Raimund Löw

Historiker und Journalist

 

 

 

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  "Falter" - Artikel
   

Russland waehlt, 22.3.2000

Die Reise nach St.Petersburg Anfang März hätte sich Tony Blair besser erspart: sein Zusammentreffen mit Rußlands Vladimir Putin im einstigen Sommerpalast der Zaren demonstrierte vor allem das zynische Machtkalkül des Westens im Umgang mit der russischen Demokratie. Im Mariinski-Theater sahen sich die beiden Politiker die Prokofjew-Oper "Krieg und Frieden" an. Dem ansonst so auf Moral bedachten Briten waren einige sorgenvolle Worte zum Tschetschenienkrieg Entschuldigung genug für das Tete a Tete mit dem Präsidentschaftskandidaten im Kreml. Der Westen setzt auf den russischen Kriegsherrn. Das war das klare Signal im laufenden russischen Wahlkampf .
Von Madeleine Albright bis zu Bill Clinton lautet die Botschaft, lange vor der Entscheidung der russischen Wähler: der Geheimdienstmann an der Spitze des russischen Staates ist jemand, mit dem man "ins Geschäft kommen könne." Wie aus der Propagandaabteilung des Kreml klingen die Lobessprüche aus Washington und London. Den festen Händedruck, Klarheit im Denken und rasche Auffassungsgabe schätzen die westlichen Gesprächspartner am Nachfolger Boris Jelzins, weiß der "Economist".
Hinter dem verklärten Blick stehen klare Interessen. Von einem Präsidenten Putin erwartet man in Washington die so heiß ersehnte Aufweichung des Anti-Raketen-Abwehr Vertrages ABM, die es den amerikanischen Militärs endlich ermöglichen soll, völkerrechtlich ganz legal ihr Lieblingsprojekt des "Krieg der Sterne light" weiterzutreiben. Sollte sich Putin nach gewonnener Wahl bedanken und die erhoffte russisch-amerikanische Neuinterpretation des ABM-Vertrages gar noch vor den amerikanischen Präsidentschaftswahlen im November liefern, dann könnte das wichtige Wahlkampfmunition für Al Gore werden.
Kühler reagiert man zwar in Paris und Berlin: vor allem Deutschland hat den Einsatz Putins als Anti-BRD-Spion während der Achtzigerjahre in Dresden noch nicht verwunden. Aber Zurückhaltung schafft noch keinen alternative Kurs.
Die westliche Wahlkampfhilfe für Putin mag kurzfristig machtpolitisch erklärbar sein. Der Preis ist jedoch hoch: erstmals seit Gorbatschows "Perestroika" stehen die kritischen Kräfte der wachsenden russischen Demokratie in totaler Frontstellung zu jenem Mann, der auf die Unterstützung der westlichen Demokratien zählen kann.
" Vladimir Putin hat den Krieg zum Instrument des Wahlkampfes gemacht," analysiert der scharfzüngige Leiter des Moskauer Zentrums für Strategische Studien, Andrej Pjontkowsky. Beim Tschetschenienfeldzug mit seinen furchtbaren Zerstörungen und den tausenden Toten auf beiden Seiten sei es weniger um die Eroberung des Kaukasus als jene des Kreml gegangen. "Tschetschenien offenbart das Wesen Putins: es zeigt seine völlige Mißachtung von Menschenleben und demokratischen Werten, Menschenrechten und Pressefreiheit." Lilja Schewtsowa, russischer Star im linksliberalen Washingtoner Carnegie Center, sieht ebenfalls Anlaß zu tiefer Sorge um die russische Demokratie: allgemein bekenne sich der amtierende Präsident zwar zu Pluralismus und Meinungsfreiheit, in der Praxis drücke er jedoch seine tiefe Verachtung für alles aus, was mit demokratischem Wahlkampf zu tun hat. Schewstsowa sieht dahinter die Mentalität des ehemaligen KGB-Offiziers, der auch heute noch nicht müde wird zu betonen, wie stolz er auf seine Vergangenheit ist: "Auf ein Wort des Bedauerns für die Opfer einer der schlimmsten Institutionen des Stalinismus hat man von Putin bisher vergeblich gewartet."
Die Oligarchen des Jelzin-Clans hatten den farblosen und bislang unbekannten Geheimdienst-Apparatschik im Herbst als Garant ihrer Interessen in die Position des Thronfolgers gehievt. Die vorgezogene Hofübergabe durch Boris Jelzin sollte Putin unbesiegbar machen: eine Operation, die angesichts der fast 60 Prozent, auf die der amtierende Präsident in den Meinungsumfragen kommt, in fast unheimlicher Weise erfolgreich war. Außer dem Bekenntnis zu einem starken Staat und einem dynamisch-autoritären Führungsstil ist vom zukünftigen russischen Präsidenten politisch allerdings nach wie vor nichts bekannt.
Lilja Schewtsowa erwartet dementsprechend von einer Ära Putin einen "Jelzinismus ohne Jelzin". Ob im Krisenfall dann die Reise eher in Richtung Diktatur nach dem Vorbild des in Rußland so vielfach bewunderten Pinochet geht, oder ob sich die demokratischen Instinkte des neuen Rußlands durchsetzen, hält sie noch für unentschieden. Andrej Pjontkowsky formuliert schärfer: der Putinismus ist für ihn "die höchste Stufe des Räuberkapitalismus".
Die breite Zustimmung für den neuen Kremlherrn muß wohl als Zeichen der Ermattung nach einem Jahrzehnt der Krisen und Turbulenzen gewertet werden. Tatsächlich erholt sich seit einigen Monaten die Wirtschaft. Der Staat hat begonnen wieder Löhne und Gehälter zu zahlen und die Menschen sehnen sich nach mehr solcher Zeichen der Normalität. Nur unter der dünnen Führungsschicht der russischen Internet-Besucher kann der linksliberale Grigori Jawlinsky mit seinen kritischen Aussagen zum Tschetschenienkrieg punkten. Bei den Computerfreaks erreicht er mit 45 Prozent sogar die relative Mehrheit. Optimisten im liberalen Lager hoffen daher, daß es zumindest gelingen wird Putin in einen zweiten Wahlgang zu zwingen, sollte dieser am kommenden Sonntag wider Erwarten unter 50 Prozent bleiben.
Andrej Pjontkowsky erinnert gerne an den Spitznamen Putins aus seiner Leningrader Zeit unter dem demokratischen Bürgermeister Sobschak: "Stasi" nannten ihn wegen seiner DDR-Vergangenheit damals seine Kollegen. Als wahrscheinlichster Kandidat für das Amt des zukünftigen Ministerpräsidenten gilt der gegenwärtigen Finanzminister Michail Kassianow: "Mischa 2-Prozent" heißt er unter Kollegen: eine Anspielung auf die Bakschisch-Sitten in höchsten Regierungskreisen. "Exzellenz ‚Stasi' und Regierungschef ‚Mischa 2-Prozent'- welch brillante Perspektive für die russische Staatsspitze", spottet Pjontkowsky.
Bleibt zu hoffen, daß die demokratischen Errungenschaften des vergangenen Jahrzehnts nicht grundsätzlich in Frage gestellt werden. Die Kräfte der russischen Demokratie haben sich als zu schwach erwiesen, das Land in die Nach-Jelzin-Ära zu führen. Aber sie könnten stark genug sein, einem autoritären Roll-back ernsthaften Widerstand entgegenzusetzen.

 

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