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Pariser
Herbst, 9.11.2005
Monströse "HLM", "Wohnbereiche mit moderaten Mieten",
die bedrohlich wirkenden französischen Sozialbauten, haben das Stadtbild
der Pariser Vororte schon vor Jahrzehnten geprägt. Aber noch in den
Siebzigerjahren handelte es sich um funktionierende Gemeinwesen mit ethnisch
und sozial gemischter Bevölkerung, meistens zusammengehalten vom
egalitären Ethos eines kommunistischen Bürgermeisters. Die Einwandererkinder
aus Algerien oder Senegal drückten gemeinsam mit den Kindern französischer
Facharbeiter die Schulbank. Mehr als drei Jahrzehnte später sind
die brennenden Straßen der zu kaputten Ausländerghettos verkommenen
Pariser "Banlieues" zum Kristallisationspunkt einer fehlgelaufenen
gesellschaftlichen Entwicklung geworden. Und zwar keineswegs nur in Frankreich.
In Frankreich hat die Explosion der Gewalt nach dem Tod des 15-jährigen
Boyne Traore und seines 17-jährigen Freundes Zyed Benna, die auf
der Flucht vor der Polizei im Transformator von Clichy-sous-Bois Schutz
gesucht hatten, vor allem eine Diskussion um die Sicherheitspolitik der
Regierung ausgelöst. Die Hilflosigkeit der Polizei gegenüber
Tausenden Randalierern ist allerdings nur die eine Seite. Ohne den alltäglichen
unverhüllten Rassismus einer von der arbeitslosen Jugend der verwahrlosten
Banlieues als fremde Besatzungsmacht empfundenen Ordnungsmacht wäre
es nie zu dieser Eskalation gekommen. Um die martialischen Patrouillen
der CRS-Spezialeinheiten haben Jugendliche in Frankreich schon immer einen
großen Bogen gemacht. In den Vorstädten der jüngeren Vergangenheit
ließen Kriminalität, Bandenwesen und Drogen diese traditionelle
Frontstellung zu einem richtiggehenden Kleinkrieg werden.
Harte und immer härtere Polizeieinsätze wurden zur Kehrseite
misslungener Bildungspolitik, überforderter Sozialprojekte und gescheiterter
Integration: Nicolas Sarkozy, Innenminister und populistischer Rechtsaußen
der Regierung, hat daraus sein Markenzeichen gemacht. In Wirklichkeit
zeigt die Pariser Krise, wie beschränkt inzwischen die Wirkungskraft
des gerade in Frankreich so hochgehaltenen europäischen Sozialmodells
geworden ist. Die Schimpforgien, mit denen Sarkozy auf die Unruhen reagiert
("Abschaum", "Kanaille"), sollen dem neuen Star der
Rechten die Zustimmung der verunsicherten Bürger bringen. Tatsächlich
demonstrieren sie jedoch mehr noch als die Versöhnungsappelle seiner
Rivalen Jacques Chirac und Dominique de Villepin die Hilflosigkeit der
staatlichen Macht.
Ebenso wie bei vergangenen Revolten in den verwahrlosten Inner Cities
der USA verschärfen in Frankreich ethnisch-kulturelle Gegensätze
die Krise der Trabantenstädte: Was sich in den USA als "Rassenkonflikt"
darstellt, wird in Europa zur Auseinandersetzung mit der zornigen "islamischen
Jugend" und bekommt damit eine ungeahnte ideologische Dimension.
Die krude politisch radikalisierten jugendlichen Randalierer identifizieren
sich gerne mit der palästinensischen Intifada, wenn sie ihre Molotowcocktails
werfen. Umgekehrt suggeriert eine gewissenlose Politik hinter jedem Kopftuch
und jeder Moschee, ob in Paris, Amsterdam oder Wien, die terroristische
Fratze des islamischen Faschismus.
