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Rechts
von Rom, 23.4.2008
Die Kommunistische Partei Italiens (KPI) nahm stets einen besonderen
Platz im Herzen der europäischen Linken ein. Von "Unita"-Festen,
volksnah, bunt und hochpolitisch zugleich, schwärmten auch Besucher
aus dem langweilig sozialdemokratischen Norden. Um aus vollem Hals "Bandiera
rossa" zu singen, musste man kein Wort Italienisch verstehen. Eine
volkstümliche Tradition der Solidarität von unten gegen die
da oben, darum beneideten Linke aus allen Teilen des Kontinents die italienischen
Genossen. So wie das Rote Wien in der Zwischenkriegszeit wurde Bologna
zum Mekka fortschrittlicher Kommunalpolitik. Sogar Hammer und Sichel schienen
unter der italienischen Sonne lebensfrohe Symbole zu sein, ganz anders
als bei den bürokratisch erstarrten Bruderparteien oder gar auf der
anderen Seite des Eisernen Vorhangs.
Diese Ausstrahlung hatte viel mit Geschichte zu tun. Antonio Gramsci,
der Parteigründer und kreative marxistische Denker, ist auch in den
schlimmsten Jahren des Stalinismus immer ein Bezugspunkt geblieben. Die
heroische Rolle im Widerstand gegen Mussolini verschaffte der Partei jenes
Ausmaß an Legitimität im Volk, das ihr in den römischen
Staatsetagen durch die ungeschriebenen Gesetze des Kalten Krieges verweigert
wurde. Als sich die KPI nach dem Fall der Mauer endgültig vom Kommunismus
lossagte und unter immer neuen Allerweltsnamen ihr Glück versuchte,
da blieb immer noch Fausto Bertinotti, Chef der auf Tradition pochenden
Rifondazione Comunista und der eleganteste Linksradikale Europas. Jetzt
sind auch die letzten kommunistischen Abgeordneten aus dem Parlament in
Rom verschwunden. Eine Ära geht zu Ende.
Der Rechtsruck, der Silvio Berlusconi neuerlich an die Macht gebracht
hat, bedeutet einen tiefen Einschnitt. Verdoppelt hat sich der Stimmenanteil
für den Rechtspopulisten Umberto Bossi. "Wenn ich Boote sehe",
ließ der zukünftige Koalitionspartner Berlusconis im Wahlkampf
wissen, "dann wünsche ich mir Kanonen." Gemeint waren die
Flüchtlingsboote vor Süditalien. Rassismus, Hassparolen gegen
Europa und Verachtung für den Süden brachten der Lega Nord in
den nördlichen Regionen Erfolge, wie sie in Österreich Jörg
Haiders FPÖ das letzte Mal in den Neunzigerjahren hatte. Die EU wird
es mit einer Regierung in Rom zu tun haben, die auf einen deutlich erstarkten
rechtsradikalen Flügel angewiesen ist.
Eine etwas späte Freudenbotschaft ist der Triumph Silvio Berlusconis
für George W. Bush. Als Ministerpräsident war der Italiener
einer der eifrigsten Unterstützer des Irakkrieges in Europa gewesen.
Mit Nicolas Sarkozy in Paris ist Rom jetzt die zweite Hauptstadt eines
großen EU-Staates, in der ein ausdrücklicher Schwärmer
für Amerika die Regierung führt. Bemerkenswert, wie wenig die
gegenwärtige US-Administration zuletzt mit proamerikanischen Politikern
in Europa anfangen konnte.
Für die europäische Linke verschärft der rechtsrechte Erfolg
in Rom eine Phase zunehmender Schwierigkeiten. Das gilt für Sozialdemokraten
ebenso wie für Grüne, die mit dem Debakel des italienischen
"Regenbogens" jetzt in einem zweiten großen EU-Land einen
schwierigen Überlebenskampf führen müssen. In Frankreich
stecken die Grünen schon seit Monaten in einer existenziellen Krise.
