Raimund Löw

Historiker und Journalist

 

 

 

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  "Falter" - Artikel
   

Osttimor, 15.9.1999

Als Indonesiens Diktator Suharto 1975 beschloss, die durch die portugiesische "Revolution der Nelken" freigekommene Ex-Kolonie Osttimor zu besetzen, da signalisierten die in Jakarta weilenden amerikanische Staatsspitze unter Gerald Ford und Henry Kissinger Verstaendnis. Die indonesischen Generaele, selbst an die Macht gekommen nach einem graesslichen Ausrottungsfeldzug gegen Kommunisten und Angehoerige der chinesischen Minderheit, waren feste Verbuendete im Kalten Krieg. Die osttimoresische Befreiungsbewegung Fretilin hatte den wenige Wochen zurueckliegenden Einzug der Nordvietnamesen in Saigon bejubelt und galt als kommunistenfreundlich. Menschenrechtsaktivisten stiessen jahrelang im Westen auf taube Ohren, als sie den Vernichtungsfeldzug der Militaers auf der fernen Suedseeinsel anprangerten. Zwar hat ausser Australien kein Staat der Welt die Annexion anerkannt und Osttimors Bischof Carlos Belo erhielt mit seinem mutigen Gefaerten Jose Ramos-Horta in den Achtzigerjahren sogar den Friedensnobelpreis: aber die Sympathien der Maechtigen dieser Welt standen bis zuletzt eindeutig nicht auf der Seite der langhaarigen jungen Leute, die mit ihren Horrorberichten immer wieder versuchten die Weltoeffentlichkeit aufzuruetteln.In Jakarta liessen westliche Regierungen hohe Stacheldrahtzaeune um ihre Botschaften in Jakarta bauen, um zu verhindern, dass sich Fluechtlinge aus Osttimor auf ihr Territorium retten. Auch die oesterreichisch Botschaft in Jakarta hatte monatelang einer Gruppe osttimoresischer Fluechtlinge Schutz geboten: noch im vergangenen Jahr untersagte das Aussenministerium in Wien aber aus Angst vor einer Verstimmung der indonesischen Regierung jeden Kontakt der Fluechtigen mit oesterreichischen Journalisten.

In diesen Tagen wiederholt sich eine mit 1975 durchaus vergleichbare Tragoedie: die siegreiche Revolution der Studenten gegen Praesident Suharto im Fruehsommer 1998 hatte auch Osttimor wieder Hoffnung gegeben. Schon in den ersten Wochen der neuen Freiheit kamen tausende Studenten aus Osttimor nach Jakarta, um ihren Anspruch nach Unabhaengigkeit und einer Revision der Annexion von 1975 deutlich zu machen. Xanana Gusmao, der in indonesischen Gefaengnissen festgehaltene historische Fuehrer der Unabhaengigkeitsbewegung, begann von seiner Kerkerzelle aus den Dialog mit der Regierung. Das Resultat war das Abkommen der indonesischen Regierung mit der UNO, das am 30.August zu dem Referendum mit dem bekannten Ergebnis gefuehrt hat: dem Vernichtungsfeldzug einer ausser Kontrolle geratenen Soldateska gegen die grosse Mehrheit der schutzlosen Bevoelkerung und dem groessten Desaster der Vereinten Nationen seit Jahren, nachdem sich bei einer Wahlbeteiligung von fast 100 Prozent ueberwaeltigende 78 Prozent fuer die Unabhaengigkeit ausgesproche hatten.
Dass UNO-Initiativen scheitern hat es immer wieder gegeben. Unbeachtete Kriege und Massaker, fern von den strategischen Interessen Europas oder der Vereinigten Staaten, sind ebenfalls Teil der traurigen Realitaet am Ende des 20.Jahrhunderts. Aber der Fall von Osttimor geht darueber hinaus: hier hat die Weltorganisation selbst eine anfangs misstraurische und schliesslich begeisterte Bevoelkerung in jene Situation hineingetrieben, die zur Katastrophe gefuehrt hat. Haette man das Referendum ein paar Monate spaeter angesetzt, vielleicht waere Zeit gewesen mit Jakarta die Anwesenheit von 5000 Blauhelmen auszuhandeln und zehntausende Timoresen waeren noch am Leben.
David Wimhurst, der Sprecher der mit dem Kuerzel UNAMET versehenen UNO-Mission in Osttimor, ist in den vier Monaten seines Aufenthalts in der Haupststadt Dili immer wieder gefragt worden, was die UNO denn zu tun gedenke, wenn Milizen und Militaers den Ausgang des Referendums nicht akzeptieren. Die Antworten waren stets ausweichend. Zu der Zeit lagen der UNO nach Aussagen des australischen Indonesien-Experten Damien Kingsbury von der Monash Universitz schon zahlreiche Dokumente vor, die die Planung des angekuendigten "Meeres von Feuer " belegten. Aber man vertraute den Versprechen der Regierungsspitze in Jakarta und den Versicherungen jener Militaers, die in der Tradition der Schreckensherrschaft der letzten Jahrzehnte standen.
In Washington wies Clintons Nationaler Sicherheitsberater Sandy Berger vergangene Woche alle Fragen nach einer moeglichen Osttimor-Intervention mit einem schnoddrigen "Osttimor ist nicht Kosovo" zurueck und ein genervter US-Generalstabschef Hugh Shelton dementierte alle Informationen ueber militaerische Vorbereitungen der USA . Das mag vom Standpunkt eines engen Verstaendnisses der amerikanischen Nationalen Interessen gerechtfertigt sein: Kosovo bedrohte die Autoritaet der NATO und damit das strategische Buendnisses USA-Europa. Aber in Osttimor sind in einer Woche mehr Menschen ermordert worden als in Kosovo in Monaten und auch das Voelkerrecht macht einen Eingriff zur Rettung der Bevoelkerung eines illegal besetzten Territoriums eher leichter als schwerer.
Entscheidend dafuer, dass schliesslich doch der internationale Druck aufgebracht wurde, um Jakarta zum Nachgeben zu bringen und dazu zu bewegen, das Prinzip einer internationalen Hilfstruppe zu akzeptieren, war die drohende Folge eines bleibenden Imageverlustes fuer die UNO. Asien zaehlt von Korea im Osten ueber Taiwan und Indonesien bis nach Kaschmir unzaehlige Krisenherde und keine NATO oder EU vergleichbare Ordnungsmacht. Die Vereinten Nationen in einer solchen Situation als moegliche Konfliktloeser auf Dauer zu diskreditieren, ist ein Risiko, dass keine Grossmacht eingehen will.
Auch wenn in den naechsten Tagen tatsaehlich australische, neuseelaendische, malaiische oder philippinische Blauhelme in Dili landen: den Makel der fuer die Betroffenen lebensgefaehrlichen Verantwortungslosigkeit wird die UNO nach dem Osttimor-Debakel nicht so leicht loswerden. Und noch etwas faellt auf: die totale Absenz Europas im Machtpoker um das Ueberleben der TImoresen. Dabei war es doch der portugiesische Vorstoss gegen die nicht enden wollende Begierlichkeit der Hollaendischen Ostindien-Gesellschaft im Jahr 1642 gewesen, der an der Wurzel der besonderen Stellung der katholischen Osttimoren steht. Immerhin erinnern in Lissabon seit Tagen zehntausende Demonstranten an die Mitverantwortung des alten Konfinents fuer die Spaetfolgen der kolonialen Raubzuege vergangener Zeiten.

 

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