Raimund Löw

Historiker und Journalist

 

 

 

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  "Falter" - Artikel
   

Ohne einheitliche Politik wird Europa zum Krisenfaktor, 17.8.2011

Als im Herbst 2008 der Zusammenbruch von Lehman Brothers das internationale Finanzsystem bedrohte, da verhinderte das koordinierte Vorgehen der wichtigsten Wirtschaftsnationen den Totalkollaps. Die amerikanische Regierung pumpte tausende Milliarden Dollar in Banken, Autofirmen und die Konjunktur. In einem denkwürdigen Fernsehauftritt garantierten Angela Merkel und Pier Steinbrück die Sparguthaben der Deutschen. Nicolas Sarkozy versprach ein Ende des Kasinokapitalismus. Drei Jahre später hat sich die Bankenkrise auf die Staaten selbst ausgeweitet. Eine zweite weltweite Rezession ist nicht mehr ausgeschlossen. Die Massenarbeitslosigkeit in den USA bedroht die Wiederwahl Barack Obamas. Die jugendlichen Plünderer in Großbritannien wirken wie Vorboten zukünftiger Erschütterungen. Die sozialen Folgen eines neuerlichen Einbruchs will sich niemand ausmalen. Die berühmten Märkte spielen verrückt und die Politik in Europa und Amerika scheint am Ende ihres Lateins.
Die westliche Welt steckt in einer Systemkrise mit unsicherem Ausgang.
Kapital, das überall in der Welt nach profitablen Anlagefeldern sucht, gehört zum Wesen des Kapitalismus, das hat schon Karl Marx gelehrt. Die Funktion der Krisen sah er in der Entwertung der überschüssigen Gelder. Mit Bankenpleiten, Börsenkrachs und Schuldennachlässen werden zur Zeit tatsächlich tausende Milliarden vernichtet. Diesen Vorgang so wenig destruktiv wie möglich zu halten wäre nach John Maynard Keynes die zentrale Aufgabe des Staates. Aber zu den Wirtschaftszyklen ist seit den 1980erjahren eine weitgehend verselbständigte, hypertrophe Finanzwelt gekommen, die alle Widersprüche massiv verschärft. Durch traditionelles Deficit Spending wieder Wachstum zu gerieren, wie Keynes das einst empfahl, ist in der gegenwärtigen Schuldenkrise schwer möglich. In Neuland vorzustoßen, wie eine gemeinsame Verwaltung der Staatsschulden in Europa durch Eurobonds oder eine moderne Variante des New Deal in den USA zur Arbeitsplatzbeschaffung, fehlt der Politik die Kraft.
Den streng konservativen britischen Daily Telegraph erinnern die kopflosen Regierungen von heute an die Unglücksphase des vergangenen Jahrhunderts. Das Festhalten an einer starr an den Goldstandard gekettete Währungspolitik durch engstirnige Politiker und Zentralbanker führte in den weltweiten Bankenkrach. Mit dem Zusammenbruch der Wiener Creditanstalt 1931 machte das System Tilt. Aus der Rezession wurde die Depression. 1932 folgte der Aufstieg faschistischer Parteien, der den Kontinent in Schutt und Asche legen sollte.
Klar: die demokratischen Institutionen sind heute unvergleichlich stabiler als in der Zwischenkriegszeit. Selbst der schlimmste Nationalismus ist vom damaligen kriegerischen Revanchismus weit entfernt. Aber in Umbruchzeiten können politische Verschiebungen sehr rasch passieren.
Geopolitischer Krisengewinnler ist in Europa Deutschland. Kein EU-Land kann ohne grünes Licht aus Berlin auf finanzielle Unterstützung hoffen. Aber die deutschen Eliten wissen nicht, was sie mit ihrer neuen Macht anfangen sollen. Das Bundesverfassungsgericht in Karlsruhe steht bei der Integration auf der Bremse. Einflussreiche Irrlichter wie der Wirtschaftsexperte Hans-Werner Sinn flirten mit der Idee einer Auflösung der Eurozone beginnend mit dem Austritt Griechenlands. Konkret zwingt Deutschland halb Europa einen Sparkurs auf, der die Unterschiede zwischen Nord und Süd noch weiter verschärft.
Dass jetzt auch Kernländer wie Italien und Frankreich ins Visier von Spekulanten geraten, wird den Meinungsbildungsprozess in Berlin beschleunigen müssen. Will Deutschland nicht den geopolitischen Alleingang auf Grund eines Zerfalls der EU riskieren, geht an der unpopulären Transfertsunion mit europäischer Wirtschafts-, Steuer- und Sozialpolitik kein Weg vorbei. Genauso wie Westdeutschland den ärmeren Osten subventioniert, müsste der reiche Norden Europas für den schwächeren Süden gerade stehen.
Die Impulse der jugendlichen "Empörten" in Spanien, die einen Marsch für soziale Gerechtigkeit auf Brüssel vorbereiten, gehen in diese Richtung. Das politische Establishment ist von diesem Aufbruch bisher unberührt geblieben. Dafür ist die Unsicherheit, in welche Richtung sich Europa sozial und politisch entwickelt, selbst zum Krisenfaktor geworden. Genauso wie in den USA die Lähmung zwischen den rechtslastigen Republikanern und dem demokratischen Präsidenten Barack Obama.

 

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