Raimund Löw

Historiker und Journalist

 

 

 

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  "Falter" - Artikel
   

Parteienlandschaft, 25.1.2000

Ein Gespenst geht um in Europa: das Gespenst italienischer Zustände. Nicht nur in Österreich ist die traditionelle Parteienlandschaft im Umbruch. Denn mit zehnjähriger Zeitverzögerung sind die aus der Zeit des Kalten Krieges stammenden politischen Verhältnisse gleich an mehreren Schauplätzen ins Rutschen gekommen. Italien war der erste Beispiel der Implosion jener Regierungsparteien, die dem Land rund um das Gravitationszentrum Democrazia Christiana über ein halbes Jahrhundert seinen Stempel aufgedrückt hatten. Inzwischen agieren die Player der Politik am Ballhausplatz in Wien so byzantinisch wie einst am Quirinal in Rom. Französische Staatsanwälte wandeln mit kühnen Vorstößen ins Herz der politischen Macht auf den Pfaden der "mani puliti" im südlichen Nachbarland. Und auch daß ein christlicher Parteikassier zum Strick greift, wie zuletzt in Berlin, hat es im Rahmen des italienischen "Tangentopoli"-Skandals wiederholt gegeben.
In der "New York Times" erklärt Roger Cohen das Verhalten Helmut Kohls aus der Mentalität des Kalten Krieges. Christdemokratische Parteien verstanden sich als amerikanisch gestütztes Bollwerk der freien Welt im weltumspannenden Bürgerkrieg gegen Chaos und Kommunismus, verkörpert in Honneckers DDR ebenso wie in Berlinguers KPI. In diesem Kampf schien vom Bündnis mit der Mafia (Italien) bis zur illegalen Finanzymbiose von Partei und Wirtschaft (Deutschland) alles erlaubt. Jetzt sind die alten Fronten gefallen und damit auch die raison d'etre einer ganzen Reihe von im Kalten Krieg gewachsenen Machtstrukturen in Europa.
Dazu gehört auch das österreichische System der Großen Koalition: in einem Kleinstaat mit historisch schwachem Bürgertum war Rot-Schwarz der an der Grenze zum Eisernen Vorhang erforderliche Garant jener Stabilität, die den heimischen Wirtschaftsaufschwung ermöglichte und gleichzeitig auch in der Konfrontation der Blöcke geopolitisch wünschenswert war. Das weitgehende Fehlen des im Parlamentarismus sonst so wichtigen Wechselspiels zwischen Regierung und Opposition und die ungewöhnlich tiefe Durchdringung der Gesellschaft durch Staat und Parteien (Proporz) waren der Preis. Der jedoch wurde unter den seit dem Ende der Blockkonfrontation veränderten Umständen zum Mühlstein am Hals der staatstragenden Parteien.
Während der alte Kontinent einen langwierigen Kampf mit dem Erbe des Kalten Krieges im eigenen politischen System führt, ist Amerika bereits einen Schritt weiter. Das Wahljahr 2000 kündigt die Ablöse Bill Clintons an, der weit über die Grenzen der USA hinaus zum Prototyp des westlichen Erfolgspolitikers nach der Zeitenwende von 1989 wurde. Von Tony Blair bis Gerhard Schröder, von Massimo D'Alema bis zu Jose Maria Aznar hatten sich die europäischen Regierungschefs an seinem Vorbild orientiert. Leicht möglich, daß Al Gore scheitert und die Demokraten im kommenden Herbst das Weiße Haus verlieren: aber der "Clintonismus" lebt. Er hat mit George W.Bush sogar die Republikanische Partei erobert. Verfolgt doch der texanische Gouverneur und Präsidentensohn unter dem Schlagwort des "mitfühlenden Konservativismus" spiegelverkehrt das gleiche Konzept wie vor acht Jahren der "Neue Demokrat" Bill Clinton: die Charmoffensive eines medienwirksam gestylten Kandidaten auf der Grundlage eines pragmatischen Kurses der Mitte, möglichst frei vom traditionellen ideologischen Gepäck des eigenen Lagers. Unter Bush ist der rechte Flügel der Republikaner so kaltgestellt, wie Linksliberale und Gewerkschaftler unter Clinton bei den Demokraten: Pat Buchanan, der Bannerträger des rechten Populismus, hat folgerichtig die Republikanische Partei verlassen und versucht sein Glück mit der Reformpartei Ross Perots.
Der internationale Trend ist eindeutig: Polarisierung und Radikalismus sind out, fernsehgerecht zu verkaufender gemäßigter Pragmatismus ist in. Je geringer die Rolle gesellschaftspolitischer Ideologien ist, desto wichtiger werden Stil und Persönlichkeit der konkurrierenden Politiker. Unsaubere Geschäfte, Vetternwirtschaft und andere Unregelmäßigkeiten lassen sich auch vor der eigenen Basis immer weniger mit Hilfe des Lagerdenkens der Vergangenheit entschuldigen. Das ist die Grundlage eines neuen Rechtsbewußtseins, dessen scharfen Atem sowohl ein französischer Finanzminister als auch ein deutscher Ex-Bundeskanzler zu spüren bekamen.
Gesellschaftspolitisch ist der gegenwärtig vorherrschende Kurs der politischen Mitte über nationale Grenzen und politische Traditionen hinaus erstaunlich ähnlich. Die Ideen des wirtschaftspolitischen Konservativismus triumphieren diesseits und jenseits des Atlantiks gemildert durch soziale Verantwortung. Der nationalistische Backclash gegen Multilaterialismus wird entschärft durch den pragmatischen Internationalismus der Regierenden.Während Rotgrün in Deutschland das Staatsbürgerschaftsrecht lockert, öffnet Spaniens konservative Regierung die Grenzen für Einwanderer. Der weltweite Braindrain in Richtung Silicon Valley gilt sowieso als eines der Atouts Amerikas im internationalen Wettbewerb. Ganz ohne verklärender Multikulturalismus sind international restriktive Ausländerpolitik und Xenophobie aus reinen Interessensgründen out.
Der hinter diesem transkontinentalen pragmatischen Konsens stehende Rückgang der gesellschaftlichen Polarisierung, ist auch ein beruhigender Hintergrund für die Krise der Parteiensysteme von Rom über Berlin bis Wien. Auch wenn die CDU zerfällt - was keineswegs sicher ist - wird die Berliner nicht zur Weimarer Republik. Auch wenn Haider zum Bundeskanzler aufsteigt - was ebenfalls nicht sicher ist -, wird Österreich kein Führerstaat. Der Schrecken vor dem Gespenst der italienischen Verhältnisse hält sich angesichts der gesellschaftlichen Stabilität der westlichen Demokratie in Grenzen.

 

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