Raimund Löw

Historiker und Journalist

 

 

 

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  "Falter" - Artikel
   

Oecalan, 25.11.1998


Als Sympathieträger ist Abdullah Öcalan, genannt "Apo", höchst ungeeignet: der egomanische Führer der kurdischen Arbeiterpartei PKK, der sich - offensichtlich unter dem Eindruck des für ihn ungewohnten Genus Loci - seit Neuestem mit dem Heiligen Petrus vergleicht, hat es im Laufe der Jahre geschafft so gut wie alle potentiellen Verbündeten gegen sich aufzubringen. Autoritärer Personenkult und stalinistisches Sektentum im Inneren, Messianismus und kurdischer Alleinvertretungsanspruch nach Außen prägen seit Jahren den Ruf der PKK .
Die Palästinenserorganisationen, die einst im libanesischen Bekaa Tal den Kurdenkämpfern ihre ersten Trainingslager ermöglicht haben, mockierten sich vor allem über das skurrile Sex-Verbot, das Öcalan selbst seinen verheirateten Parteimitgliedern nach wie vor auferlegt. In der deutschen Linken war man vor allem über die Killermethoden gegenüber Dissidenten aus den eigenen Reihen schockiert. Als der ehemaliger Öcalan-Mitstreiter Selim Cürükkaya seinen politischen Horrortrip unter dem Titel "Die Diktatur des Abdullah Öcalan" im Fischer Verlag darstellte, da revanchierte sich der mit einem Bannspruch, der Cürükkaya um sein Leben bangen lies: Günther Wallraff höchstpersönlich pilgerte zu Öcalan in den Libanon, um die Rücknahme des Quasi-Todessurteils zu erwirken.
Der Präsident der Gesellschaft für bedrohte Völker Tilman Zülch spricht von 70 hohen PKK-Mitgliedern, die allein in Europa auf Geheiß Öcalans ermordet worden seien. Mit der Kriegslogik allein lassen sich solche Methoden nicht erklären. Klar: man sollte die Dimensionen wahren. Mit 3600 zerstörten kurdischen Dörfern, 15 000 angeblichen PKK-Sympathisanten in den Gefängnissen der Türkei und tausenden Opfern rechter Todesschwadrone schlägt die staatliche Repression der Türkei in punkto Terror jede Guerillatätigkeit um Längen.
Terrorismus gehört trotzdem seit 15 Jahren eindeutig zum Arsenal der PKK. Aber ist sie deshalb eine Terrororganisation, wie nicht nur die Kriegsgegner der türkischen Regierung in Ankara, sondern auch das amerikanische State Department und zahlreiche europäische Politiker behaupten?
Zur Klärung mag eine Überlegung Bruno Kreiskys aus den Siebzigerjahren beitragen: Befreiungsbewegungen hatten fast immer Phasen, in denen sie auch zu Methoden des Terrors gegriffen haben, argumentierte der damals um die diplomatische Anerkennung der PLO streitende Kreisky. Als Terrororganisationen seien aber nur jene Organisationen zu bezeichnen, deren Identität sich im Terrorismus erschöpft, die ohne Terror nichts sind. Die deutsche RAF, die italienischen Roten Brigaden oder die diversen Gruppen des Islamische Dschihad fallen ziemlich eindeutig in letztere Kategorie. Die meisten Palästinenserorganisationen, darunter auch die fundamentalistische Hamas, die IRA und selbst die ETA sind dagegen anerkannte und manchmal führende Kräfte rebellierender Nationalbewegungen, die tiefere politische Wurzeln haben.
