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Pinochet,
11.11.1998
Die chilenische Politik ist voll der Paradoxe: im regierenden Mitte-Links-Kabinett
dominieren ehemalige Lagerinsassen und Exilanten. Der christdemokratische
Präsident Eduardo Frei ist Sohn eines gleichnamigen früheren
Staatschefs, der mit seiner ganzen Familie von Augusto Pinochet aus dem
Land vertrieben worden war.
Aber kaum überquert man ein Kasernentor, ist man in einer anderen
Welt: hier herrscht faschistischer Korpsgeist, kaum angekränkelt
von den demokratischen Ideen der Zeit. Mühsam bemühen sich US-amerikanische
Instruktoren den chilenischen Kollegen den Respekt vor genau jener zivilen
Staatsmacht schmackhaft zu machen, an deren Zerstörung ihre Vorgänger
vor 25 Jahren so führend beteiligt waren. Augusto Pinochet, bis vor
kurzem noch oberster Armeechef, hängt in allen Amtsstuben des Militärs.
Ungeniert bekennt sich das chilenische Offizierskorps zur blutige Unterdrückung
der Siebziger- und Achtzigerjahre: die Streitkräfte hätten damals
das Land vor Chaos und Zerfall gerettet, lautet die Erklärung.
Es ist ein bißchen, als wäre in Deutschland Hermann Göring
in der BRD noch bis 1955 Chef der Bundeswehr geblieben. Oder Francisco
Franco unter Felipe Gonzales Oberkommandierender der spanischen Streitkraefte.
Anders als die Kollegen in Argentinien (dank Maggie Thatchers kolonialistischem
Falklandkrieg) sind die chilenischen Militärs nie geschlagen worden.
Augusto Pinochet ist 1990 nach einem verlorenen aber von ihm selbst angesetzten
Referendum, vom höchsten Amt im Staat zurückgetreten. Die von
ihm geschriebene Verfassung inklusive der großzügigen Amnestie
für die Militärs gilt heute noch.
Die große Rechtfertigung der chilenischen Rechten für die Diktatur
ist die wirtschaftliche Erfolgsstory, die Augusto Pinochet mit seinen
amerikanischen Wirtschaftsberatern angeblich möglich gemacht hat.
Tatsächlich schlägt Chile in punkto Wirtschaftswachstum seine
lateinamerikanischen Nachbarn um Längen. Ein gutes Drittel der Bevölkerung
ist der Meinung, daß Pinochet der Vater dieses Wirtschaftswunders
ist.
Angesichts dieser unbewältigten Vergangenheit wirkt die Verhaftung
des greisen Ex-Diktators im fernen Europa auf Chile so ähnlich wie
einst auf heimisch Gefilde der amerikanische Bannspruch gegen einen Ex-Oberstleutnant
der deutschen Wehrmacht namens Kurt Waldheim. Groß ist im konservativen
Blätterwald Chiles die patriotische Empörung über das hohe
moralische Roß, auf das sich die Herren auf dem anderen Kontinent
da schwingen. Die anderen Zeiten werden angeführt, auf die man die
Rechtskriterien von heute doch nicht einfach anwenden könne. Und
daß Rachsucht und Ignoranz die Triebkraft einer von fremden Interessen
geleiteten ungerechtfertigten Hexenjagd seien. Überhaupt sei die
Frage, wieso sich das Ausland in ein Arrangement in punkto Vergangenheit
einmische, mit dem das Land bislang doch gut gefahren sei.
Dagegen triumphiert die Linke, deren Forderung nach Gerechtigkeit vor
dem großen Memorial mit den Namen der 3000 Opfer auf dem Friedhof
von Santiago bislang weitgehend ungehört verhallt ist. Die ungesühnten
Verbrechen der Vergangenheit liegen zwar stets als Schatten über
dem politischen Alltag Chiles: aber selbst die Sozialistische Partei Isabel
Allendes (die politisch ambitionierte Tochter Salvador Allendes, nicht
zu verwechseln mit der schreibenden Nichte gleichen Namens) ist als Regierungspartei
Teil des Arrangements mit den Militärs.
Daß die chilenische Linke es aus eigener Kraft nicht geschafft hat,
die erfolgreiche Verdrängung zu durchbrechen, sollte nicht verwundern:
bedarf es schließlich auch hierzulande nach fünf Jahrzehnten
immer noch des Zwangs von außen, damit Banken, Museen und Politiker
sich dazu bequemen geraubtes Gut zurückzugeben. Der CA-Peiniger Edward
Fagan in New York, Staatsanwalt Morgenthau mit seiner Beschlagnahmung
der umstrittenen Schiele Bilder und selbst die einstigen Waldheim-Aktivitäten
des Jüdischen Weltkongresses: folgen sie trotz aller sachlichen Unterschiede
nicht der gleichen Logik wie der spanische Richter Baltasar Garzon mit
seiner kühnen Auslieferungsforderung in Sachen Augusto Pinochet?
In der spanischen Tageszeitung "El Pais" spricht der chilenische
Schriftsteller Ariel Dorfman von einem "außerordentlichen Geschenk"
der spanischen Justiz an sein Land. Es werde Zeit, daß Chile aufhört
Geisel Pinochets zu sein: "Die Einmischung in unsere inneren Angelegenheiten
ist die Folge dessen, daß uns selbst Wille und Mut dazu gefehlt
haben."
Konnte man ähnliche Stimmen nicht auch um Alfred Hrdlickas Holzpferd
in den heißen Zeiten des Waldheim-Streits hören? Und klingt
nicht auch der Schweizer Jean Ziegler ganz ähnlich, wenn er sich
über die mächtige amerikanische Hilfe bei seinem Feldzug gegen
die Schweizer Banken freut?
Europa wird nun endgültig zu einem gefährlichen Boden für
Diktatoren, ob aktiv oder pensioniert, freut sich die konservative spanische
Tageszeitung ABC. Genauso wie die USA für Kunstgüter oder Bankkonten
dubiosen Ursprungs aus Europa, könnte man hinzufügen. Wir erleben
offensichtlich einen neuen Schub in Richtung Globalisierung: die Globalisierung
der herrschenden Ideen von Moral, Gerechtigkeit und Justiz.
Wie sehr dieser Prozeß als Fortschritt empfunden wird, läßt
sich an der weitverbreiteten Freude darüber ablesen, wie der südamerikanischen
General jetzt doch noch von seiner Vergangenheit eingeholt wurde. Und
das ist bereits passiert, egal wie die britischen Lords über das
spanische Auslieferungsbegehren entscheiden.
Daß die Freude nicht ungetrübt ist, hängt mit der Einseitigkeit
des Vorganges ab: Königin Elisabeth droht wohl in Kenya oder Malaysia
kaum von den in ihrer Regentschaft geführten Kolonialkriegen eingeholt
zu werden. Und selbst vom mutigen spanischen Richter Baltasar Garzon sind
keine Ermittlungen in Richtung der (inzwischen dokumentarisch lückenlos
belegten) US-amerikanischen Auftraggeber der chilenischen Putschisten
von 1973 bekannt. Oder kann sich jemand einen österreichischen Bezirksrichter
vorstellen, der Boris Jelzin wegen der 30 000 Toten in Tschetschenien
belangen möchte?
Zumindest um letzteres muß man sich wohl lange keine Sorgen machen:
gegen Machtträger, ob aktiv oder pensioniert, vorzugehen, war noch
nie die Stärke der heimischen Justiz. Oder ist es ein Zufall, daß
Österreich zu den wenigen Ländern Europas gehört, in denen
kein Verfahren gegen Augusto Pinochet läuft?
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