Raimund Löw

Historiker und Journalist

 

 

 

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  "Falter" - Artikel
   

Saddam Schauprozess,Falter, 7.1.2004

Was besprach Donald Rumsfeld am 20. Dezember 1983 mit Saddam Hussein in Bagdad? Das irakische Baath-Regime stand damals nach dem gescheiterten Überfall auf das islamische Revolutionsregime im Iran mit dem Rücken zur Wand. Gegen die "Menschenwellen" von zum Opfertod bereiten Jugendlichen, die Ayatolla Khomeini an die Front schickte, setzten die irakischen Generäle täglich verbotenes Giftgas ein. Die Satelittenfotos über die iranischen Truppenbewegungen erhielten sie von 60 eigens dafür abgestellten Experten des militärischen Nachrichtendienstes der USA.
Der herzliche Händedruck des damaligen Nahost-Sondergesandten Ronald Reagans mit dem irakischen Diktator vor zwanzig Jahren beschäftigt inzwischen nicht mehr nur Verschwörungstheoretiker im Internet. In der "Washington Post" belegt Michael Dobbs gestützt auf Dokumente des State Departments, dass auf Rumsfelds Besuch Jahre der intensiven militärischen und politischen Zusammenarbeit folgten. Im Auftrag der Regierung Reagan habe Rumsfeld dem irakischen Diktator versichert, die USA würden "jeden größeren Rückschlag für den Irak als strategische Niederlage für den Westen" ansehen. Saddam Hussein war begeistert.
Selbst als die irakischen Militärs Giftgas auch im Rahmen der sogenannten "Anfal-Kampagne" gegen die Kurden verwendeten und auf diese Weise in Halabja 5000 Menschen getötet wurden, hielten die USA an der Partnerschaft mit dem Regime in Bagdad fest. Der irakisch-iranische Krieg hat mehr als einer Million Menschen das Leben gekostet, 20 000 Iraner wurden durch chemische Waffen getötet.
Mit ihrer langjährigen Unterstützung für den Mann, dem jetzt der Prozess gemacht werden soll, standen die USA bekanntlich nicht alleine. Jacques Chiracs peinliche Zuneigungsbezeugungen aus früheren Jahren ("Ein echter Freund") sind ebenso bekannt wie die Milliarden sowjetischer Wirtschaftshilfe, die dank der sozialistisch klingenden Phraseologie der Baath-Partei in Richtung Euphrat und Tigris geflossen sind. Pilgerten in den Siebzigerjahren aus Westeuropa linke Sozialisten im irrigen Glauben nach Bagdad, es entstünde dort eine für die Dritte Welt zukunftsweisende Erziehungsdiktatur, so hasteten zuletzt noch Le Pen und Jörg Haider, denen Saddams Hass gegen Israel und die USA ins Konzept passte, ins Zweistromland.
Die merkwürdige Faszination, die von dem immer schon durch seine hemmungslose Brutalität bekannten Diktator ausgegangen ist, kennt offensichtlich keine ideologischen Grenzen. Sie ist selbst heute noch nicht verschwunden, nachdem die Massengräber geöffnet wurden im Irak und der einstige Diktator sich schmählich den amerikanischen Häschern ergeben hat.
Mehr als 600 Anwälte aus aller Herren Länder sind einem Aufruf der Arabischen Anwaltvereinigung in Kairo gefolgt und wollen Saddam Hussein für den Fall eines Prozesses verteidigen. Jacques Verges, der skandalumwitterte 79jährige Pariser Anwalt, der seit Jahren bemüht ist vom Nazi-Kriegsverbrecher Claus Barbie bis zu Star-Terrorist "Carlos" keinen Bösewicht auszulassen, ist ebenso darunter wie der angesehene Vorsitzende der jordanischen Anwaltsvereinigung Hussein Mjalli, für den der gestürzte Tyrann noch immer der "legitime Präsident des Iraks" ist.
