Raimund Löw

Historiker und Journalist

 

 

 

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  "Falter" - Artikel
   

Phantomschmerzen, 9.4.2008


Zur allgemeinen Überraschung gab es auf dem NATO-Gipfel in Bukarest den größten Streit nicht mit den unbequemen Russen, die über die Erweiterung in Richtung Osten verärgert sind, sondern zwischen Nachbarn und Verbündeten.
Die Fetzen flogen, weil Polen und andere osteuropäische NATO-Mitglieder Deutschen und Franzosen vorwarfen, Druck aus Moskau nachzugeben und die Interessen Osteuropas zu verraten. Zehn westeuropäische Regierungen blockierten trotz massiven Drucks aus Washington den von George W.Bush gewünschten Kandidatenstatus für die Ukraine und Georgien, der Polen die Sicherheit einer Ostgrenze mit einem NATO-Partner beschert hätte, aber für Russland ein rotes Tuch darstellt. Vor allem in Deutschland sind von rechten Konservativen bis zu linken Sozialdemokraten alle Außenpolitikexperten einig, dass man Russland nach dem Streit um den Kosovo nicht überfordern darf. Franzosen, Italiener und Spanier überzeugte schließlich das Argument, dass es klüger wäre, Putin-Nachfolger Dimitri Medwedew in den nächsten Monaten bei seinen liberalen Versprechen zu packen, als den neuen Kremlherrn gleich mit einem verschärften Ost-West-Konflikt zu konfrontieren.
Ob Tallin und Riga, Prag und Bukarest kamen darauf die historischen Anspielungen auf die einstige Appeasementpolitik des Westens gegenüber dem Dritten Reich. Sogar Adolf Hitler musste herhalten, um den Forderungen nach einem härteren Kurs gegen Vladimir Putin Nachdruck zu verleihen. Beim Dinner der Außenminister in Bukarest wurde Polens scharfzüngiger Radoslaw Sikorski, der Warschau eigentlich wieder zum berechenbaren Partner machen will, gegenüber dem vorsichtigen Deutschen Frank-Walter Steinmeier so heftig, dass den diplomatische Zurückhaltung gewohnten Kollegen fast die Bissen im Hals stecken blieben. Polen habe ein tiefes kollektives Gedächtnis, donnerte Sikorski, wer das polnische Sicherheitsbedürfnis mit all seinen emotionellen Komponenten so schwer verletze, müsse mit unabsehbaren Langzeitfolgen rechnen.
Doch als schließlich Vladimir Putin bei seinem letzten Auftritt vor den versammelten Präsidenten und Ministern auseinandersetzte, warum sich Russland durch die seit 15 Jahren vorrückende NATO und die ständig näher kommende amerikanische Militärbasen eingekreist fühlt, da blieben die osteuropäischen Kritiker stumm. Lech Kaczynski, der polnische Präsident, verließ überhaupt den Saal. Angela Merkel hatte zu erklären, dass die Allianz doch ganz sicher keine antirussischen Absichten habe. Wohl wissend, dass die NATO in Wirklichkeit auf dem halben Kontinent als Schutzschild gegen Moskau verstanden wird.
Dieser neue Bruch zwischen dem "alten" und dem "neuen" Europa, von dem einst Donald Rumsfeld im Zusammenhang mit dem Irakkrieg sprach, geht tief.
Die Folgen reichen weit über die kurzfristige Befürwortung oder Ablehnung eines unseligen amerikanischen Krieges im Mittleren Osten hinaus. Denn Osteuropa verlangt nicht mehr und nicht weniger als aus historischen Gründen ein Vetorecht im Umgang mit Russland. Konkret legen sich die ehemaligen Satelittenstaaten der Sowjetunion jedes Mal selbst beim geringsten Eingehen auf russische Sensibilitäten quer, oder wenn der Westen mit Russland ins Geschäft kommen will. Amerikanische Soldaten sind auf den geplanten Raketenabwehrstützpunkten in Polen und Tschechien willkommen. Die Idee, dass auch russische Kontrolleure Zugang bekommen könnten, hat zu wilden Protesten geführt.
Nicht nur die NATO, auch die Europäische Union ist gespalten, wie mit dem schwierigen Nachbarn umzugehen ist. Jahrelang blockierte Polen EU-Verhandlungen mit Moskau über einen neuen Kooperationsvertrag wegen eines Streits um Fleischexporte, jetzt verlangt Litauen Garantien für seine Erdgasversorgung. Doch das sind Vorwände. Die einstigen Untertanen des sowjetischen Imperiums können sich auch 20 Jahre später eine pragmatische Nachbarschaft mit Russland nicht vorstellen. Die unterschiedliche Geschichte scheint Europa im Verhältnis zu Russland mehr zu spalten, als Interessen und Kalkül.
