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Oesterreich
- Blick von aussen, 27.9.2006
Vorbei sind die drängenden Fragen nach Jörg Haider oder Kurt
Waldheim, denen früher regelmäßig jeder Österreicher
nach Überschreiten der rot-weiß-roten Staatsgrenze ausgesetzt
war. Die österreichische Politik macht keine Schlagzeilen mehr. Sogar
Washingtoner Taxifahrer kommentieren erfreut "Oh, Arnold", wenn
sich herausstellt, dass der Fahrgast aus Austria kommt, statt vorsichtig
zu erkunden, ob Hitler wirklich noch so populär sei in diesem fernen
Land. Mit der in der Regel nicht sehr schmeichelhaften internationalen
Name Recognition für österreichische Politiker ist es vorbei.
Dem Reisenden gibt das wieder die angenehme Anonymität des Bürgers
eines der unzähligen Kleinstaaten der EU zurück, der in seiner
realen Bedeutung irgendwo zwischen Estland, Dänemark und der Slowakei
angesiedelt ist. Bedauern mag man nur, dass die erstaunliche Geschichte
vom Haiderschen Niedergang vom weltbekannten Symbol des europäischen
Rechtspopulismus zu einer ums politische Überleben kämpfenden
Figur aus der südlichen Provinz in der internationalen Presse so
selten erzählt wurde. Vielleicht könnten andere Länder
mit vergleichbarer politischer Kultur ihre Lehren daraus ziehen.
Ob die ÖVP mehr gewinnt, weniger gewinnt, ob es in Wien gar zu einem
Führungswechsel in Richtung SPÖ kommt oder ob die Grünen
endlich eine Regierungschance haben: von außen gesehen geht das
in der Normalität von 25 EU-Regierungen, die ständig mit irgendwelchen
Krisen kämpfen, völlig unter. Diese Wahrnehmung aus der Ferne
deckt sich weitgehend mit der Realität. Regierungswechsel selbst
in den wichtigsten europäischen Staaten haben inzwischen nur selten
wirklich nachhaltige Folgen für die Gesellschaft. Ein Gegenbeispiel
ist Spanien, wo die Sozialisten Jose Luis Zapateros eine spektakuläre
Welle der Liberalisierung ausgelöst haben, die mit Kreiskys Modernisierungsschub
in den Siebzigerjahren in Österreich zu vergleichen ist. Umgekehrt
könnte Polen durch die Regentschaft der Kaczynski-Brüder im
nationalkonservativen Sumpf stecken bleiben.
Nichts dergleichen ist in Österreich zu erwarten. Die Einbindung
in die EU hat dem Land bei allen Turbulenzen ein beträchtliches Ausmaß
an Normalität verliehen. Trotz der Regierungsbeteiligung einer Anti-EU-Partei
ist Wien durch immer engere Fäden mit Brüssel verbunden. Nicht
gegeben hat es in dieser Zeit allerdings eine gedankliche Befreiung von
so manchen aus der Vergangenheit hergeholten Ressentiments und Vorurteilen.
Erinnert man sich noch an die wilden Ultimaten, die vor wenigen Jahren
im Zusammenhang mit den Benes Dekreten oder mit Temelin in Richtung Prag
geschleudert wurden? Die EU-Erweiterung ist trotzdem über die Bühne
gegangen, der Streit wurde weg gebogen. Aber die österreichische
Öffentlichkeit hat ebenso wenig zu einem partnerschaftlichen Verhältnis
gegenüber den Nachbarn gefunden, wie zu einer Anerkennung der in
Österreich lebenden Immigranten als einer wachsenden Gruppe mit Rechten
und Problemen. Zum dem mit der Wirklichkeit so völlig im Widerspruch
stehenden lächerlichen Dogma, dass Österreich kein Einwandererland
sei, obwohl in der Hauptstadt längst jeder fünfte Bürger
aus einer zugewanderten Familie kommt, kam so eine zweite Lebenslüge:
die EU mit ihrem Erweiterungsdrang gilt als so ziemlich an allem schuld,
was die Bürger stört, ungeachtet der Tatsache, dass Österreich
am stärksten von der Öffnung der Grenzen in den Osten profitiert
hat. Gibt es auf die Dauer einen Bruch zwischen Bewusstsein und Realität
wächst bekanntlich die Gefahr politischer Neurosen. Aber selbst das
ist inzwischen längst keine österreichische Besonderheit mehr,
weder in Europa noch im Rest der Welt.
Für den österreichischen Reporter in Washington, der in scharfer
Konkurrenz mit nicht gerade zimperlichen Medien aus aller Herren Länder
steht, erweist sich angesichts des Rückkehr Österreichs in die
wenig aufregende Normalität inzwischen der Zuruf "We are from
Europe" als der sicherste Weg, sich bemerkbar zu machen.
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