Raimund Löw

Historiker und Journalist

 

 

 

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  "Falter" - Artikel
   

Rueckkehr in die Normalitaet, 15.11.2006


Als Pentagonchef Donald Rumsfeld zum Kollateralschaden der amerikanischen Kongresswahlen wurde, war klar: auch die Strategen des Weißen Hauses haben den Irakkrieg als den entscheidenden Grund für den Vertrauensverlust der Bevölkerung ausgemacht. Aber die Rückeroberung von Repräsentantenhaus und Kongress nach 12 Jahren durch die Demokraten stellt einen noch weit tiefer gehenden Einschnitt dar.
Flashback: Wenn man in den letzten Jahren aus den USA nach Europa kam, dann hatte man oft das Gefühl auf einem anderen Planeten gelandet zu sein. Die amerikanische Politik dreht sich tagaus, tagein um ein einziges Thema: Terrorismus, Terrorismus und nochmals Terrorismus. Wie besessen schien die Öffentlichkeit von der Vorstellung, dass schlicht alle gesellschaftlichen Probleme irgendwie mit den Anschlägen des 11.September verbunden sind. Der Triumph der Demokraten hat diesen Bann gebrochen. Wie ein Kartenhaus ist seither die Scheinwelt vom angeblichen "Kriegszustand", der jede Grenzüberschreitung der Exekutive legitimiert, in sich zusammen gebrochen.
Amerika ist zurückgekehrt in die Normalität. Die ist voller Widersprüche und Merkwürdigkeiten, die von der unzertrennlichen Liebe vieler neu gewählter Demokraten zu Schusswaffen bis zu Jesus als gefragtem Wahlhelfer reichen. Aber eindimensional konservativ ist dieses Land nicht mehr. Aus ist der Traum von der dauerhaften konservativen Mehrheit, dem Carl Rove, der innenpolitische Stratege George Bushs, so lange nachgehangen ist. Sogar im gottesfürchtigen South Dakota, das wegen seiner zahlreichen katholischen Fundis von den Abtreibungsgegnern als Testgebiet für eine Revision des Rechts auf Abtreibung auserkoren wurde, fiel ein vom lokalen Gesetzgeber verfügtes striktes Abtreibungsverbot bei den Wählerinnen und Wählern mit Bomben und Granaten durch. Wenn sogar South Dakota nicht so fundamentalistisch ist, wie die "Pro Life"-Aktivisten glauben, dann verliert auch die gefürchtete Aufhebung der legendären Höchstgerichtsentscheidung "Roe versus Wade" durch einen mehrheitlich konservativen Supreme Court seinen Schrecken: wahrscheinlich würden die meisten Bundesstaaten rasch mit der Einführung der Fristenlösung reagieren. Im Bundesstaat Arizona ist erstmals in den USA eine Gesetzesinitiative zum Verbot der Homosexuellenehe beim Wahlvolk gescheitert. Und Missouri kann jetzt weiter die Stammzellenforschung fördern, trotz des heftigen Widerstands evangelikaler Kirchen und der republikanischen Partei. Klar: es gibt jede Menge Gegenbeispiele. Die öffentliche Förderung von Minderheiten, die in der weißen Mittelklasse so unpopuläre "Affirmative Action", wurde in Michigan abgewählt und ein halbes Dutzend zusätzliche Bundesstaaten haben "Nein" zur "Homoehe" gesagt. Der Kulturkampf zwischen dem laizistisch-liberalen Amerika und dem religiösen Fundamentalismus geht weiter. Aber gewonnen ist er für die Jesus-Freaks keineswegs, auch wenn manche republikanische Strategen das geglaubt haben.
