Raimund Löw

Historiker und Journalist

 

 

 

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  "Falter" - Artikel
   

Präsident auf Lebenszeit: die Linke beherrscht Lateinamerika, 25.2.2009

Der große Außenfeind George W. Bush ist nicht mehr, die Öleinnahmen sind im Keller und die Abnützungserscheinungen der Macht machen sich bemerkbar. Trotzdem ist in Lateinamerika die Linke nach wie vor die dominierende politische Kraft. Wie sich zuletzt in Venezuela zeigte, mehr dank erfolgreicher Mobilisierung der Massen an den Urnen als im revolutionären Kampf.
Venezuelas Hugo Chávez, der linke Regierungen in einem halben Dutzend Ländern finanziert, kann nach einem gewonnenen Referendum so oft für das höchste Amt im Staat kandidieren, wie er will. Bis 2049 würde der Caudillo gerne Präsident bleiben. Jenen Venezuelanern, denen der narzisstische Exputschist auf die Nerven geht, treibt diese Perspektive den kalten Angstschweiß auf die Stirn. Aber großzügige Sozialprojekte, tatkräftig unterstützt von der Propaganda der Staatsmedien, halten die armen Bevölkerungsschichten bei der Stange. Auch in Caracas wird man angesichts der Wirtschaftskrise sparen müssen. Dollar, Öl und Berater aus Venezuela werden wohl trotzdem weiter zu den Verbündeten nach Bolivien, Ecuador, Nicaragua und Kuba fließen.
Auch Rafael Correa, der linkspopulistische Präsident Ecuadors, hat die Verfassung ändern lassen. Das Referendum für zusätzliche Amtszeiten gewann er mit triumphalen 65 Prozent. Die idealistischen Versprechen zum Schutz der Natur und der harte Kurs gegenüber internationalen Investoren, denen Ecuador mit Zahlungsstopp droht, zahlen sich aus: Die Regierung prahlt mit Zustimmungswerten von bis zu 70 Prozent.
Am härtesten hatte Evo Morales in Bolivien zu kämpfen, der erste Indio-präsident des Andenstaates. Der Widerstand der reichen Amazonasprovinzen gegen die Verstaatlichung der Öl- und Gasproduktion hatte zu bürgerkriegsähnlichen Zuständen geführt. Die Regierung in La Paz ging mit Gewalt gegen Straßenblockaden vor. Aber das Referendum über die neue Verfassung gewann Evo Morales am 25.Jänner 2009 überzeugend mit 61 Prozent. Die Indionationen, Jahrhunderte missachtet, haben jetzt weitgehende Rechte. Anders als in den letzten Jahren können sich die konservativen Provinzkaiser nicht mehr sicher sein, ob Umsturzpläne gegen Evo Morales den Segen Washingtons haben. Im bewussten Gegensatz zu früher gratulierte die Obama-Administration dem Präsidenten zum erfolgreichen Referendum. Eine Entspannung zwischen La Paz und Washington könnte helfen, das Land zu stabilisieren. Morales hätte dann gute Chancen bei den Wahlen im Dezember 2009.
Dass der Versuch Barack Obamas, verlorenes Vertrauen für die USA zurückzugewinnen, den Spielraum für die Linke erweitert, hat übrigens der todkranke Fidel Castro als Erster erkannt: In einem Brief an Chávez warnte Castro davor, den US-Präsidenten vorschnell als Vertreter üblicher Großmachtpolitik abzutun.
Turbulente Urnengänge verspricht dieses Jahr an allen Ecken und Enden des Kontinents. Uruguay, ein Land, in dem in den 70er-Jahren das Militär regierte, könnte einen ehemaligen Guerillero zum Präsidenten bekommen. Jose Mujica kämpfte einst mit den legendären Tupamaros, jetzt bereitet er sich als populärer Linkspolitiker auf die nächsten Wahlen vor.
Ein historischer Machtwechsel scheint in El Salvador möglich. Seit Anfang der 90er-Jahre regiert in dem kleinen zentralamerikanischen Land die Arena-Partei, die aus den rechtsextremen Milizen des blutigen Bürgerkriegs hervorgegangen ist. Erstmals lag bei den Parlamentswahlen im vergangenen Jänner die linke FMLN vorne, die Erbin der früheren Guerillafront. Mit dem angesehenen Journalisten Maurico Funes will die FMLN das Präsidentenamt erobern.
In die andere Richtung schlägt das politische Pendel ausgerechnet dort, wo seit eineinhalb Jahrzehnten die stabilste Mitte-links-Koalition am Ruder ist: In Chile hat sich die Rechte modernisiert. Während die Sozialisten um Präsidentin Michelle Bachelet mit Chaos im öffentlichen Verkehr und der enttäuschten Jugend kämpfen, konnte die Opposition die Erinnerung an die Militärdiktatur verdrängen. Der Milliardär Sebastian Pinera möchte der erste rechte Präsident seit Augusto Pinochet werden.
Vor einem Comeback rechter Diktaturen fürchtet sich in Lateinamerika trotzdem niemand. Dagegen wächst die Sorge, dass bei linken Populisten wie Chávez die autoritären Tendenzen überhandnehmen könnten. Plebiszite, bei denen die Regierung alle staatlichen Hebel für ihre Ziele in Bewegung setzt, helfen wenig gegen die Versuchungen der Macht.

 

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