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Nordkorea,
wo Versöhnung ferne Vergangenheit ist, 28.7.2010
Sechs oder sieben Atombomben,
niemand kennt die genaue Zahl, sind die beste Lebensversicherung des Regimes
von Kim Jong-il. Selbst George W. Bush dachte nie an einen Regimewechsel
in Nordkorea, obwohl er das Land zur Achse des Bösen zählte.
Jetzt gefährden wirtschaftlicher Niedergang und interne Fehden die
Erben des Staatsgründers Kim Il-sung. Die sich aufschaukelnden Spannungen
könnten schlagartig zur Weltkrise werden.
Unmittelbarer Anlass der Eskalation ist der Untergang eines südkoreanischen
Kriegsschiffes Ende März, bei dem 46 Soldaten umkamen. Ursache war
ein nordkoreanischer Torpedo, befand eine internationale Untersuchungskommission.
Nordkorea bestreitet jede Schuld und bezichtigt den konservativen Präsidenten
Südkoreas, Lee Myung-bak, der Kriegsvorbereitungen.
Die Phase der Versöhnung zwischen den beiden Koreas ist ferne Vergangenheit.
Sogar die gigantischen Lautsprecher an der entmilitarisierten Zone, mit
denen während des Kalten Krieges verbale Propagandaschlachten geschlagen
wurden, wurden ausgemottet. Nordkorea will die monströsen Gebilde
beschießen, sollten sie aktiviert werden.
Seit dem Kalten Krieg haben sich die beiden Landesteile dramatisch unterschiedlich
entwickelt. Südkorea, einst bitterarmes Entwicklungsland, schaffte
in spektakulärer Weise den Anschluss an die industrialisierte Welt.
Das Land ist eine funktionierende Demokratie, der Lebensstandard höher
als in den Problemzonen der EU. Dagegen ist Nordkorea unter der stalinistischen
Diktatorendynastie der Kims zu einem der schlimmsten Desaster der Völkergemeinschaft
geworden. Zu Kim Il-sungs Zeiten ließen sich vereinzelte gutgläubige
Linke aus dem Westen von der Ideologie totaler Selbstversorgung und staatlich
verordneter Gleichheit blenden. Heute funktioniert nicht einmal die elementarste
medizinische Versorgung. Selbst bei Amputationen bleiben Patienten mangels
Anästhesie bei vollem Bewusstsein.
Vergangenes Jahr hat eine überfallsartig durchgeführte Währungsreform
schlagartig alle Ersparnisse wertlos gemacht. Wochenlang blieben Märkte
und staatliche Lebensmittelläden leer. Die Menschen erinnerten sich
an die Hungersnot vor 20 Jahren, der fast ein Zehntel der Bevölkerung
zum Opfer fiel. Flüchtlinge in China berichten von Straßenprotesten
und Selbstmorden. Die Partei musste sich entschuldigen, einige Funktionäre
wurden erschossen.
Der große Sprung rückwärts passiert zu einem Zeitpunkt
des Generationenwechsels in der obersten Führung. Staatspräsident
Kim Jong-il, der das Ruder 1994 von seinem berühmten Vater übernommen
hat, versucht seinen Sohn Kim Jong-eun als Nachfolger einzusetzen. 2012,
bei den Feierlichkeiten zum 100. Geburtstag Kim Il-sungs, soll die Hofübergabe
an den von der Partei als brillanter Genosse gepriesenen Junior, der immerhin
in der Schweiz in die Schule gegangen sein soll, erfolgen.
Aber auch in Nordkorea muss man sich für einen solchen Aufstieg irgendwie
bewähren, zitiert der New Yorker einen chinesischen Korea-Experten.
Die abrupte Währungsreform könnte genauso auf eine Initiative
des um sein Ansehen kämpfenden Sohnes zurückzuführen sein
wie der Torpedoangriff auf das südkoreanische Patrouillenschiff.
Oder umgekehrt, eine feindliche Fraktion könnte bemüht sein,
dem Thronfolger verhängnisvolle Fehltritte anzuhängen.
Im Augenblick der Hofübergabe sind totalitäre Regime besonders
unberechenbar. Als Kim Il-sung vor einem Vierteljahrhundert schwer erkrankte,
ließ eine der um Einfluss kämpfenden Fraktionen ein südkoreanisches
Verkehrsflugzeug in die Luft sprengen, 115 Menschen kamen um.
Noch heute suchen japanische Familien nach Angehörigen, die von Nordkorea
entführt wurden. Kein Wunder, dass die Angst vor neuen Provokationen
wächst.
Ein zusätzliches Gefahrenmoment: China und die USA reagieren auf
völlig unterschiedliche Weise. Die Obama-Administration stärkt
Südkorea den Rücken und hat zusätzliche Sanktionen gegen
den Norden verhängt. China mahnt zur Vorsicht und will nicht einmal
den Angriff auf das südkoreanische Kriegsschiff kommentieren. Ein
Zusammenbruch Nordkoreas könnte Millionen Flüchtlinge über
die Grenze treiben. Militärische Drohgebärden wiederum bedeuten,
dass die USA ihre Position in der Region verstärken müssten.
Peking will beides verhindern, hat aber selbst nur beschränkten Einfluss
in Pjöngjang.
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