Raimund Löw

Historiker und Journalist

 

 

 

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  "Falter" - Artikel
   

Neutral im Kaukasus, 20.8.2008

So viele historische Vergleiche wie der Krieg um Georgien hat ein bewaffneter Konflikt schon lange nicht ausgelöst. "Prag 1968, Tiflis 2008" ist die beliebteste Parole. Obwohl die russischen Panzer nie bis Tiflis gekommen sind. Schwedens Außenminister Carl Bildt sieht im Vorgehen Moskaus Parallelen zu Nazideutschland. Beim Treffen der EU-Außenminister, die auf französisch-deutsches Drängen beschlossen, mit Moskau im Dialog zu bleiben, gab es der schwedische Konservative dann aber doch billiger. Andere glauben nach dem Sieg Russlands an eine Wiederauferstehung der Kanonenbootpolitik des vorvorletzten Jahrhunderts. Auffallend ist, wie gerne man sowohl in Moskau als auch im Westen mit den alten Feindbildern des Kalten Krieges operiert.
Vergleiche mit dem Kalten Krieg sind trotzdem fehl am Platz. Der georgisch-russische Fünftagekrieg ist ein verspäteter Nachfolgekampf um ungeklärte Erbfragen der aufgelösten Sowjetunion. Dahinter steht kein Gegensatz unterschiedlicher gesellschaftlicher Systeme wie vor 1989.
Erhellender wäre ein Rückgriff auf die Jugoslawienkriege der 1990er-Jahre. Mit seiner abenteuerlichen Attacke auf das schlafende Zchinwali, den schmucklosen Hauptort der mit Russland verbündeten separatistischen Region Südossetien, wollte es der georgische Präsident Michail Saakaschwili Kroatiens Kriegsherrn Franjo Tudjman gleichtun, der 1995 dem bislang erfolgreichen Serbien mit amerikanischer Hilfe die abtrünnige Krajina entriss. Anders als Tudjman scheiterte Saakaschwili jedoch trotz amerikanischer Waffen und amerikanischer Berater verheerend. Denn Georgien hatte sich mit dem großen Nachbarn Russland in einem Augenblick angelegt, in dem sich Moskau dank sprudelnder Gas- und Öleinnahmen im Aufwind fühlt.
Die "Revolution der Rosen", die Georgien auf proamerikanischen Kurs brachte, hatte den USA einen unerwarteten Verbündeten im sensiblen Kaukasus beschert. Marktwirtschaftliche Reformen, Wachstum und eine etwas wackelige Demokratie waren die positiven Folgen. Doch hinter dem Interesse Amerikas stehen strategische Motive: Durch Georgien führen jene Pipelines, die einmal das Gewicht Russlands für die Öl- und Gasversorgung Europas verringern sollen. Die Regierung Bush wollte ihre Sicherheit durch die Aufnahme Georgiens in die Nato garantieren.
Nach fast zwei Jahrzehnten der ständigen Erweiterung des westlichen Militärbündnisses in ehemalig russisches Einflussgebiet brachte dieser Vorstoß für Moskau das Fass zum Überlaufen. Die gefrorenen Konflikte um Abchasien und Südossetien mit ihren wilden nationalistischen Emotionen in Georgien und der kühlen Machttaktik im Kreml wurden zu Streitpunkten der Geopolitik.
Für Wladimir Putin kommt der Konflikt wie gerufen. Mit Kraftausdrücken gegenüber dem französischen Präsidenten am Rande der Olympischen Spiele in Peking und kämpferischen Fernsehauftritten vor dem heimischen Publikum konnte er sich nach dem letzten Tschetschenienkrieg zum zweiten Mal als Kriegsherr positionieren. Nationalistisches Getöse übertönt die liberalen Ansätze, die von Dimitri Medwedew, seinem Nachfolger im Präsidentenamt, zu hören waren. Südossetien und Abchasien werden jetzt wohl auf Dauer unter russischer Kontrolle bleiben. Moskau verweist auf den Präzedenzfall des Kosovo, der nach dem Nato-Krieg gegen Serbien ebenfalls ein westliches Protektorat wurde. So wie Serbien sich auf eine Zukunft ohne Kosovo einstellen muss, wird wohl auch Georgien mit dieser Irredenta leben müssen. Auf Durchhalteparolen in Richtung Tiflis sollte der Westen wohl besser verzichten.