Verschärft wird die Auseinandersetzung durch die sich verfestigenden autoritären Tendenzen im Reich Vladimir Putins. Die Erwartungen der Jelzin-Jahre, dass ein stabileres Russland auch ein demokratischeres Russland werden wird, gehören der Vergangenheit an. Der neue Reichtum dank steigender Preise für Öl und Gas hat in Moskau ein Regime geschaffen, das weder parlamentarischen Kontrolle unterliegt noch auf eine freie Presse Rücksicht nehmen muss, sich aber trotzdem auf die Zustimmung der überwiegenden Mehrheit der Bevölkerung stützen kann. Wie stabil ein System auf die Dauer sein kann, das so stark vom Machtzentrum im Kreml und den damit verbundenen Oligarchen abhängig ist, sei dahingestellt. Diktatur im klassischen Sinn hat Vladimir Putin sicher keine errichtet, aber es ist ein von oben gelenktes System, das auf der Grundlage der Erschöpfung nach den Jahren des Umbruchs unter Gorbatschow und Jelzin errichtet wurde. Zu schwach, um als Weltmacht zu agieren. Aber mit genug Einflussmöglichkeiten, um auch über die unmittelbare Nachbarschaft hinaus seine Interessen geltend zu machen. Das ziemliche Gegenteil einer offenen Gesellschaft, von der die Träger der demokratischen Revolution 1989 geträumt haben.
Auf diese Nachbarschaft muss sich Europa für die nächsten Jahre einstellen. Das erfordert Pragmatismus, Interessensabwägung und kühlen Kopf, jenseits der unkritischen Boomstimmung in Teilen der Geschäftswelt
und der aus der Vergangenheit kommenden antirussischen Reflexe. Aber vor
allem eine gemeinsame Strategie. Die wird jedoch unmöglich, wenn der Phantomschmerz über die unter dem sowjetischen Imperium erduldeten Leiden die Russlanddiskussion in der östlichen Hälfte Europas vergiftet.
Aktuelle Politik aus den Traumata der Vergangenheit heraus zu führen ist
nur dann Ziel führend, wenn eine Gesellschaft dadurch lernt die eigenen
Fehlentwicklungen zu überwinden. Die Fixierung auf immer die gleichen historischen Außenfeinde trübt dagegen den Blick auf die Wirklichkeit und erschwert rationale Überlegungen. Die europäische Integration versucht
beides: unter die Kriege der Vergangenheit einen Strich zu ziehen und die nationalen Ressentiments in den Hintergrund zu stellen. Nur so konnte es zur französisch-deutschen Versöhnung kommen, die das Fundament der Nachkriegsentwicklung Europas ausmacht.
Ob es je zu einer polnisch-russischen, tschechisch-russischen oder estnisch-russischen Aussöhnung kommen wird? Aus heutiger Sicht ist das schwer vorstellbar, zu stark sind die dumpfen Töne des russischen Nationalismus in Moskau und zu gering ist das Interesse bei den neu zum politischen Westen gestoßenen Gesellschaften Osteuropas. Aber auf die Dauer kann sich Europa eine Verständigung mit Russland, die über Gaskontrakte und Schitourismus für die Reichen hinausgeht, nicht ersparen. Vladimir Putin hat der EU einmal ein gemeinsames Institut über Menschenrechte vorgeschlagen, mit Sitz in Brüssel und Moskau. Wie ernst das gemeint war, bei den weit auseinander gehenden Vorstellungen, ist unklar. Aber hatte nicht auch der Menschenrechtspassus, den Leonid Breschnew im Vertrag von Helsinki unterschrieben hat, ungeahnte Konsequenzen? Wenn die EU über einen neuen Kooperationsvertrag mit Russland verhandelt, dann müsste das auch zu einem Anstoß für einen geistigen Austausch auf breitester Ebene und über die heißesten Fragen werden. Wo sind die Historikerkonferenzen polnischer und russischer Experten über Katyn, den stalinistischen Massenmord an polnischen Offizieren? Wer führt Veteranen des Ungarnaufstandes 1956 oder aus Prag 1968 mit sowjetischen Entscheidungsträgern von damals zusammen?
Die Phantomschmerzen, die das sowjetische Imperium in Osteuropa hinterlassen hat, müssen überwunden werden. Denn wenn Europa keine gemeinsame Haltung zum wichtigsten Nachbarn findet, dann ist die europäische Einigung selbst bedroht. Das hat der von den amerikanischen Expansionsplänen ausgelöste offene Streit beim NATO-Gipfel in Bukarest einmal mehr deutlich gezeigt.


 

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