Raimund Löw

Historiker und Journalist

 

 

 

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  "Falter" - Artikel
   

Russlandkrise, 27.10.1998

In einem Punkt sind sich alle russischen Gesprächspartner einig: die Monate vor dem ominösen 17.August, an dem die Banken krachten, waren die besten, die Rußland seit langem gehabt hat. Zumindest im privilegierten Moskau schien für eine wachsende Mittelschicht das ersehnte "normale Leben" einer westeuropäischen Durchschnittsfamilie zum Greifen nahe. "Daß man einfach ins Elektrogeschäft gehen kann, um mit der Kreditkarte einen neuen Mixer zu erstehen, das waren die Zeichen einer neuen Zeit.", erinnert sich ein Journalistenkollege. Sergej Kirijenko, der junge liberale Regierungschef, wurde zum Symbol eines erhofften neuen Reformschubs gegen den alten Filz von Staatsbürokratie und millionenchwerer Oligarchie.
Doch dann kam der Sturz des Rubel und Rußland war bankrott. Seither wähnt man sich in einer Zeitmaschine: der kranke Präsident erinnert mit seiner schweren Zunge und dem dumpfen Blick traurig an Leonid Breschnew. Ministerpräsident Primakow ist zwei Jahre älter als Jelzin und kommt aus dem Stall des KGB. Selbst in den Moskauer Geschäften, dem sichtbarsten Zeichen für die neue Zeit, gibt es wieder leere Regale.
"Die Demokraten machen heute die gleiche grausige Entdeckung wie einst Lenin am Ende seiner Jahre." Vitaly Tretjakow, der scharfsinnige Chefredakteur der angesehenen "Nezawisemaja Gazeta" blickt bekümmert in den grauen Moskauer Herbsttag: "Am bleiernen Gewicht einer eng mit den wirtschaftlichen Interessen verbundenen allmächtigen Staatsbürokratie hat sich in Russland seit dem Zarismus nichts geändert. Vom Zarenreich über die Sowjetunion bis zur Russischen Föderation Boris Jelzins gibt es eine klare Kontinuität."
Dazu gehört auch die Kontinuität des Absurden: daß Millionen nach wie vor auf drei, vier oder gar fünf Monatslöhne warten, ist inzwischen fast schon normal geworden. Aber seit jenem fatalen Augusttag ist den meisten Bürgern auch der Zugang zum eigenen Bankkonto verwehrt. Selbst die staatliche "Sberbank", die angeblich alle Guthaben garantiert, rückt das Geld nur scheibchenweise heraus. Überweisungen, ob in Rubel oder in Dollar, werden von den Banken einfach nicht weitergegeben. Weil die
Devisen fehlen, werden immer mehr Konsumgüter knapp: von den Konservierungsmittel der russischen Würste bis zur Verpackung der beliebten Moskauer Schokolade der Marke "Roter Oktober" muß alles importiert werden. Selbst "Itogi", das gemeinsam mit "Newsweek" produzierte Wochenmagazin, läßt im Ausland drucken: angeblich gibt es in ganz Russland keine Druckerei gibt, die den geforderten Hochglanzdruck schafft.
80 Prozent der Konsumgüter in den Moskauer Geschäften kommen aus dem Westen, mehr als ein Drittel sind es landesweit. Nachdem kein Bankier der Welt es sich leisten kann, Dollar in das kaputte russische Finanzsystem zu pumpen, und die Deviseneinnahmen aus den Öl- und Gasexporten längst verpfändet sind, eine dramatische Situation. Auf Lösungsansätze durch die Regierung wartet man allerdings bisher vergeblich. Dabei fließen nach wie vor selbst nach Angabe von Regierungschef Jewgenij Primakow im Monat 1,5 bis 2 Milliarden Dollar in den Westen. Ob der Internatonale Währungsfonds das nicht besser täte, die nächste Tranche des heiß ersehnten 22 Milliarden Dollarkredits gleich direkt auf die Konten der kleptokratischen russischen Oligarchen in Deutschland, Österreich und der Schweiz zu überweisen? Das spart zumindest die unnötigen Bankspesen des Umwegs über das Moskauer Budget.
