Raimund Löw

Historiker und Journalist

 

 

 

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  "Falter" - Artikel
   

Obama und Hamas, 21.5.2008


Im amerikanischen Präsidentschaftswahlkampf könnte Ahmed Yousef zu einem entscheidenden Faktor werden. Der islamistische Aktivist aus Gaza mag Barack Obama. Der junge, schwarze Senator erinnert die Menschen an John F. Kennedy, verriet der Berater des Hamas-Ministerpräsidenten dem amerikanischen Radiosender WABC. Ein durch Barack Obamas Vision verändertes Amerika werde imstande sein, die Welt zu führen ohne Herrschaft und Arroganz. Eine überraschende Unterstützung für den demokratischen Kandidaten von höchst ungewöhnlicher Seite, das könnte als erfreuliche Nachricht für Amerika interpretiert werden. Selbst die malträtierten Bewohner des eingeschlossenen Gazastreifens, wo bei jeder Demonstration amerikanische Fahnen verbrannt werden, spüren offensichtlich etwas von der Aufbruchsstimmung in den USA. Hinter der Fassade der ritualisierten "Tod den USA"-Rufen der Palästinenser steckt in Wirklichkeit eine gehörige Dosis von Faszination für die multikulturelle Supermacht, die große Show ihres Wahlkampfs und ihre Fähigkeit zur Selbstkorrektur. Das macht Barack Obama sogar für islamische Fundamentalisten im elendsten Winkel des Nahen Ostens zum Hoffnungsträger.
Daheim brachte dem demokratischen Präsidentschaftskandidaten die unerbetene Schützenhilfe jedoch eine Flutwelle von Hasstiraden. Obama, der Kandidat der Hamas, tönt es aus den ultrakonservativen Ecken der USA. John McCain, der republikanische Bewerber, findet, es handle sich um einen berechtigten Vorwurf. Schließlich sei er, McCain, prinzipiell gegen Verhandlungen mit Terroristen wie denen der Hamas oder Terrorstaaten wie dem Iran. Im israelischen Parlament heizte, kaum verklausuliert, sogar George W. Bush die Polemik an. Wer mit der Hamas, Hisbollah oder dem Iran, den eingeschworenen Feinden Israels und der USA, verhandeln wolle, so der Präsident in einer großen Rede vor der Knesset, der betreibe Appeasement, so wie einst der hilflose Westen gegen die aufsteigenden Nazis.
Ganz Amerika verstand: Barack Obama hat den demokratischen Vorwahlkampf zwar noch nicht gewonnen, aber die Republikaner bringen ihre Geschütze in Stellung. Die Propaganda suggeriert angeblich mangelnden Patriotismus des linksliberalen Senators, Schwäche gegenüber den Feinden und außenpolitische Naivität. Rechte Blogs wiederholen penetrant wieder und wieder den anstößigen Mittelnamen des Senators mit dem so unamerikanischen Klang: Barack Hussein Obama. Sogar ein Moslem soll der demokratische Bewerber in Wirklichkeit sein, die anstößige Religion habe er von seinem islamischen Vater aus Kenia mitbekommen.
Obamas Berater erkannten die Gefahr, und der Senator replizierte mit einer feurigen Anklage gegen das von den Republikanern angerichtete außenpolitische Debakel. Am Revers trägt er seit neuestem eine kleine amerikanische Flagge, auf die seit dem 11. September 2001 kein Politiker verzichtet. Bisher hatte er die Geste als Ausdruck eines hohlen Patriotismus standhaft abgelehnt. Aber was in der liberalen Aktivistenbasis der Demokraten als mutiges Zeichen von Selbstbewusstsein durchgeht, kann bei der Masse der Wähler gefährliche Zweifel nähren. Die außenpolitische Kompetenz ist die größte Stärke von John McCain. Eine Meinungsumfrage der Washington Post ergab, dass sagenhafte 41 Prozent der Wähler glauben, der republikanische Langzeitsenator wisse mehr von der Welt als Barack Obama. Auch wenn sich die hartnäckige innerparteiliche Rivalin Hillary Clinton in den nächsten Wochen geschlagen gibt: Die Unterstützung der weißen Arbeiterklasse, ohne die kein Demokrat den Weg ins Weiße Haus schaffen kann, wird nicht automatisch von Clinton auf Obama zu übertragen sein. Daran erinnerte der Triumph Hillarys im ärmlichen Bundesstaat West Virginia, wo die sprichwörtlichen kleinen Leute den Ton angeben. Kommt dazu noch der Anschein mangelnden Patriotismus bei Obama, dann könnte sich daraus eine unerwartete Chance für die Republikaner ergeben.
Egal, welche Verrenkungen der Wahlkampf vom demokratischen Bewerber noch erfordern wird: Außenpolitisch hat der Barack Obama aus der Zeit vor dem Knopflochpatriotismus Recht. George W. Bushs Politik der Gesprächsverweigerung mit unangenehmen Gegnern ist Ausdruck einer Schwarz-Weiß-Sicht auf die Welt, die in Sackgassen führt. Leider hat sie sich inzwischen auch in anderen westlichen Hauptstädten breitgemacht. Die lächerliche Vorstellung, dass man eine Lösung für den israelisch-palästinensischen Konflikt suchen kann, während man eine Bewegung wie die Hamas ignoriert, die mehr als die Hälfte der Palästinenser vertritt, wird auch von den europäischen Regierungen vertreten. Obama hat inzwischen seine Haltung dem bedingungslos proisraelischen Mainstream der USA angepasst. Noch im vergangenen Jahr bedauerte er in Iowa die Leiden der Palästinenser. Doch jetzt unterstützt er die israelische Blockade gegen Gaza. Jimmy Carter musste sich von ihm schelten lassen, weil der Expräsident sich auch mit Hamas-Vertretern getroffen hat.
Jean Daniel, der große alte Mann der französischen Wochenzeitung Nouvel Observateur, interpretiert den ungewöhnlichen Einsatz eines internationalen Forums wie der Knesset für den inneramerikanischen Wahlkampf durch den US-Präsidenten als Zeichen der Verzweiflung einer hoffnungslos in die Defensive geratenen Regierungspartei. Der Doyen der linken französischen Publizistik sieht in der kritiklosen Art der Unterstützung jeder Wendung der israelischen Regierung durch Bush aber auch Nachteile für Israel. Die wahren Freunde Israels müssten zu Gesprächen mit allen Palästinensern raten, klagt Daniel, aber Bush richte eben nur Schaden an, wohin er auch kommt.
Aus dem amerikanischen Wahlkampf wird sich nur beschränkt ableiten lassen, welche Rolle die Vereinigten Staaten in Zukunft spielen werden. Aber bei den Republikanern herrscht zweifelsohne Weltuntergangsstimmung. Ronald Reagans Redenschreiberin Peggy Noonan diagnostiziert einen regelrechten Zerfall der Partei, herbeigeführt durch Krieg, Wirtschaftskrise und einen unpopulären Präsidenten. Die Republikaner sterben, klagt sie düster im Wall Street Journal, sogar im erzkonservativen Mississippi haben sie kürzlich eine Nachwahl verloren. Gegen den demokratischen Schlachtruf, es gelte eine dritte Amtszeit Bushs zu verhindern, gibt die konservative Starautorin auch John McCain nur Außenseiterchancen. Da wird die Versuchung groß sein, den Gegner zum Freund der Terroristen zu machen. Barack Obama, der Kandidat der Hamas, kündigt sich als Leitmotiv eines vergifteten Wahlkampfs an.


 

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