Raimund Löw

Historiker und Journalist

 

 

 

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  "Falter" - Artikel
   

Perspektive Protektorat, 27.1.1999

Knut Volleboeck, der norwegische Außenminister und OSZE-Vorsitzender, erinnerte letzte Woche in Wien daran, wie es im vergangenen Oktober im Kosovo aussah: die humanitäre Katastrope von hunderttausenden Flüchtlingen zu Beginn des Winters hatte den ganzen Balkan an den Rand eines verheerenden Flächenbrandes von Destabilisierung und Krieg gebracht. Richard Holbrooke's Drohung mit einem Luftkrieg der NATO (auch ohne Genehmigung durch die Vereinten Nationen) schuf die Grundlage der gegenwärtig so heiß umstrittenen OSZE-Mission in Kosovo.
Slobodan Milosevic ließ hunderte internationale Beobachter ins Land, die in einer Region von der Größe Niederösterreichs inzwischen zu einem realen Machtfaktor geworden sind: die staatliche Souveränität Jugoslawiens über die albanische Provinz ist damit erstmals eingeschränkt worden.
"Gegenüber der akuten Krise des vergangenen Oktobers hat sich die Situation verbessert," meint der OSZE-Vorsitzende Volleboek, "Die Flüchtlinge sind zurückgekehrt, dazu hat die OSZE entscheidend beigetragen."
Gleichzeitig hat sich nach dem Massaker an 45 Bewohnern des Dörfchens Racak allerdings auch gezeigt, wie sehr das politische Projekt der OSZE auf tönernen Füßen steht. Realiter will keine der Konfliktparteien von einem Kompromisszenario etwas wissen. Die in sich total zerstrittene albanische Volksgruppe hat es bis jetzt nicht einmal geschafft eine repräsentative Verhandlungsdelegation zusammenzustellen. Statt auf Gespräche um eine Teilautonomie orientieren sich die vorherrschenden Kräfte der UCK auf einen langen Guerillakrieg. Slobodan Milosevic wiederum weiß die serbische Öffentlichkeit hinter sich: er hat sowohl faschistische Seselj-Partei als auch den ehemaligen Oppositionsführer Vuk Draskovic in seine Regierung aufgenommen. Serbische Vertreter vergleichen Kosovo mit Nordirland und dem Baskenland: man meint einen langandauernden Antiguerillakrieg gegen den albanischen Separatismus durchhalten zu können. An einen Weg der nationalen Verständigung, wie ihn der Westen wünscht, glaubt niemand.
Tatsächlich übersieht der nordirische Vergleich, daß der Sezessionskrieg im Kosovo mit rasender Geschwindigkeit das gesamte labile Gleichgewicht der nach dem Zerfall des alten Jugoslawiens verbliebenen Machtstrukturen zerstört. Neben Serbien, Albanien und Montenegro könnte in kürzester Zeit auch Makedonien, Griechenland und die Türkei in den Strudel des Konflikts gezogen werden. Genau dieser Punkt ist die Grundlage des westlichen Engagements.
Der OSZE-Mission mit ihrem hybriden Charakter eines unbewaffneten Beobachtereinsatzes gestützt durch die militärische Drohgebärden der NATO wird unter diesen Bedingungen nur eine Übergangsphase bleiben. Die Möglichkeiten improvisierten Krisenmanagements a la Holbrooke scheinen erschöpft. Über kurz oder lang werden sich Amerikaner und Europäer entscheiden müssen: entweder sie übernehmen eine gesamte Neuordnung des Balkans auch gegen den Willen der dort Herrschenden und ein großer Teil des ehemaligen Jugoslawiens wird ein internationales Protektorat. Oder man verzichtet auf ernsthafte Friedensbemühungen und läßt zu, daß sich die Völker gegenseitig ausbluten.
Der Preis wird in jedem Fall sehr hoch sein. Denn daß ein reiner Luftkrieg allein ausreicht, um auf dem Balkan etwas zu bewirken, das hat sich schon in Bosnien als Illusion erwiesen. 32 000 internationale SFOR-Soldaten stehen auch noch vier Jahre nach Dayton in Bosnien, der Einsatz kostet jährlich mehr als 100 Milliarden Schilling. Ein internationale Befriedungsaktion für Kosovo und Umgebung wird wohl noch schwieriger, umfangreicher und teurer sein. Aber niemand soll sagen, daß sie politisch chancenlos wäre. Der Aufstieg der militanten UCK im albanischen Lager ist das Resultat des Fehlens jeder anderen Perspektive. Und die Kriegsmüdigkeit in Serbien bereitet dem Regimein Belgrad trotz des vorherrschenden nationalistischen Wahnsinns zunehmende Kopfzerbrechen. Europa und die Europäische Union haben für die Menschen der Region nach wie vor einen klingenden Namen. Josip Broz Tito hat aus der jugoslawischen Völkervielfalt gestützt auf die aus dem Partisanenkrieg hervorgegangenen Legitimität mit eisener Faust einen lebensfähigen Staat gemacht. Gestützt auf die Feuerkraft der NATO inklusive Bodentruppen und das Prestige sowie die materiellen Anreize Europas wäre es die Aufgabe einer visionären westlichen Balkanpolitik das nationalistische Fieber der Balkanvölkern niederzuringen. Daß Rußland in ein solches Unterfangen einzubinden ist, versteht sich: aber schließlich hat man das Schicksal des Balkans auch im 19.Jahrhundert immer wieder auf internationalen Konferenzen zwischen den Mächten geregelt. Und nicht zuletzt sind die Großmächte des 20.Jahrhunderts zum nicht unwesentlichen Teil mitschuld am Zerfall des alten Jugoslawiens, mit dem das Unheil seinen Anfang genommen hat.
Die Perspektive Protektorat sieht schwierig aus. Aber die Alternative wäre noch entsetzlicher: über Jahre und möglicherweise Jahrzehnte müßte man tatenlos den blutige Wirren nur wenige Kilometer von den Außengrenzen der EU entfernt zusehen. Mit Millionen Flüchtlingen, einer destabilisierenden Ausstrahlung auf den ganzen Kontinent und der offenen moralischen Wunde des Nichtreagierens Europas auf eine menschliche Tragödie ungeahnten Ausmaßes vor der eigenen Haustüre..
Die demonstrative Entschloßenheit, mit der die westlichen Regierungen auf das Massaker von Racak reagiert haben, zeigt zumindest, daß eine solche Flucht aus der Verantwortung gegenwärtig nicht die dominante Tendenz der westlichen Balkanpolitik ist.


 

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