Raimund Löw

Historiker und Journalist

 

 

 

Fenster schließen
 
  "Falter" - Artikel
   

Pragmatischer Messias, 11.5.2005


George Bush macht zu Beginn seiner zweiten Amtszeit eine überraschende Erfahrung: Trotz des eindeutigen politischen Mandats, das er aus dem Wahlsieg vom vergangenen November ableitet, ist sein wichtigstes gesellschaftliches Projekt, die Teilprivatisierung des Pensionssystems, blockiert. Und je intensiver er für seine Social-Security-Reformpläne wirbt, desto mehr wenden sich die Bürger ab. Es zeigt sich, dass die Menschen selbst bei der gegenwärtig in den USA herrschenden konservativen Hegemonie nicht noch mehr Kapitalismus und noch größere Risiken wollen. George Bush bekam seine Mehrheit nicht, weil das republikanische Wirtschaftsprogramm so populär ist, sondern als Reaktion auf die Erfahrung mit dem islamisch-fundamentalistischen Terror des 11. September.
So wirkt der diplomatische Drahtseilakt des Präsidenten zwischen Riga, Moskau und Tiflis rund um die Siegesfeiern zum Ende des Zweiten Weltkrieges fast wie eine willkommene Abwechslung. In den Schaufenstern der lettischen Hauptstadt finden sich neben amerikanischen Fahnen zwar auch deutlich sichtbare Antikriegsplakate, auf dem Boden der ehemaligen Sowjetunion fällt der demokratische Messianismus George Bushs aber auf fruchtbaren Boden. Anders als in der Sozialpolitik zu Hause haben die oppositionellen Demokraten in den USA gegen die luftigen Höhen des ideologischen Kreuzzuges für die Werte der Freiheit wenig einzuwenden. Damit steht die Administration in einer langen Tradition, die von Woodrow Wilson bis John F. Kennedy reicht. Tatsächlich hat der Präsident bei seinen symbolträchtigen Auftritten im Baltikum und im Kaukasus so manche Wahrheit ausgesprochen.
Es stimmt, der Sieg der Alliierten führte zum Kalten Krieg und der Spaltung Europas. Der Tag der Befreiung festigte die stalinistische Herrschaft in der Sowjetunion und legte die Grundlagen für das gesamte Stalin'sche Imperium in Osteuropa. Wenn man den Redenschreibern des Weißen Hauses in diesem Zusammenhang etwas vorwerfen kann, dann ist das eine bezeichnende Auslassung: Selbst im Kaukasus, vor der etwas an die berühmten Potemkin'schen Dörfer erinnernden Kulisse der neu gestrichenen Häuser und frisch reparierten Straßen von Tiflis, erwähnte Bush mit keinem Wort das Schicksal der Tschetschenen. Von Stalin kollektiv vertrieben, tragen die Nachkommen der Deportierten heute das bittere Los einer von der eigenen Regierung verwüsteten und vom Rest der Welt vergessenen Nation.
Das amerikanische Schweigen zu den russischen Kriegsverbrechen in Tschetschenien gehört wohl zu dem in der zweiten Amtszeit ebenfalls viel ausgeprägteren Pragmatismus, mit dem der Präsident seine Freiheitsrhetorik ausgleicht. So sah man ihn denn auch bei der großen Parade der Veteranen am Roten Platz. Seite an Seite stand George Bush da mit Partnern und Gegenspielern, befreundeten Diktatoren, wie dem usbekischen Präsidenten Karimow, und verfeindeten Autokraten, wie Alexander Lukaschenko aus Belorus, auf dessen Sturz die USA ziemlich unverblümt hinarbeiten.
Eine gekonnte Mischung von realpolitischem Pragmatismus und maximalistischer Rhetorik war das, die von George Bush in den letzten Tagen geboten wurde. Etwas Ähnliches müssen die Europäer erst einmal zusammenbringen! Bei den großangelegten Verhandlungen zwischen der EU und Russland mag man sich über die praktischen Fragen von Visumerleichterungen und diverse "gemeinsame Räume" von innerer Sicherheit bis Kultur unterhalten. Eine zündende Idee, die auch die Fantasie der Völker ansprechen kann, ist nicht dabei. Das britische Magazin Economist zitiert einen Diplomaten mit der Prophezeiung, zwischen Russland und Westeuropa bahne sich eine "Saudi-ähnliche" Beziehung an, bei der man angesichts der überragenden materiellen Interessen vor allem an den lebenswichtigen russischen Erdgaslieferungen eine Wertedebatte bereitwillig ausklammert. Aber ganz offensichtlich sind in der Weltpolitik wieder Werte gefragt, die vom amerikanischen Präsidenten mit der Ideologie von der Ausbreitung der Freiheit auf seine Art auch geliefert werden. Europa hält sich dagegen unnötig bedeckt. Dabei ist die militaristische Kehrseite des Bush'schen Messianismus keineswegs nur verbohrten Antiamerikanern ein Problem. Selbst das mit Amerika so eng verbundene Großbritannien hat schließlich Tony Blair wegen des gemeinsamen Waffengangs mit Bush im Irak einen Denkzettel verpasst.
Europa könnte in der aufziehenden Wertedebatte neben demokratischen Errungenschaften und gewaltfreien Konfliktlösungsmechanismen vor allem die durch den Sozialstaat garantierten Mindestsicherungen für ein menschenwürdiges Leben als gesellschaftliche Zielvorstellung ins Treffen führen. Ist doch die Verbindung von Demokratie und Sozialstaat die eigentliche Errungenschaft der europäischen Nachkriegsentwicklung. In Großbritannien hat sich mit dem trotz des unpopulären Irakkrieges erkämpften dritten Wahlsieg für Labour eine ganze politische Generation von der Ideologie der reinen Marktwirtschaft abgewandt.
Wenn man die Stimmen der den Sozialstaat bejahenden Liberaldemokraten zu jenen von Labour hinzuzählt, kam die Linke in Großbritannien auf fast 59 Prozent. Ein erstaunliches deutliches Votum für das europäische Modell moderner staatlicher Sozialeinrichtungen in dem Land, das uns den Thatcherismus beschert hat. Zwar verteidigen in Kontinentaleuropa die Gewerkschaften ein noch dichteres Netz der sozialen Absicherung, aber im weltweiten Vergleich überwiegen die Gemeinsamkeiten gegenüber den Unterschieden diesseits und jenseits des Kanals. Warum ist dieser populäre europäische Sozialstaatsgedanke eigentlich nicht schon längst zu einem mit den Freiheitsparolen des amerikanischen Präsidenten vergleichbaren ideologischen Exportartikel geworden? Das lässt sich wohl nur mit Kleinmut und konservativer Verblendung der europäischen Politikerkaste erklären.
Denn selbst in Amerika würde man mit Sozialstaatsidealen die Wünsche sehr vieler Bürger treffen. Der Präsident wird das zu seinem Leidwesen feststellen, wenn er wieder zurückkehrt in den Alltag der heimischen Innenpolitik und die letzten Umfragen liest, wonach 56 Prozent der Bürger am staatlichen amerikanischen Pensionsversicherungssystem unter keinen Umständen rütteln wollen.


 

nach oben, Fenster schließen

 
  site by Adrian Rossmann