Die sozialdemokratischen Parteien in Großbritannien und Deutschland,
ob alleine regierend oder in einer Koalition, kämpfen mit katastrophalen
Umfragewerten. In Osteuropa hält sich Ungarns umkämpfter sozialdemokratischer
Regierungschef Ferenc Gyurcsány gerade noch an der Macht, sogar
das sozialdemokratische Musterland Schweden wird bürgerlich regiert.
Wie eine sozialdemokratische Partei ein Land verändert und gleichzeitig
erfolgreich bleibt, zeigte zuletzt zwar in Spanien José Luis Zapatero,
aber nur wenige europäische Kollegen scheinen zu wissen, wie man
es ihm nachmachen könnte.
Dabei beherrschen die traditionell links besetzten sozialen Fragen nach
Verteilungsgerechtigkeit, sozialer Sicherheit und Schutz vor den Risiken
der Finanzkrise die öffentliche Diskussion. Die plötzlichen
Hungeraufstände auf drei verschiedenen Kontinenten erinnern daran,
wie brüchig das internationale Wirtschaftssystem ist. Dass allein
die Kräfte des Marktes ausreichen, um die aktuellen Krisen zu meistern,
glaubt kaum jemand mehr. Um die bankrotte Northern-Rock-Bank zu retten,
ließ die britische Regierung sie kurzerhand verstaatlichen. In den
USA übernahm der Staat das Verlustrisiko des bankrotten Investmenthauses
Bear Stearns, um größeren Schaden abzuwenden. Aber der klassische
Wohlfahrtsstaat, mit dem die europäische Linke identifiziert wird,
erlebt deshalb kein Comeback. In den Zeiten der Globalisierung hat sich
das dahinterstehende nationalstaatliche Modell der sozialen Absicherung
überlebt.
Das linke Parteienbündnis Romano Prodis hat es in Italien nicht geschafft,
dort durchzugreifen, wo die Menschen die verfilzten staatlichen Strukturen
als unerträgliche Belastung empfunden haben. Dazu hätte man
auch manche Interessen der eigenen Klientel angreifen müssen. Der
Müllskandal von Neapel wurde dafür das drastischste Beispiel.
Gleichzeitig erschien die Regierung aber auch zu schwach, um der Bevölkerung
den sozialstaatlichen Schutz zu sichern, der durch den weltweiten Vorrang
für Konkurrenz und Innovation infrage gestellt wird. Die Erben der
KPI in all ihren Schattierungen zahlen jetzt den Preis: mit Jahren der
ohnmächtigen Opposition für Veltronis Demokratische Partei und
einer außerparlamentarischen Außenseiterrolle für die
Reste der marxistischen Linken. Silvio Berlusconi bekam seine dritte Chance.
Ob politisch bewegte Europäer einmal wieder nach Italien pilgern
werden, um festlich "Bella Ciao" zu singen und sich von einer
Volksbewegung inspirieren zu lassen? Warum nicht, aber vorher müssten
aus den Trümmern der Niederlagen im nationalstaatlichen Wirkungsfeld
echte europäische Parteien entstehen. Die KPI war als nationale Partei
groß geworden, in Zukunft müssten es multinationale Feste werden,
in vielen Sprachen, in vielen Farben und mit gesamteuropäischen Zielen.
Denn der ersehnte Schutz vor den wilden Bewegungen des Kapitalismus kann
in Zukunft nur von der europäischen Ebene kommen. Keine nationale
Regierung wird sich allein je wieder gegen internationale Marktkräfte
durchsetzen, die inzwischen hunderte Milliarden Euro oder Dollar bewegen.
Wenn weltweit die Lebensmittelpreise explodieren, wirken Hilfsversprechen
einzelner Nationalstaaten fast lächerlich. Dazu bräuchte es
eine handlungsfähige Regierung für Europa, eine Europäische
Union mit viel mehr Mitteln und viel mehr Kompetenzen. Aber diese Erkenntnis
muss sich erst durchsetzen.
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