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Historiker und Journalist |
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| "Falter" - Artikel | |||
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Obamas Versprechen, 18.3.2009 Amerika ist anders.
Die neue Führung im Weißen Haus hört zu, denkt nach und
will partout nicht mehr alleine agieren. In den dunklen Bush-Jahren haben
sich die Europäer diesen Multilateralismus sehnlichst gewünscht.
Jetzt reagieren sie verstört auf die Gesten der Umarmung.Die Vorschläge
des obersten Wirtschaftsstrategen der Obama Administration, Larry Summers,
Amerikaner und Europäer müssten gemeinsam viel mehr Geld ausgeben
gegen die Rezession, schockieren Brüssel und Berlin. Bei dem mit
großen Erwartungen verbundenen G-20-Gipfel mit Barack Obama in London
Anfang April droht ein Krach mit ungewohnten Vorzeichen: linkskeneysianisch-aktivistisch
die Amerikaner, konservativ-betulich die Europäer. Die Regierungen
in Prag und Warschau sind sowieso verschnupft, weil Barack Obama das unsinnige
Raketenprojekt in Osteuropa auf die lange Bank schieben will, um die Beziehungen
mit Moskau zu verbessern. Ein Abwehrsystem, das technisch nicht funktioniert,
gegen iranische Langstreckenraketen, die es nicht gibt. Die neuen Herren
in Washington räumen gemeinsam mit vielen anderen außenpolitischen
Dogmen der Vergangenheit auch mit diesem Schildbürgerstreich der
Bush-Diplomatie auf.Noch viel tiefer geht der Paradigmenwechsel in der
amerikanischen Innenpolitik. Ob er eigentlich ein Sozialist sei, wurde
Barack Obama allen Ernstes von einem Reporter der New York Times gefragt.
Der Präsident antwortete mit einem Scherz, rief aber ein paar Stunden
später in der Redaktion noch einmal an, um nur ja keine Missverständnisse
aufkommen zu lassen und klarzustellen, wie wichtig ihm der freie Markt
sei. Die Episode sagt viel aus über die ideologische Auseinandersetzung
in den ersten Monaten der neuen Administration. Denn Obama hat sich durch
Zwänge der Wirtschaftskrise nicht daran hindern lassen, gesellschaftspolitische
Weichen zu stellen. Seine Budgetvorschläge beinhalten alle großen
Themen des Wahlkampfs: Gesundheitsreform, Klimapolitik inklusive Emissionshandel,
höhere Steuern für die Reichen und Superreichen. Die abgebrühten
Kolumnisten der großen Zeitungen reiben sich die Augen: Da scheint
ein Politiker seine eigenen Versprechen ernst zu nehmen. "Liberal",
die lange verpönte Bezeichnung für alles linksliberal-sozialdemokratische
in der amerikanischen Politik, scheint wieder voll rehabilitiert. Obama
regiert deutlich weiter links als der "New Democrat" Bill Clinton.
Sogar die Erhöhung des Arbeitslosengeldes ließ er in sein Konjunkturbelebungspaket
aufnehmen. Den Gewerkschaften soll es per Gesetz leichter gemacht werden,
sich in den Betrieben zu organisieren. Gleichzeitig halten sich Obamas
Umfragewerte in lichten Höhen: Eine Zustimmung von über 60 Prozent
inmitten einer schweren Wirtschaftskrise, davon kann jeder anderer Politiker
in der Welt nur träumen. Nicht die angeschlagene konservative Opposition,
deren "Sozialismus"-Warnungen die Fernsehkabarettisten der Late
Night Shows beschäftigen, machen den Demokraten Sorgen, sondern die
schlichte Befürchtung, die Administration könnte sich mit vielen
Baustellen gleichzeitig überheben. Die Gefahr mag bestehen. Aber
Obama reagiert, anders als die kleinmütigen Europäer, mit seinem
Reformfeuerwerk auf das weitverbreitete Gefühl, dass der Staat astronomische
Summen in die Banken steckt, die Schuld an der Misere sind, während
die kleinen Leute die Rechnung bezahlen. Gesundheitsreform und steuerliche
Umverteilung nach unten würden hunderte Milliarden kosten. Rush Limbaugh,
der rechte Radio-Talker, wünscht sich, dass Obama scheitert. Nur
so ließen sich die Greuel eines sozialistischen Gesundheitssystems
verhindern. Die Hasstiraden Limbaughs haben den wortgewaltigen Polterer
zur bestimmenden Persönlichkeit des desorientierten konservativen
Lagers gemacht. Aber bei der überwiegenden Mehrheit der Bürger
kommt eher der Präsident an. Es reicht, seine "Rede zur Lage
der Nation" zu lesen, um zu verstehen warum. Obama redet nicht he-rum,
er spricht harte Wahrheiten aus. Er appelliert nicht an dumpfe Gefühle
und Emotionen, sondern an die Intelligenz seiner Mitbürger. Amerika
hat auf Pump gelebt und seinen langfristigen Wohlstand für kurzfristige
Gewinne geopfert, so Obama. Jetzt sei Zahltag, und alles habe gleichzeitig
zu geschehen: die Rettung vor dem finanziellen Totalkollaps, die Sanierung
des desolaten Energiebereichs und dieGesundheitsreform. In den USA könnte
die Rezession tatsächlich zur Chance werden.
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