Raimund Löw

Historiker und Journalist

 

 

 

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  "Falter" - Artikel
   

Rückkehr der Geopolitik, 30.1.2008

Serbien wählt. Im Hintergrund findet ein Kräftemessen zwischen Russland und der EU statt. Fast hätte man glauben können, Europapolitik bestehe nur aus Subventionenstreitigkeiten und dem Disput um EU-Institutionen. Jetzt bringen die serbischen Präsidentschaftswahlen ein spektakuläres Comeback der Geopolitik. Ob der Demokrat Boris Tadic´ oder der aus einer faschistischen Partei kommende Tomislav Nikolic´ bei den Stichwahlen des 3. Februar siegt, wird nicht nur die zukünftige Richtung Serbiens bestimmen, sondern auch entscheiden, ob Russland ein Machtfaktor auf dem Balkan wird.
Die Radikale Partei, für die Tomislav Nikolic´ ins Rennen geht, hat ihre Rhetorik in diesem Wahlkampf etwas gemäßigt. Aber Parteichef bleibt Vojislav SÇesÇelj, einer der schlimmsten serbischen Kriegstreiber der Balkankriege und Angeklagter des Jugoslawientribunals in Den Haag. Die blutrünstigen Milizen, die SÇesÇelj zum Morden und Vergewaltigen in die umkämpften Teile des ehemaligen Jugoslawiens ausschickte, waren phasenweise sogar Slobodan MilosÇevic´ unheimlich. Ein Staatspräsident, dessen Parteivorsitzender als Kriegsverbrecher auf der Anklagebank sitzt, wäre das Ende der Westöffnung Serbiens. Als Alternative bietet sich Moskau an, das unter Wladimir Putin mit antiwestlichen Reflexen das verlorene Terrain als Großmacht wieder zurückgewinnen will. Im Streit um die Zukunft des Kosovo hat Russland schon Serbien diplomatische Schützenhilfe gegeben. Wenn die albanische Mehrheit in den nächsten Wochen nach Rücksprache mit Brüssel und Washington seine Unabhängigkeit erklärt, werden die Wogen in Serbien hochgehen. Regiert in Belgrad zu diesem Zeitpunkt eine antieuropäische Führung, dann könnte der völlige Bruch mit dem Westen, der Europäischen Union und den USA die Folge sein.
Für die Europäische Union ist das eine Horrorvision, denn es wird auf jeden Fall schwierig sein, Chaos auf dem Balkan zu vermeiden, wenn PrisÇtina sich in aller Form von Serbien lossagt. Russland wäre ein dabei höchst unerwünschter und unberechenbarer zusätzlicher Faktor. Genau vor der Wahl wird der Kampf um Serbien mit Investitionsversprechen von Gazprom, Pipelines und Visaerleichterungen ausgefochten. Brüssel bietet Serbien grundsätzlich einen festen Platz auf der Liste zukünftiger Beitrittskandidaten. Viel konkreter kann man jedoch nicht werden, zu viel trennt Belgrad von den europäischen Vorstellungen. Noch immer sind Mladic´ und KaradzÇic´, seit Jahren gesuchte Kriegsverbrecher der Jugoslawienkriege, frei. Wladimir Putin tut sich da leichter: Der Kreml verspricht, Serbien zum Transitland einer neuen Gaspipeline namens "South Stream" zu machen, durch die sibirisches Erdgas über das Schwarze Meer nach Europa gelangen würde. Ein Traum für jede Regierung, bedeutet eine solche Pipeline doch Investitionen, Einkünfte und strategische Bedeutung. Gazprom kauft gleichzeitig die staatliche serbische Gas- und Ölgesellschaft. Wladimir Putin machte es bei der feierlichen Unterzeichnung im Kreml klar: Die gemeinsame Ablehnung der Unabhängigkeit des Kosovo durch Russland und Serbien soll durch die geplante wirtschaftliche Zusammenarbeit gefestigt werden.
"South Stream" und der Gazprom-Deal in Serbien sind die jüngsten Züge im russisch-europäischen Pipelinekrieg, bei dem es um die bisher wenig erfolgreichen europäischen Versuche geht, Alternativen zu dem von Russland kontrollierten Erdgas aufzubauen. Eigentlich sollte die außerhalb russischer Kontrolle gebaute "Nabucco"-Pipeline das Kräfteverhältnis der Europäischen Union gegenüber dem Kreml etwas verbessern. Die Lieferungen aus den ehemaligen zentralasiatischen Sowjetrepubliken um das Kaspische Meer würden über die Türkei nach Europa gelangen, Russland hätte keinen Einfluss. Aber das Projekt stockt auch, weil die Europäer ihre ausgestreckte Hand in Richtung Türkei halb zurückgenommen haben. Jetzt versucht der Kreml, mit "South Stream" und dem Einkauf in den serbischen Gas- und Ölmonopolisten, "Nabucco" den Todesstoß zu versetzen. Gibt die Europäische Union dem Kosovo trotz des Neins Moskaus im Sicherheitsrat der Vereinten Nationen die Unabhängigkeit, so lautet die russische Botschaft, wird Europa zentralasiatisches Gas wie bisher über russische Pipelines beziehen müssen.
Ein seltenes Window of Opportunities nennt der Historiker Dan Diner, dass Russland in den letzten eineinhalb Jahrzehnten in der europäischen Politik nicht präsent war. Aber die Europäer haben die Chance nicht genützt, ihre staatlichen Verhältnisse dauerhaft zu ordnen: Die Europäische Union schwebt noch immer zwischen Bundesstaat und Staatenbund, und der Balkan bleibt ein Pulverfass. Jetzt droht sich dieses Fenster in einem Augenblick zu schließen, in dem sich in Russland ein halbautoritäres Regime festigt. Ein Serbien als russischer Klientenstaat unter einer ultranationalistischen Führung in der Zeit rund um eine Unabhängigkeitserklärung des Kosovo wäre eine denkbar schlechte Nachricht.
Man kann rein völkerrechtlich über die bevorstehende formelle Abspaltung des Kosovo von Serbien, die tatsächlich durch die Uno-Verwaltung längst vollzogen ist, geteilter Meinung sein. Auch beim Nato-Luftkrieg um den Kosovo und zuvor bei den Luftangriffen auf die bosnischen Serben gab es keinen Beschluss des Uno-Sicherheitsrats. Die damalige rot-grüne Regierung in Berlin musste mit einem humanitären Interventionsrecht argumentieren. Trotzdem beendeten diese Angriffe den blutigsten Krieg in Europa seit 1945. Politisch ist die Trennung von Serbien und dem Kosovo unvermeidlich. Warum sollte ausgerechnet den Kosovo-Albanern, die im alten Jugoslawien die einzig wirklich unterdrückte Nationalität waren, die Unabhängigkeit verweigert werden, die sich die anderen Völker im Zerfallsprozess Jugoslawiens in so katastrophaler Weise genommen haben?
In Serbien gibt es nicht nur eine Tradition der kulturellen Verbundenheit zu Russland, die in diesen Tagen zu politischer Münze gemacht wird. Ebenso stark ist die oft vergessene Westorientierung serbischer Intellektueller, die in der Vergangenheit oft über Wien und Berlin hinaus nach Paris und London blickten. Darin besteht die Chance des demokratischen Amtsinhabers Tadic´, das Ruder noch herumzureißen. Das Krisenmanagement auf dem Balkan würde auch bei so einem Ergebnis schwierig. Aber die EU bekäme zumindest noch eine Atempause vor der nächsten Runde des geopolitischen Kräftemessens mit Moskau.


 

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