Raimund Löw

Historiker und Journalist

 

 

 

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  "Falter" - Artikel
   

Out of Control, 26.10.2005


Die Causa könnte alltäglicher nicht sein: Eine in die Enge getriebene Regierung verteidigt sich, indem sie die Glaubwürdigkeit ihres Kritikers demoliert. Und so lässt sie verbreiten, Joseph Wilson, ein schillernder Exbotschafter, auf der Suche nach den irakischen Massenvernichtungswaffen durch halb Afrika gereist, sei in Wirklichkeit ein Hochstapler, der den Job nur der Protektion seiner beim CIA tätigen Gattin verdanke. Journalisten auf allen Kontinenten haben ähnliche Situationen erlebt. Aber ausgerechnet diese mehr als zwei Jahre zurückliegende Episode droht die Präsidentschaft George Bushs nachhaltiger zu beschädigen, als die Umverteilung nach oben oder die schlechten Nachrichten aus dem Irak.
Bush-Chefberater Carl Rove und Cheney-Stabschef Lewis "Scooter" Libby, die wichtigsten Architekten der republikanischen Erfolge, stehen im Visier eines hartnäckigen Sonderstaatsanwaltes, der herausfinden will, wer im Weißen Haus die CIA-Geheimagentin geoutet hat. Nach amerikanischem Gesetz ist Geheimnisverrat ein schweres Verbrechen. Auch eine Anklageerhebung wegen Behinderung der Justiz oder Meineides ist denkbar.
Im Frühsommer 2003, Bagdad war eben gefallen, hatte sich der innenpolitische Beraterstab des Weißen Hauses in einer großangelegten Abwehrschlacht befunden, um die Fiktion des offiziellen Kriegsgrundes, Saddams bedrohliche Massenvernichtungswaffen, zu verteidigen. Jedes Mittel schien dazu recht, auch die für sicherheitspolitische Hardliner eher unkonventionelle Enttarnung einer Geheimagentin. Dass die erfolgsgewohnten politischen Wunderkinder des konservativen Lagers jetzt in die Fänge der Justiz geraten sind, ist somit eine der Langzeitfolgen jener Lüge, mit der der Irakkrieg begründet wurde.
Unabhängig davon, wie der Sonderstaatsanwalt entscheidet, steht das gesamte System am Pranger, mit dem es den republikanischen Strategen gelungen ist, den Blick der Öffentlichkeit weg von der Realität und hinein in die neokonservative Scheinwelt zu lenken. Amerikanische Politskandale brauchen viel Zeit, um zu reifen. Und oft ist es ein abgeleiteter Nebenaspekt, der sie zum Platzen bringt. So waren es im Watergate-skandal die plump gelöschten Abhörbänder, die Richard Nixon zum Verhängnis wurden.
Von einem Nixon-Schicksal ist George Bush zwar weit entfernt. Aber ein Jahr nach seinem eindeutigen Wahlsieg droht ihm die Kontrolle über die republikanische Partei zu entgleiten. Ausnahmslos alle Projekte der zweiten Amtszeit sind bisher in der Sackgasse gelandet, obwohl die Regierungspartei beide Häuser des Kongresses kontrolliert. Auf die lange Bank geschoben ist das große Vorhaben einer Teilprivatisierung von Social Security, der amerikaweiten staatlichen Mindestpension. Die angeblichen Vorteile von mehr Risiko und weniger Staat erschienen der Bevölkerung einfach nicht plausibel. Schreckensmeldungen aus dem Irak lassen die amerikanische Außenpolitik ungeachtet aller kühnen Worte vom Demokratieexport wie ein großes Rückzugsgefecht erscheinen. Dazu kommt die allgegenwärtige Erinnerung an das Debakel in der Folge vom Hurrikan "Katrina". Zu Bushs großen Atouts hatte sein Bündnis mit der ultrakonservativen christlichen Rechten gehört. Doch auch dieses Verhältnis liegt in Scherben, seit dieser Flügel, der seit Jahren von einem harten rechten Ideologen im Höchstgericht träumt, vor den Kopf gestoßen wurde, weil Bush die farblose Anwältin Harriet Miers nominierte.
Die Demokraten halten sich an die goldene Regel, ruhig zu bleiben, wenn der Gegner Selbstzerstörung betreibt. Sie setzen darauf, dass eine Anklage gegen führenden Strategen der Administration wie Rove und Libby das Kartenhaus der republikanischen Alleinherrschaft zum Einsturz bringen könnte. Die Zurückhaltung hat allerdings ihren Preis: Inhaltliche Alternativen zum konservativen Mainstream lassen sich kaum sichtbar machen. So träumt das linke Wochenblatt The Nation denn auch von einem demokratischen Newt Gingrich. Der konservative Star der Neunzigerjahre hatte es geschafft, die Unzufriedenheit mit den stockenden Reformen der ersten Clinton-Jahre in seinem "Contract with America" zu bündeln. Dieser "Kontrakt" verhalf den Republikanern zur ideologischen Vorherrschaft in einer weitgehend entideologisierten politischen Landschaft. Noch ist es für ein linksliberales Revivals nicht zu spät, die Kongress-wahlen stehen erst im Herbst 2006 bevor. Aber bisher haben es die Demokraten mit ihren verschiedenen schwachen Machtzentren nicht geschafft, die bis in konservative Kernschichten reichende tiefe Enttäuschung über Bush zu nützen.
Chancen dazu wird es weiter geben. Denn die Desorientierung der Republikaner ist nicht auf das Weiße Haus beschränkt. Das texanische Geldwäscheverfahren gegen Exfraktionschef Tom DeLay und Insiderhandelvorwürfe gegen Senatsführer Bill Frist haben auch die wichtigsten Bündnispartner des Präsidenten im Kongress lahm gelegt. Erstmals seit langem sind wieder von Fall zu Fall unterschiedliche Mehrheiten möglich. So folgte der Senat Anfang Oktober dem charismatischen republikanischen Einzelgänger John McCain und forderte mit neunzig zu neun Stimmen ein explizites Folterverbot für die Streitkräfte - zur Schande des Weißen Hauses trotz einer Vetodrohung des Präsidenten. Im Repräsentantenhaus gibt dagegen wieder einmal der rechte Wirtschaftsflügel den Ton an. Um das wachsende Budgetdefizit in den Griff zu bekommen, ohne Steuerkürzungen und Militärausgaben infrage zu stellen, will eine starke Fraktion Milliarden bei der Krankenfürsorge für die Armen kürzen. Nach "Katrina" ein politisch riskantes Unterfangen.
Geschwächt durch Skandale und Fehlschläge, scheint der Präsident außerstande, die widerstrebenden Tendenzen im eigenen Lager unter Kontrolle zu bringen. Eine nicht ungefährliche Situation für eine Supermacht. Erinnerungen an die berühmten "Wag the dog"-Szenarien unter Bill Clinton werden wach, bei denen man dem im Monica-Lewinsky-Skandal verstrickten Präsidenten vorwarf, bewusst internationale Konfrontationen zur Ablenkung von innenpolitischen Problemen zu suchen. Niemanden sollte es wundern, wenn ein im Inneren angeschlagener George Bush im kommenden Jahr die brennenden Probleme Syrien und Iran besonders forsch angeht.


 

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