Raimund Löw

Historiker und Journalist

 

 

 

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  "Falter" - Artikel
   

Putin forever, 12.10.2011

Als Dimitrij Medwedew die Spitzen der Europäischen Union zu seinem ersten EU-Russlandgipfel lud, da sollte den Europäern ein neues Russlandbild präsentiert werden. Der Tagungsort war die Ölmetropole Chanty Mansijsk jenseits des Urals, fünf Zeitzonen und elf Flugstunden von Brüssel entfernt. Das wird unser Abu Dhabi prahlten die Stadtväter inmitten der Taigasümpfe Sibiriens. Protzige Regierungsgebäude und moderne Wohnblocks zeugten vom Aufschwung einer Region, die in Stalins Zeiten vom Wirtschaftsfaktor Archipel Gulag gelebt hat.
Das Pressezentrum lag in der nach dem Tscheka-Gründer und ersten Geheimdienstchef benannten Felix Dscherschinski-Straße. Die russischen Betreuer verwiesen jedoch auch auf das nahe Memorial für die Opfer des Stalinismus. Aber anders als der ehemalige KGB-Mann Putin warb Ziehsohn Medwedew für eine Annäherung an Europa, mehr Rechtsstaat und manchmal sogar für politischen Pluralismus. Ein Russland als geopolitischer Nachbar, der sich demokratisch-freiheitlichen Traditionen öffnet, schien möglich.
Die zynische Rochade des 24.September zurück zu einem Präsidenten Wladimir Putin hat diese Hoffnungen zerstört. Für Russland bricht eine Zeit der Einpersonenherrschaft an. Institutionen wie Parteien, Duma oder Justiz sind jetzt schon leeren Hüllen. In einem Regime, das auf der Person eines Führers basiert, werden sie den letzten Sinn verlieren. Im Internet kursieren Karikaturen von Putin als neuem Breschnew im Jahr 2024 nach vier Amtszeiten und zwölf Jahren Stillstand. Der Vergleich hinkt. Ein sowjetischer Generalsekretär bezog seine Legitimität aus der marxistisch-leninistischen Ideologie der Partei. Er war auf eine Mehrheit im Zentralkomitee angewiesen. Putin braucht nur sich selbst. Die Krone des neuen Kremlherrn hat er sich alleine aufgesetzt. Kein russischer Staatslenker seit Stalin hatte so viel persönliche Macht, urteilt Harvard-Historiker Mark Kramer.
Aus seiner Verachtung für die westliche Demokratie hat Russlands starker Mann nie ein Hehl gemacht. Abschätziges Machogehabe gegenüber Frauen und Rassismus gegenüber südländischen Kaukasiern sind fixer Bestandteil seines Repertoires. Das Machtkartell Putin rund um Geheimdienste, korrupte Provinzkaiser und willfährige Wirtschaftsmagnaten, steht für einen Kurs des autoritär-nationalistischen Paternalismus.
Der Verlierer ist Dimitrij Medwedew, der in derart demütigender Weise zur Selbstentmachtung gezwungen wurde, dass man sich fragen muss, wie lange der Noch-Präsident tatsächlich Ministerpräsident unter Putin sein wird. Geschockt die westlich orientierten städtischen Mittelschichten, die darauf gesetzt haben, dass Russland zu einem quasi normalen Land Europas wird.
Auch die Weltpolitik spürt den neuen, scharfen Wind. Noch vor einem halben Jahr konnte Medwedew durchsetzen, dass Moskau grünes Licht für die NATO-Militäraktion in Libyen gab. Jetzt blockiert der russische Vertreter in der UNO stärkere Wirtschaftssanktionen gegen das syrische Assad-Regime. Während Medwedew von Russland als Teil der europäischen Zivilisation träumte, strebt Putin eine Eurasische Union als Gegengewicht zur EU an. Moskau will die Kontrolle über die unmittelbare Nachbarschaft wieder zurück.
Putin ist populär. Seine hohen Zustimmungswerte sind abgesichert durch devote elektronische Medien. Tatsächlich ist seine Regierungszeit nach dem chaotischen Zerfall der Sowjetunion für große Teile der Bevölkerung eine Zeit der Stabilisierung gewesen. Russland ist zwar gefährlich stark vom Ölpreis abhängig. Aber zumindest wächst die Wirtschaft, während die USA und Europa stagnieren.
Polizeiwillkür und bürokratische Schikanen halten die kleine liberale Opposition in Schach. Ungeklärte Mordanschläge gegen exponierte Journalisten schüren ein Klima der Unsicherheit. Aber niemand schreibt den Menschen vor, was sie sagen dürfen und was nicht. Auslandsreisen sind normal.
Die Devise "Putin forever" macht dieses Russland zum Sultanat. Die Personalisierung des Regimes steht in krassem Gegensatz zum Rest der Welt, wo Diktatoren stürzen und der politische Pluralismus zunimmt. Selbst China hat mit klaren Regeln für regelmäßigen Machtwechsel an der Spitze der Staatspartei ein lebensfähigeres Modell.
Mit einem eigenen Navigationssystem Glonass und den Sojus-Raketen, von denen die Internationale Raumstation abhängt, beweisen russische Techniker das Weltniveau ihres Könnens. Unwahrscheinlich, dass die Bürger des Landes auf Dauer akzeptieren werden, bei einem entwürdigenden Politschauspiel mitzumachen, in dem sie ständig für dumm verkauft werden. Für die nächste russische Krise könnte schon ein Fall des Ölpreises unter 60 Dollar pro Barrel reichen. Ohne Institutionen, die einen Wechsel möglich machen, bleibt dann nur die Straße.

 

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