Raimund Löw

Historiker und Journalist

 

 

 

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  "Falter" - Artikel
   

Pause fuer Dr.Strangelove, 24.5.2006


Als vor ein paar Wochen die Enthüllungen über hochaktuelle, angeblich auch vor einem Atomschlag nicht zurückschreckende Angriffspläne der USA gegen den Iran durch die Welt gingen, da fragten viele, woher denn diese angeblich todsicheren Informationen stammen. Inzwischen weiß man es ziemlich genau: Die Indiskretionen kamen gezielt aus den obersten Führungsetagen des amerikanischen Militärs, wo man Anfang des Jahres tatsächlich fürchtete, von der Regierung Bush unvorbereitet in einen neuen Krieg getrieben zu werden. Die Rechnung der hochgestellten Informanten ist inzwischen aufgegangen: Die amerikanische Öffentlichkeit lehnt neue außenpolitische Abenteuer der USA ab. Die Popularitätswerte des Präsidenten fielen in ungeahnte Tiefen, nicht nur, aber auch aus außenpolitischen Gründen.
Im Sicherheitsrat der Vereinten Nationen ist die mit großem Getöse eingebrachte Iranresolution, die den Weg zu Sanktionen ebnen sollte, vorläufig auf Eis gelegt. Neokonservative Publikationen wie der Weekly Standard zetern, Bush habe in "ein neues München" eingewilligt, weil Washington grünes Licht für ein verbessertes europäisches Angebot in Richtung Teheran gegeben hat. Gegen die Drohung mit Krieg hatte zuletzt selbst der ehemalige britische Außenminister Jack Straw protestiert. Die Idee eines Atomwaffeneinsatzes gegen den Iran sei schlicht "completely nuts", also "total verrückt", meinte der oberste britische Diplomat gegenüber der BBC. Wenige Tage später wurde er abgesetzt und wanderte als Fraktionschef ins Unterhaus. Dass der spontane Ausruf des sonst so überlegten Straw zum Iran der wahre Auslöser für den Jobwechsel gewesen sei, weil George Bush wütend protestiert habe, musste Tony Blair tagelang langatmig bestreiten.
Die Idee eines Militärschlags gegen die iranischen Atomanlagen, die in Washington monatelang durch dunkle Andeutungen von oberster Stelle am Leben gehalten wurde, scheint an Boden zu verlieren. Auch amerikanische Experten rechnen vor, dass politische Kosten und Risiken eines solchen Angriffs um vieles größer wären als die Erfolgschancen. Sollten alle Stricke reißen und selbst der massivste internationale Druck auf Teheran erfolglos bleiben, dann halten viele ein neues atomares Gleichgewicht des Schreckens im Nahen Osten für das kleinere Übel. In fünf bis zehn Jahren könnte das Mullahregime nach Schätzungen des CIA möglicherweise vier bis fünf Atombomben herstellen. Eine erschreckende Perspektive, zweifelsohne. Aber Israel verfügt über mehrere hundert, die USA über viele tausend.
Einen Präventivkrieg gegen Nuklearrüstung hat es bisher in der Geschichte noch nie gegeben. Selbst in den heißesten Phasen des Kalten Krieges haben die USA die chinesische Atombombe akzeptiert, obwohl Mao Tse-tung in Washington damals als gefährlicher Abenteurer galt. Nordkorea baut ungeachtet aller Bannflüche aus Washington höchstwahrscheinlich Jahr für Jahr neue nukleare Sprengsätze. Trotzdem ist das Weiße Haus dabei, endlich einen Kurswechsel in seiner Koreapolitik vorzubereiten, der in Verhandlungen mit Pjöngjang über einen umfassenden Friedensvertrag münden könnte. Warum gegenüber Kim Jong Il grundsätzlich anders verfahren werden sollte als gegenüber Mahmud Ahmedinejad, kann niemand glaubhaft erklären.
Die neue Vorsicht der USA hat auch mit dem dramatischen Kompetenzverlust zu tun, den die Regierung Bush in den letzten Monaten erleben musste. Hätte er die Wahl zwischen einem Angriff auf die iranischen Atomanlagen, geplant und ausgeführt von der gleichen unfähigen Führung, die im Irak schlichtweg alles falsch gemacht habe, und Atomwaffen in den Händen zukünftiger iranischer Führer, dann würde er sich zähneknirschend für Letzteres entscheiden, gestand kürzlich Starkommentator Thomas Friedman in der New York Times.
Der europäische Plan einer umfassenden Allianz gegen Teheran könnte ausnahmsweise mehr Wirkung zeigen als wenig glaubwürdige Drohungen aus Washington. Die iranische Führung würde vor die Alternative gestellt, wirtschaftliche Isolation mit all ihren Folgen in Kauf zu nehmen oder sich auf ein nachweisbar friedliches Atomprogramm zu beschränken. Anders als im Fall des Irak, gestehen schließlich auch Russland und China ein, dass der Iran mit großer Wahrscheinlichkeit an einem militärischen Atomprogramm arbeitet. Die iranischen Mullahs wiederum konnten am Beispiel Saddam Husseins mitverfolgen, wie verheerend sich Sanktionen auf die Infrastruktur eines auf dem Weg zur Industrialisierung stehenden Landes auswirken.
Was dem iranischen Atomprogramm in der Bevölkerung der islamischen Welt eine gewisse Legitimität verlieh, war die Vorstellung, dadurch das strategische Kräfteverhältnis gegenüber Israel und dem Westen verändern zu können. Umfragen im Libanon, dessen Öffentlichkeit sonst prowestlich orientiert ist, besagen, dass 75 Prozent der Bevölkerung im Fall eines Atomkrieges auf der Seite des Iran und keine zwei Prozent auf derjenigen der USA stünden. Tatsächlich stellt das israelische Atommonopol in der Region ein Ungleichgewicht dar, mit dem sich die Nachbarn nie wirklich abgefunden haben. Dennoch sind die täglichen Erniedrigungen an den Checkpoints vor Ramallah oder Gaza und die Terrorangst in Tel Aviv oder Haifa für die Psychologie der Völker um vieles wichtiger als die Massenvernichtungswaffen, die Israels Generäle seit Jahrzehnten als eine Art apokalyptische Lebensversicherung in der Hinterhand halten.
Ob die iranische Rhetorik in der Region angenommen wird, hängt also viel mehr von einer gerechten Lösungsperspektive für die Palästinenser ab als vom schwerlich verhandelbaren israelischen Atomwaffenmonopol. Der Nukleardisput mit dem Iran bleibt damit in die Auseinandersetzung um die Zukunft des Nahen Ostens eingebunden, die über die Fehde amerikanischer Neocons mit den regierenden Mullahs in Teheran weit hinausgeht.

 

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