Raimund Löw

Historiker und Journalist

 

 

 

Fenster schließen
 
  "Falter" - Artikel
   

Projekt Oesterlux, 11.7.2000


Hinter vorgehaltener Hand versichert es so mancher ÖVP-Politiker: Der Bundeskanzler werde alles in seiner Macht stehende tun, damit es zur ungeliebten Volksbefragung nie kommt. Kein Zweifel: nach der massiven Kritik heimischer Völkerrechtler, so gut wie der gesamten österreichischen Öffentlichkeit sowie selbst der engsten konservativen Freunde in der EU zeigt die Kanzlerpartei Wirkung. Ob die Interaktion von zukünftigem Waisenrat, französischer EU-Präsidentschaft und schwarzblauer Koalition einen völligen Verzicht auf die geplante Aktion möglich machen wird, muß offen bleiben.
In den vergangenen Wochen ist jedoch mehr passiert als eine Folge von österreichisch-französischen Winkelzügen rund um die längst abgestumpften Maßnahmen der 14. Die Regierung in Wien testet mit der Causa Prima nämlich offensichtlich eine diplomatische Neupositionierung Österreichs in Europa. Da sind einmal die gedanklich-inhaltlichen Voraussetzungen des Volksbefragungstextes. Wenn die Bundesregierung aufgefordert werden möchte dafür zu sorgen, daß die Europäische Union "das Grundrecht jedes Landes auf freie demokratische Wahl seiner Regierung garantiert" sowie die "Grundregeln des Rechtsstaates und der Bürgerrechte" einhält, dann ist die Botschaft unmißverständlich: die österreichischen Regierungsparteien sehen fundamentale demokratische Rechte in der Europäischen Union nicht mehr selbstverständlich garantiert. Das drückt eine Entfremdung zwischen Wien und Brüssel aus, die weit über den lächerlichen Disput ums Protokoll bei Ministerräten hinausgeht.
Dazu kommt eine seit Wochen immer schärfere Kritik der Wiener Regierung an den deutsch-französischen Reformplänen in der EU. Während man in Berlin, Brüssel, Paris und seit kurzem auch in London, Madrid und Rom intensiv über die nächsten Schritte zur wirtschaftlichen und politischen Integration diskutiert, sieht Wien primär die Gefahr der "Vorherrschaft einer weniger großer Staaten" (Volksbefragungstext). Zu den Details der deutsch-französischen Reformvorschläge gibt es in ganz Europa die unterschiedlichsten Ansichten. Aber daß ohne den wiedergefundenen deutsch-französischen Motor eine Lösung für den schwierigen Problemkomplex Handlungsfähigkeit und Erweiterung unmöglich ist, steht für alle Regierungen - außer der österreichischen - im Vordergrund.
Bundeskanzler Schüssel hat dagegen Ende Juni beim traditionellen Europaforum in Stift Göttweig mit bislang ungehörter Schärfe die Idee eines "harten Kerns in Europa" ebenso abgelehnt wie ein "deutsch-französisches Direktorium". Mit dabei in der Wachau: der konservative tschechische Oppositionschef Vaclav Klaus und der christdemokratische slowakische Ministerpräsident Mikulas Dzurinda.
Österreich hat lange Jahre keine wirklich durchdachte politische Linie in der EU verfolgt. Nun scheint man die Elemente eines neuen Leitmotivs gefunden zu haben : die Sammlung der mitteleuropäischen Beitrittskandidaten in scharfer Frontstellung gegen die westeuropäischen Gründungsstaaten der EU. Im "News" der vergangenen Woche spricht Bundeskanzler Schüssel den Gedanken eines eigenen, von Österreich ausgehenden zur deutsch-französischen Achse alternativen Machtzentrums erstmals offen aus: mit "unseren Nachbarländern, den EU-Beitrittskandidaten", will der österreichische Regierungschef "eine Art ‚Benelux'-Verband in der EU" bilden. Im "Economist" preist Wolfgang Schüssel die 40-Millionen Region Mitteleuropa als natürliches österreichisches Einflußgebiet.
"Österlux" also statt "Benelux", wachsend aus der mitteleuropäischen Verteidung des Zweckbündnisses Schüssel-Haider und als Alternative zur visionären Achse Chirac-Fischer? Die österreichische Diplomatie würde sich damit vom langjährigen Ziel einer möglichst raschen und vollständigen Integration in Westeuropa entfernen.
Aus der Luft gegriffen ist die Idee von einer Vielzahl neuer Machtzentren in der EU von morgen zweifelsohne nicht: bei 30 Mitgliedsstaaten wird es neue regionale Zusammenschlüsse und Sensibilitäten geben. So wie etwa auch in den USA der konservative Süden dem linksliberalen Nordosten, der industriellen Midwest dem staatsskeptischen Westen gegenüberstehen. Die Frage ist nur, ob es tatsächlich wirtschaftliche Interessen sind, die einen Vaclav Klaus, Mikulas Dzurinda oder Victor Orban an die Seite einer Wiener Regierung treiben, deren rechter Flügel mit anti-osteuropäischen Ressentiments und einer strikten Ablehnung der Osterweiterung groß geworden ist. Als verbindender könnte sich das grenzüberschreitende Unverständnis der mitteleuropäischen Öffentlichkeit über die französisch-westliche Empörung bei fremdenfeindlichen Ausrutschern oder in der NS-Zeit verwurzelten Sprüche in der österreichischen Politik herausstellen.
"Mitteleuropa" war in der Zeit der kommunistischen Diktaturen ein Konzept, das österreichische Politiker mit den mutigen Dissidenten der Nachbarstaaten zusammengeführt hat. Besteht heute die Gefahr, daß es im Konflikt mit den traditionellen Demokratien Westeuropas um die Legitimät von Schwarz-Blau in Österreich autoritäre Traditionen und nationalistischen Provinzialismus nährt? Eine andere Frage ist, wie realistisch die Träume der Wiederbelebung eines österreichisch inspirierten Machtzentrums im Donauraum tatsächlich sind. Tschechien und Polen haben ihren eigenen Stand in Brüssel und Paris und werden sich kaum in eine Wiener Donau-Seilschaft begeben. Slowenien als privilegierter Partner einer von Jörg Haider mitgeführten Regierung wäre originell, erscheint aber eher fraglich. Und sowohl in Budapest als auch Bratislava hängt das Projekt "Österlux" am dünnen Faden zweifelhafter Wahlausgänge: von einem über die Grenzen der katholisch-konservativen Regierungsparteien hinausgehenden entsprechenden Konsens in der Europapolitik kann in diesen Ländern nicht die Rede sein.
So präsentiert sich "Österlux" als eher zweifelhaftes Vorhaben, dem nur eine Folgewirkung mit Sicherheit vorausgesagt werden könnte: die weitere Abkoppelung Wiens von den treibenden westlichen Kräften in der EU. Bleibt nur die Hoffnung, daß die Weisen des EU-Menschenrechtsgerichtshofes die österreichische Regierung vom Drang befreien, umzusetzen, was sie dieser Tage ankündigt.

 

nach oben, Fenster schließen

 
  site by Adrian Rossmann