Dass es tatsächlich zu einem solchen Verfahren kommt, das kann man sich angesichts derartiger Verirrungen eigentlich nur wünschen. Rasch wird das aber wohl kaum der Fall sein. Die amerikanischen Sicherheitsbehörden haben bereits angekündigt, dass sie den prominenten Gefangenen mindestens ein Jahr lang verhören wollen. Genügend Zeit um die entscheidende Frage zu klären, vor welche Art von Tribunal er dann schließlich gestellt werden soll. Wie extrem schwierig es ist einen Kriegsverbrecherprozess im nationalen Rahmen durchzuführen, in dem Wahrheitssuche und politische Stabilität leicht kollidieren, zeigt Kambodscha. Kein einziger der für eineinhalb Millionen Tote Verantwortlichen des Pol Pot-Regimes ist bisher vor Gericht gestellt worden. Slobodan Milosevic wird dagegen glücklicherweise nicht in Belgrad der Prozess gemacht, sondern in Den Haag. Die Vereinten Nationen haben vergleichbare Institutionen zur Bewältigung der Folgen des liberianischen Bürgerkrieges und des Völkermordes in Ruanda eingerichtet und das von den USA heftig bekämpfte globale Weltgericht für Völkermord und Verbrechen gegen die Menschlichkeit hat ebenfalls in Den Haag seine Arbeit aufgenommen.
Wenn die USA ihre Irakpolitik nicht grundlegend ändern, wird es die hohe Glaubwürdigkeit eines solchen internationalen Prozesses gegen Saddam Hussein jedoch nicht geben. Washington sieht die Irakpolitik nach wie vor als amerikanische Angelegenheit an und will internationaler Rechtsprechung keinen Raum geben. Dementsprechend wird demnächst der für Kriegsverbrechen zuständige Botschafter im State Department nach Bagdad reisen, um mit der irakischen Übergangsverwaltung die Einrichtung eines derartigen Sondertribunals einzuleiten. Eine der großen Frage dabei lautet: wie eng wird die Aufgabe eines solchen Gerichts gefasst? Geht es ausschließlich um Fälle persönlicher Schuld oder wird das gesamte Terrorsystem Saddam Husseins Thema des Verfahrens sein?
Der irakische Intellektuelle Kennan Makiya, der in Harvard aus 1991 in Kurdistan beschlagnahmten irakischen Akten für zukünftige Generationen die "Iraq Memory Foundation" ins Leben gerufen hat, bezweifelt gegenüber der "Washington Post", dass es leicht sein wird Beweise dafür zu finden, dass Saddam Hussein persönlich den Befehl für die Gasangriffe in Kurdistan gegeben hat. Andererseits ist die Vorstellung absurd, derartige Verbrechen seien ohne Wissen des Diktators geschehen.
Das Baath-Regime ist dem Irak zweifelsohne nicht von außen aufgezwungen worden, es war ein Produkt des arabischen Nationalismus der Sechziger- und Siebzigerjahre des vergangenen Jahrhunderts. Aber kann man deshalb die Mitverantwortung jener Regierungen aus allen Teilen der Welt ausblenden, die in voller Kenntnis von Repression und Massenvernichtungswaffen mitgeholfen haben dieses tödliche Arsenal aufzubauen? Wie will man verhindern, dass französische, deutsche, russische und amerikanische Waffenexperten oder gar amtierende Minister in einem Prozess gegen Saddam Hussein aussagen müssen? Schließlich wurden in Den Haag auch Wesley Clark, einst NATO-Oberbefehlshaber und heute demokratischer Präsidentschaftskandidat in den USA, und der ehemalige EU-Balkanbeauftragte Wolfgang Petritsch von Slobodan Milosevic ins Kreuzverhör genommen. Ob einmal bei einem ähnlichen Zusammentreffen vor einem Irak-Tribunal zu erfahren sein wird, was tatsächlich passiert ist zwischen Donald Rumsfeld und Saddam Hussein vor 20 Jahren?



 

 

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