Der amerikanische Philosoph Francis Fukuyama, der berühmt wurde,
weil er das Ende des Kalten Krieges mit dem Ende der Geschichte verwechselt
hat, bezeichnet es treffend als die größte Herausforderung
der europäischen Demokratien, jugendliche Moslems in großer
Zahl zu integrieren und dabei gleichzeitig einem rechtspopulistischen
Backlash aus dem Weg zu gehen. Trotz aller Beteuerungen von einem angeblich
ethnisch farbenblinden französischen Staatsapparat gibt es nach wie
vor kaum Nordafrikaner in der französischen Polizei. Kein einziger
Abgeordneter der Pariser Nationalversammlung ist moslemischer Herkunft.
Die Debatten in den Regierungspalästen der Innenstadt sind für
die Jugendlichen so fremd, als kämen sie von einem anderen Planeten.
Obwohl in Frankreich die meisten Einwanderer stolze Besitzer eines französischen
Passes sind, steigert eine Unzahl von Faktoren das Gefühl der Fremdheit
gegenüber den staatlichen Institutionen. Dazu gehört wohl auch
das kleinliche Kopftuchverbot in den französischen Schulen, selbst
wenn es inzwischen kaum mehr viele Diskussionen auslöst.
Gegner multikultureller Gesellschaftsmodelle unterstellen einer derartigen
Argumentation gerne ein Nachgeben gegenüber der antidemokratischen
Ideenwelt fundamentalistischer Ideologen. Das Gegenteil ist wahr: Erst
wenn sich ethnisch oder religiös definierte Volksgruppen voll akzeptiert
fühlen in einer Gesellschaft, ist auch die Auseinandersetzung mit
diskriminierenden Tendenzen innerhalb der Gruppe möglich.
In den USA sind nach den gewalttätigen "Riots" der schwarzen
Ghettos viele Pläne zur Überwindung der Rassentrennung folgenlos
geblieben. Um Schulen, Jobs und die persönliche Sicherheit ist es
in den Inner Cities nach wie vor schlecht bestellt. Aber gleichzeitig
gab es auch beachtliche Fortschritte. Afroamerikanische Bürgermeister
gelten als Selbstverständlichkeit, und viele Polizeichefs sind schwarz.
Viele Polizeipatrouillen in Washington, DC, einst Ort schlimmer Rassendiskriminierung
und gewalttätiger Unruhen, sind gezielt gemischt aus Schwarzen und
Weißen zusammengesetzt. Die drogendealenden Kids in den Ghettos
sehen die Polizisten noch immer als Feinde an, und es gibt immer wieder
böse Übergriffe. Aber das Gefühl, unter einer fremden Besatzungsmacht
zu stehen, ist vergangen. Die afroamerikanische Geschichte wurde Teil
der amerikanischen Identität, wie sich erst in den vergangenen Tagen
beim Quasistaatsbegräbnis für Rosa Parks gezeigt hat, jene mutige
schwarze Frau, die durch ihre Weigerung, im Bus einem Weißen den
Sitzplatz zu überlassen, den Startschuss zur Bürgerrechtsbewegung
gegeben hatte.
Francis Fukuyama weist Europa darauf hin, dass nationale Identitäten,
die auf "Blut, Boden und gemeinsamer historischer Erinnerung"
beruhen, im Widerspruch zur multikulturellen Wirklichkeit der modernen
Welt stehen: "Nationale Identitäten sollten so gestrickt sein,
dass sie eine Quelle der Integration und nicht eine Quelle der Ausgrenzung
sind", mahnt der amerikanische Professor. Wie wenig das selbst dem
streng republikanischen Frankreich gelungen ist, zeigen einmal mehr die
Explosionen der letzten Tage. Optimisten hoffen, dass aus Randalierern
gegen das Feindbild eines Innenministers Sarkozy einmal Staatsbürger
werden könnten, die sich politisch engagieren und die nationale Identität
des Landes verändern. Auszuschließen ist das nicht. Aber gäbe
es nicht weniger steinige Wege zu diesem Ziel?
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