Wer bisher noch gezweifelt hat, daß auch die PKK zu dieser Gruppe gehört, den haben die letzten Tage eines Besseren belehrt: gerade dadurch, daß der außer Rand und Band geratene türkische Nationalismus sich Abdullah Öcalan zum Hauptfeind erkoren hat, wurde dieser nur noch mehr zum Symbol des kurdischen Widerstands. Verwundern kann das nicht: ist doch die Repression gegen jede Art demokratischer kurdischer Willensäußerung im bestehenden politischen System der Türkei der Nährboden, auf dem eine totalitäre Guerillaorganisation wie die PKK zur Massenbewegung werden konnte. Mit je nach Schätzung zwischen 5000 und 15 000 Kämpfern ist sie eine der größten ihrer Art. Die Zahl der Beiträge zahlenden PKK-Sympathisanten allein in Deutschland wird auf über 100 000 geschätzt. Die PKK-Fernsehstation MED-TV hat in Anatolien trotz strenger Verbote mehr Zuseher als die nationalen türkischen Kanäle.
Wie weit die türkische Staatsführung allerdings von der Anerkennung dieser Realität entfernt ist, zeigte zuletzt der türkische Präsident Demirel in Wien mit seiner unermüdlichen Wiederholung der Formel von der inexistenten Kurdenfrage und dem akuten Terrorproblem.
Aber die Hoffnung darf man nicht aufgeben: hat nicht auch Golda Meir einst die Existenz eines palästinensischen Volkes bestritten, ohne daß das ihre Nachfolger daran gehindert hätte mit Jassir Arafat, dem einstigen Todfeind Israels, zu verhandeln ?
Daß es auch in der Türkei zu einer Wende weg vom kemalistischen Einheitstaatsfanatismus kommt, könnte durch die Affaire Öcalan paradoxerweise erleichtert werden. Militärisch hat die PKK in den letzten Monaten Rückschläge hinnehmen müssen. Den wiederholten Übergriffen des türkischen Militärs in das PKK-Rückzugsgebiet im irakischen Kurdistan hatte man bislang nach Syrien ausweichen können. Dieses Refugium ist jetzt gesperrt, nachdem Syriens Hafez al Assad der türkischen Kriegsdrohung nachgegeben hat. Die irakischen Kurdenorganisationen haben sich mit Ankara arrangiert und Anfang des Jahres sogar den mit Öcalan zerstrittenen ehemaligen PKK-Kommandanten Semdin Sakik ausgeliefert.
Selbst Öcalans Vertreibung aus Syrien und die Flucht über Moskau nach Italien war ein Resultat des wachsenden türkischen Drucks. Aber was den türkischen Strategen als großer Befreiungsschlag erschien, wendet sich nun politisch mit voller Wucht gegen sie: denn die Kurdenfrage ist jetzt schlagartig an die erste Stelle der europäisch-türkischen Beziehungen katapultiert worden. Europa kann die gegenwärtige Krise nützen um neue Akzente zu setzen: Joschka Fischer und Massimo d'Alema sind glücklicherweise jetzt schon dabei, den Eindruck zu korrigieren, die Europäische Union sei ein Christenverein, in dem ein islamisches Land nichts zu suchen habe. Auch wenn es wirtschaftlich schwierig sein mag: aus sicherheitspolitischen Gründen sollte die Türkei eine echte Chance auf Einbindung in den europäischen Integrationsprozeß haben, wenn im Gegenzug Verhandlungen über die nationalen Rechte der Kurden beginnen und der Einfluß der Militärs zugunsten demokratischer Reformen zurückgedrängt wird. Auch die USA, die an einer starken geopolitischen Position Ankaras als Bollwerk gegen den islamischen Fundamentalismus interessiert sind, sollte eine solche Entwicklung befürworten: sie birgt höhere Chancen auf Stabilität, als das Chaos eines nicht enden wollenden Bürgerkrieges.
Wenn es einmal einen türkischen Yitzhak Rabin gibt, der fähig wäre, den Gordischen Knoten der Kurdenfrage zu lösen, dann sollte der zumindest die Gewißheit auf volle Unterstützung aus Europa und Amerika haben. Die Internationalisierung des Kurdenkonflikts hat auf jeden Fall begonnen.


 

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