Pariser Publizist Bernard Guetta: "Bayrou wäre ein französischer Prodi, mit einer Mitte-links-Regierung und einer engagierten Europapolitik. Sarkozy, schillernd und autoritär zugleich, lässt sich am ehesten mit Berlusconi vergleichen, ohne dessen Milliarden natürlich." Zu den mit Italien vergleichbaren Besonderheiten der französischen Politik gehört auch die starke Präsenz der radikalen Linken. Zwar kommt José Bové, der streitbare Aktivist gegen Amerikanisierung und EU, laut Meinungsumfragen auf keine zwei Prozent. Aber gemeinsam mit den gleich drei trotzkistischen Präsidentschaftskandidaten und der zur Zwergpartei geschrumpften KPF erreichen Kandidaten links von SégolèneRoyal in den Umfragen mehr als zehn Prozent. In Italien war eine linke Proteststimme etwa für Rifondazione Comunista auch innerhalb des Regierungsbündnisses von Romano Prodi möglich. In Frankreich gefährdet dagegen jede Stimme für einen antikapitalistischen Außenseiter die Präsenz der Linken im zweiten Wahlgang.
Die französische Politik ist nach wie vor für Überraschungen gut. Die lebendige Tradition von Massenmobilisierungen, Streiks und Demonstrationen hat es konservativen Regierungen immer wieder unmöglich gemacht, ihre Reformvorstellungen durchzusetzen. Sozialdemokraten und Gewerkschaften, die etwa in Deutschland oder Skandinavien halfen, die Voraussetzungen für einen wirtschaftlichen Aufschwung zu schaffen, verharrten in Frankreich in der Rolle der kompromisslosen Opposition. An dieser blockierten Situation würde ein Sieg Sarkozys entgegen den Erwartungen des Economist kein Jota ändern. Im Gegenteil: Angesichts der rebellischen Stimmung eines Teils der Bevölkerung könnte ein Rechtsruck zur gefährlichen politischen Aufschaukelung führen. Brennende Vorstädte in den Tagen nach einem hypothetischen Sarkozy-Wahlsieg kann niemand ausschließen.
Die fantasievolle Vorstellung von drei Frauen, die die Welt regieren, im deutschen Kanzleramt, im Élysée und 2008 auch im Weißen Haus, droht an der französischen Hürde zu scheitern. Als unbekannter Joker des Pariser Wahlfinish bleiben immerhin die ungewöhnlich zahlreichen Unentschlossenen im Wahlvolk.

 

nach oben, Fenster schließen

 
  site by Adrian Rossmann