Die aus Militärs und Geheimdienstleuten rekrutierte Fraktion, auf die sich Putin stützt, hat zwar mit der Zerstörung der von den USA aufgebauten georgischen Militäreinrichtungen gepunktet. Aber diese sogenannten "Silowki" sind nicht allmächtig. Zum Sturz Saakaschwilis, den Russland anfangs gefordert hat, ist es nicht gekommen. Bei aller Demonstration der wiedergefundenen eigenen Macht will der Kreml eine Totalkonfrontation mit dem Westen vermeiden. Seine Geschäftsbeziehungen will das ungleiche Duo Putin-Medwedew nicht opfern. Das verschafft auch den Europäern, die im Kaukasus kaum präsent sind, gewisse Einflussmöglichkeiten.
Das Schicksal Georgiens wird daher davon abhängen, ob es gelingt, einen vollständigen Rückzug Russlands auf die Grenzlinien vor dem georgischen Angriff zu erreichen. Die gefrorenen Konflikte des Kaukasus müssten wieder auf Eis gelegt werden, argumentiert Joschka Fischer. Darin sind sich Washington, Paris und Berlin einig. Aber strategisch liegen Westeuropäer und Amerikaner ziemlich auseinander. Washington nimmt die Krise zum Anlass, einen scharfen Konfrontationskurs gegen Russland zu fahren. Vom Ausschluss Moskaus aus den G8 bis zum Boykott der Olympischen Winterspiele in Sotschi reichen die Ideen. George Bush persönlich hat Nicolas Sarkozy von seiner spektakulären Vermittlungsreise nach Moskau und Tiflis abgeraten. Glücklicherweise ohne Erfolg, erst die europäische Pendelmission stoppte den russischen Vormarsch.
Wenn der Pulverdampf sich verzogen hat, sollten die Europäer nachholen, was in den Beziehungen zu Russland seit dem Ende der Sowjetunion stets gefehlt hat: Verhandlungen über eine umfassende neue Sicherheitsstruktur in Europa, die den besorgten Nachbarn Russlands ihre Souveränität garantiert und Moskau die Angst vor einer Einkreisung durch potenziell feindliche Mächte nimmt.
Bleibt die Gesprächsbasis des Westens mit Moskau bestehen, dann hat ein freies Georgien nach wie vor eine Chance. Allerdings nicht als unbeweglicher Flugzeugträger der USA im Kaukasus. Nikita Chruschtschow stimmte einst dem Abzug der Roten Armee aus Österreich zu, die USA verzichteten auf die direkte Verbindungslinie zwischen ihren Militärstützpunkten in Westdeutschland und Italien: Mit der österreichischen Neutralität konnten beide Seiten leben. Nach dem Fall der Berliner Mauer und dem Run Osteuropas in die Nato kam das Konzept der Neutralität aus der Mode. Jetzt zeigt der berühmte russische Bär wieder seine Krallen, eine Rückbesinnung auf ältere Modelle könnte sich lohnen. Georgien als Mitglied in der Nato, dieses Konzept der weiteren Schwächung Russlands ist kläglich gescheitert. Aber ein neutraler Kleinstaat im Kaukasus könnte in Zukunft durchaus Europa näher rücken.
Tiflis 2008 auf dem Weg des historischen Vorbilds von Wien 1955 - das wäre wahrscheinlich die einzige Möglichkeit, nach den blutigen Augusttagen den Freiraum zu retten, der im Kaukasus in den letzten zwei Jahrzehnten entstanden ist.

 

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