Geschockt vom Erdrutsch zu den Demokraten suchen die neokonservativen Stars von gestern nach Erklärungsversuchen. Richard Perle und Kenneth Adelman, die noch vor 2 Jahren den Antiterrorkrieg zur weltweiten Unterstützung konservativer Revolutionen ausweiten wollten, wenden sich in der jüngsten Ausgabe des trendigen "Vanity Fair" mit Schrecken von der Frucht ihres Wirkens ab. Wenn er gewusst hätte, wie unfähig das Team um Bush sei, hätte er nie zum Einmarsch im Irak aufgerufen, gibt sich Richard Pearle ganz reumütig. Als Chef einer Planungsgruppe im Pentagon hätte dem Mann das allerdings auch etwas früher auffallen können. Charles Krauthammer, der Paradekonservative der "Washington Post", schafft es aus den Ergebnissen des 7.November sogar einen Rechtsruck in der amerikanischen Politik abzulesen. Das geht so: die Republikaner sind nach rechts gerückt, weil der verbliebenen liberale Flügel durch das fraktionsübergreifende Debakel im Nordosten ausgemerzt wurde. Die Demokraten wiederum haben durch die oft konservativ eingestellten Neuzugänge aus den Rocky Mountains und dem Süden erstmals seit längerem wieder eine konservative Strömung. Letzteres mag zutreffen. Aber liberale Republikaner hatten schon seit Jahren nichts mehr zu sagen. Und größter Gewinner im demokratischen Lager ist der wenig bekannte "Congressional Progressive Caucus". Mitglieder der lose miteinander verbundenen linksliberalen Strömung werden den Vorsitz in 20 Ausschüssen des Repräsentantenhauses übernehmen, wo die wirkliche parlamentarische Macht liegt. Die Politik der pragmatischen Mitte steht vor einem Comeback und auch linke Ideen haben wieder eine Chance.
Das ist auch eine Folge der sozialen Bewegungen der jüngsten Vergangenheit. Haben die Kongresswahlen doch gezeigt, dass sich die Einwanderer aus Lateinamerika, immerhin die am schnellsten wachsende Bevölkerungsgruppe der USA, nach den riesigen Jugenddemonstrationen des vergangenen Frühjahres in Scharen von den Republikanern abwenden: 70 Prozent haben demokratische gewählt. Die Republikaner sind auch dabei die Jugend zu verlieren: 60 Prozent der unter 30-jährigen stimmten für Kandidaten der neuen Mehrheit.
Um die wachsende Revolte gegen den herrschenden Machtblock von christlichen Rechten, mächtigen Wirtschaftslobbys und neokonservativen Kriegsideologen zu kanalisieren, haben die Demokraten ein nach Regionen differenziertes, politisch ungewöhnlich breites Angebot von Kandidaten aufgestellt. Reihenweise hat der für die Kandidatenauswahl zuständige ehemalige Clinton-Mitarbeiter Rahm Emmanuel ehemalige Konservative, die von George Bushs Irakkrieg abgestoßen waren, gewonnen. Darunter Ronald Reagans ehemaliger Marinestaatsekretär James Webb, dessen 7000-Stimmen-Vorsprung im traditionell konservativen Bundesstaat Virginia den Demokraten die Macht im Senat bescherte. Bei den liberalen Bloggern, die am liebsten lauter Linksliberale im Kongress sehen würden, wurde Rahm Emmanuel deshalb zur Feindfigur. Allerdings gibt es in der neu erstarkten demokratischen Fraktion nicht nur übergelaufene Rechte: erstmals wird mit Bernie Sanders im neuen Senat auch ein gestandener Sozialist sitzen, der den Urvater der amerikanischen Arbeiterbewegung Eugene V. Debs zu seinen Helden zählt und die Vorzüge des skandinavischen Wohlfahrtsstaat preist.
Die große Stärke des amerikanischen Systems ist die kulturelle, nationale und politische Vielfalt, die es den USA ermöglicht hat, sich auch von den schlimmsten Niederlagen zu erholen. Die Bush-Führung hat vergeblich versucht diesem oft chaotischen Pluralismus einen monokoloren Deckel unter patriotisch-kriegerischen Vorzeichen aufzusetzen. "Thank you, America" titelte der Londoner "Guardian" vergangene Woche. Schließlich weiß man, dass sich amerikanische Trends im Guten wie im Schlechten in der Regel auch im Rest der Welt bemerkbar machen.

 

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