Raimund Löw

Historiker und Journalist

 

 

 

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  "Falter" - Artikel
   

Oskar lebt, 17.3.1999

Am leichtesten haben es die Briten: der putschartige Abgang Oskar Lafontaines erscheint ihnen als kontinentaler Durchbruch für "New Labour" in der ansonst nach wie vor von den linken Traditionen des "Old Labour" beherrschten europäischen Sozialdemokratie. Die "Financial Times" ("Oskar Bravo!") will sogar von entkorkten Champagnerflaschen in Downing Street 10 wissen- höchst ungewohnte Emotionen beim Rücktritt eines deutschen Ministers.
Frankreich dagegen ist verunsichert: der visionäre SPD-Vorsitzende galt als echter Sozialist und frankophil noch dazu. Ein Gegengewicht zu dem zur Ideologie erhobenen Pragmatismus des Schröder-Teams. Dominique Strauss-Kahn, der französische Finanzminister, bleibt jetzt als einziger profilierter Anwalt eines europäischen Sozialmodells in den obersten Finanzsphären der G 7.
Italiens Massimo D'Alema wiederum denkt vor allem an die sich nun ergebenden Karrierechancen für seinen Rivalen Romano Prodi: Lafontaine werde jetzt wohl kaum Anspruch auf den Posten des nächsten EU-Kommissionspräsidenten erheben können, freut sich der italienische Ministerpräsident. Womit der Weg nach Brüssel frei wäre für Ex-Premier Prodi, der der italienischen Linke mit seinen Bemühungen zur Gründung einer neuen Zentrumspartei ordentliche Kopfzerbrechen bereitet.
Es ist der Beginn einer neuen Sphäre europäischer Innenpolitik: nie zuvor wurden einem innerdeutschen und noch dazu innersozialdemokratischen Krach derart unmittelbare Auswirkungen auf den ganzen Kontinent zugeschrieben. Die "Financial Times" sah gar das Ende eines Gespenstes, das umging in Europa so wie einst der Kommunismus in der Beschreibung des "Kommunistischen Manifests" von 1847.
Die Realität ist prosaischer: der Egomane Lafontaine war ein katastrophaler Regierungspolitiker, der sich in nicht sechs Monaten all jene zu Feinden gemacht hat, die er in Wirklichkeit dringend als Partner gebraucht hätte. Die meisten seiner Ideen haben allerdings die beste Chance sich letztendlich doch durchzusetzen.
Den Anfang könnte schon in wenigen Wochen die Europäische Zentralbank machen. Nicht zuletzt auf Grund der ständigen öffentlichen Zurufe Oskar Lafontaines hat EZB-Chef Wim Duisenberg bislang ganz wie ein Klon seines deutschen Pendants Hans Tietmayer agiert. Befreit vom ständigen Mahner aus Bonn kann er jetzt genau das tun, was dieser stets verlangt hat: größere Transparenz zulassen und vor allem die Zinsen senken, um der Rezessionsgefahr in Europa zu begegnen.
Mit etwas Glück könnte danach die Wirtschaftspolitik der EU folgen: nach dem Abgang seines Erfinders hat der Plan einer schrittweisen Harmonisierung
der europäischen Steuersystem die besten Realisierungschancen. Denn daß es in einem derart integrierten und durch eine gemeinsame Währung verbundenen Wirtschaftsraum wie der EU auf die Dauer nicht völlig unterschiedliche Steuersysteme geben kann, weiß auch Tony Blair. Er kann jetzt um vieles flexibler in die Verhandlungen gehen, nachdem der Siegestaumel über den Sturz des deutschen Feindbildes Rupert Murdochs Massenblatt "Sun" zumindest für einige Zeit zu neutralisieren verspricht.
Selbst die vielkritisierten Oskar'schen Vorschläge zur Reform der internationalen Finanzarchitektur sind alles andere als Ausbund eines gefährlichen Antikapitalismus. Vom Finanzmagnaten George Soros bis zu den Chefökonomen der Weltbank reicht die Reihe jener, die nach den furchtbaren Erschütterungen in Asien, Rußland und Lateinamerika Reformen verlangen. Selbst in den USA ist die ultraliberale Orthodoxie auf dem Rückzug: während in Washington Finanzministerium und Federal Reserve nach wie vor auf einem konservativen laissez-faire beharren, ist die "Anpassung des internationalen Wirtschaftssystems an die Realitäten des 21.Jahrhunderts" im Weißen Haus zu einem Standardthema geworden. Von der Hypothek des Amtsenthebungsverfahrens befreit, geht Bill Clinton nach links und eine Reform der Weltfinanzen wäre ein honoriges Leitmotiv für die verbleibenden eineinhalb Jahre seiner Präsidentschaft.
Fixen Bandbreiten für die Schwankungen der globalen Währungen Dollar, Yen und Euro kann sich inzwischen auch die japanische Regierung vorstellen: die 1,5 Billionen Dollar, die sich täglich in Währungs-und Kapitaltransaktionen rund um den Erdball bewegen, stellen auch für die wirtschaftlichen Supermächte ein bedrohliches Potential der Instabilität dar.
"Oskar's Problem waren nicht seine Ideen," urteilt pointiert der Londoner "Guardian", "das Problem war die fehlende Kunstfertigkeit seiner Politik". "His lack of the political arts", wie das elegant britisch heißt. Entscheidend war, daß es die rot-rosa-grüne Koalition nach einem brilliant disziplinierten Wahlkampf nicht geschafft hat, mit einer Zunge zu sprechen. Einen Kurs kann man ändern: von Bill Clinton über Francois Mitterand bis zu Lionel Jospin haben Politiker links von der Mitte das wiederholt erfolgreich demonstriert. Aber zwei einander widersprechende Linien und zwei Egos in einem Kabinett, das zerstört jede Glaubwürdigkeit.
Der subjektive Faktor bei Rotgrün heißt jetzt unumstritten Gerhard Schröder. Ohne das Temperament und ohne die Visionen Oskar Lafontaine's hat er es mit ziemlich den gleichen Verhältnissen zu tun, wie sein früherer Rivale. Wobei als Zusatzaufgabe dazukommt, was Tony Blair vor seinem Regierungsantritt erledigt hat: die sozialdemokratische Partei auf zeitgemäß-amerikanisch umzumodeln. Deutschland durch mehr Flexibilität zu modernisieren, Europa zu integrieren und die Globalisierung zu zivilisieren: schwierige Vorgaben für den zweiten Anlauf des Gerhard Schröder.

 

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