Wie groß insgesamt die in den Westen transferierten russischen Guthaben tatsächlich sind, weiß niemand. In der Staatsduma in Moskau nennt Andrej Filipow, Internationaler Sekretär der einflussreichen russischen KP, eine Zahl zwischen 140 und 300 Milliarden Dollar. Der KP-Veteran, der schon unter Valentin Fallin im alten ZK der KPdSU gedient hat, erinnert voll Hohn an eine Szene nach der Auflösung der KPdSU: "Tagelang wurden wir damals von der Staatsanwaltschaft nach den Auslandskonten der KPdSU befragt. Die Beträge waren bescheiden, das Ergebnis minimal. Vielleicht könnte man das damals gewonnene Know How zur Suche nach den gestohlenen Milliarden der letzten Jahre einsetzen?"
Damit ist in absehbarer Zukunft wohl kaum zu rechen, denn oberste Maxime der gegenwärtigen Regierung scheint es zu sein abzuwarten. Man will sich weder mit den Herren der Finanzwelt anlegen, noch mit dem Internationalen Währungsfonds oder irgendeiner der grösseren Fraktionen in der Duma. Und diese Politik des Stillstands kommt an: aus keiner politischen Ecke gibt es ein böses Wort gegen Primakow. Auch die Öffentlichkeit scheint so heilfroh zu sein, daß es neben dem erratischen Präsidenten zumindest einen halbwegs stabilen Regierungschef gibt, dass Primakow hervorragende Umfragewerte hat.
Was das für die Zukunft bedeutet?
Eine Antwort gibt Andrej Piontkowsky, politisher Kommentator der
sowohl russisch als auch englisch erscheinenden Tageszeitung "Moscow Times": Piontkowsky hält das Kabinett Primakow für eine kryptokommunitische Übergangsformation. "Spätestens gegen Winterende, wenn die Versorgung zusammenbricht, wird Primakow politisch an Ende sein. Dann schlägt das Pendel wieder in die andere Richtung aus und es kann ein Comeback der demokratischen Reformer geben."
Vitaly Tretjakow von der "Nezawisemaja Gazeta" glaubt dagegen, daß eine Richtungsentscheidung für die russische Politik erst mit der nächsten Präsidentenwahl möglich sein wird. Wenn Jelzin nicht vorher krankheitsbedingt abtritt oder stirbt, steht diese erst Ende 2000 bevor. "Der liberale Kurs der letzten 7 Jahre hat ins Desaster gefürt," so der selbst als liberaler Demokrat bekannte Tretjakow, "Der Kapitalismus sieht in Rußland genauso aus, wie ihn einst die marxistischen Lehrbücher beschrieben haben. Kein Wunder, wenn jetzt 5die Linke wieder eine Chance bekäme."
Tatsächlich sind alle russischen Zeitungen voll der Spekulationen über einen neuen Mitte-links-Block zwischen der Kommunistischen Partei Gennadi Sjuganows und dem bulligen Moskauer Bürgermeister Juri Luschkow. Luschkows Ambitionen, Boris Jelzin schon lange vor Ende der offiziellen Amtszeit zu beerben, sind unübersehbar. Hinter Luschkow steht, wie könnte es anders sein, ein riesiges Wirtschaftsimperien namens "Sistema". Seine Brutalomethoden nicht nur um Geschäftsleben treiben so manchem Konkurrenten angesichts der Vision eines Präsidenten Luschkow den Angstschweiß ins Gesicht.
Daß sich Rußlands Politiker trotz wirtschaftlicher Existenzkrise und einem dahinsiechenden Präsidenten an Wahlterminen orientieren, ist immerhin ein Hoffnungsschimmer: Putschgelüste streut in der sonst an Gerüchten und Unterstellungen nicht gerade armen Duma interessanterweise zur Zeit absolut niemand.

 

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