Raimund Löw

Historiker und Journalist

 

 

 

Fenster schließen
 
  "Falter" - Artikel
   

Schade drum, 20.12.2006


2006 war das Jahr der verpassten Gelegenheiten. Die Welt im außenpolitischen Rückblick.
Den Anfang machte der Nahe Osten. Noch zu Jahresbeginn waren die Erwartungen in eine unter Ariel Sharon begonnene israelische Neuorientierung und in die von den USA so heftig eingeforderten palästinensischen Wahlen intakt. Die Stimmabgabe in Gaza und Ramallah verlief denn auch frei und fair. Aber das Ergebnis zeigte einen Reflex, der in den meisten Nachbarstaaten nicht viel anders gewesen wäre. Gegen eine korrupte und erfolglose Führung triumphierte die islamistische Opposition. Statt eines langwierigen Dialogs mit einem unsympathischen, aber trotzdem demokratisch legitimierten Wahlsieger setzte der Westen jedoch auf wirtschaftliche Erpressungsmaßnahmen. Mit Folgen, die seither in jedem Dorf und jeder Familie zu spüren sind. Alle verstehen jetzt: Wenn bei Wahlen in der islamischen Welt die Falschen erfolgreich sind, stößt die demokratische Begeisterung von Amerikanern und Europäern rasch an ihre Grenzen. Angesichts des traurigen Spektakels, das die palästinensischen Fraktionen seither liefern, fällt internationalen Besuchern in der Westbank (nach Gaza fährt ja kaum jemand) inzwischen außer dem selbstgerecht erhobenen mahnenden Zeigefinger nicht mehr viel ein. Allzu gerne vergisst man dabei, wie wenig die Palästinenser ihr Schicksal bisher selbst in der Hand hatten.
Noch in den ersten Wochen des Jahres waren in Israel die Nachwirkungen der späten Erkenntnis Ariel Sharons zu spüren gewesen, dass die Zukunft Israels kompromittiert ist, wenn es in den besetzten Gebieten bei der Herrschaft über ein ganzes Volk bleibt. Aber die Hoffnung auf einen dauerhaften Bruch mit der Logik der Kolonisierung der Palästinensergebiete hielt nicht lange. Mit dem Libanonkrieg setzte sich bei Sharons politischen Erben wieder der Glaube an die Allmacht der Waffen durch, alle Rückzugspläne aus der Westbank wurden abgesagt. Es blieb dem betagten Expräsidenten der USA, Jimmy Carter, vorbehalten, vor den Langzeitfolgen eines "Apartheid-Systems" in den besetzten Gebieten zu warnen.
Immerhin konnten italienische, deutsche und französische Friedenstruppen an der Südgrenze des Libanon erahnen lassen, welche Möglichkeiten ein geeintes Europa hätte, in der umkämpften Region die Gegensätze zu entschärfen. Schreit doch die Schwächephase Amerikas richtiggehend nach einer EU, die europäische Soft Power ebenso einbringen könnte wie Know-how für Friedenseinsätze. Aber von den verunglückten Referenden in Frankreich und den Niederlanden hat sich Europa noch immer nicht erholt. Dabei gibt es selbst unter den Gegnern der europäischen Verfassung nur wenige, die sich darüber freuen, dass nach wie vor ein echter EU-Präsident oder ein EU-Außenminister fehlt, der in Jerusalem oder Beirut, in Moskau oder Teheran für die gesamte Union sprechen könnte. Die vielleicht letzte Gelegenheit zu verhindern, dass die politische Lähmung der EU zu einer Entwicklung rückwärts in Richtung Renationalisierung führt, könnte sich nach den französischen Wahlen und dem britischen Führungswechsel im nächsten Sommer bieten.
Mehr und mehr verbaut wird dagegen die historische Chance, die mit einem europäischen Weg der Türkei verbunden wäre. Die einzige islamische Gesellschaft mit starker laizistischer Tradition mit dem kleinlichen Hickhack um Zypern vor den Kopf zu stoßen, wie das die EU 2006 geschafft hat, zeugt entweder von Kurzsichtigkeit oder von bösem Willen. Europäischer Druck zur Beschleunigung rechtsstaatlicher Reformen hat sich bisher immer mit dem Interesse der türkischen Bevölkerung an demokratischen Verhältnissen gedeckt. Die EU wurde populärer als die Vision eines islamischen Gottesstaates. Im Fall Zypern ist die Versöhnung jedoch an den griechisch-zypriotischen Nationalisten gescheitert, die zuvor schon den mühsam ausgehandelten Uno-Plan zum Scheitern gebracht haben. Jetzt zahlen jene den Preis, die in der Türkei auf Demokratie und Europa gesetzt haben. Durchaus denkbar, dass der Beitrittsprozess der Türkei auch noch auf Hindernisse stößt, die nicht, wie beim Zypernstreit, mit dem opportunistischen Nachgeben gegenüber chauvinistischem Druck innerhalb der Union zu tun haben. Aber wäre es vielleicht nicht trotzdem möglich, dass auch französische oder österreichische Politiker ihrem Publikum einmal erklären, warum ein Scheitern der Türkeiverhandlungen dem Interesse Europas diametral entgegenliefe? Dass es umgekehrt ein ungeheurer Vorteil wäre, das funktionierende Modell einer demokratischen und europäischen Gesellschaft als Brücke zum Islam zu haben?
Denn mit der Wiederherstellung gedeihlicher Verbindungen Amerikas zu diesem Teil der Welt wird es wohl noch etwas dauern. Die Iraq Study Group James Bakers und Lee Hamiltons hat dem Land zwar die bittere Wahrheit über das Ausmaß des Debakels der bisherigen Nahostpolitik George Bushs präsentiert. Aber der dringende Rat zum Kurswechsel scheint im Weißen Haus nicht anzukommen. Weder die Empfehlung einer diplomatischen Offensive gegenüber den bislang verpönten Widersachern Syrien und Iran noch die einer Weichenstellung in Richtung Truppenabzug ist bisher von George Bush aufgegriffen worden. Es sieht ganz so aus, als ob der Präsident den schwierigen Weg aus dem irakischen Sumpf am liebsten seinem Nachfolger überlassen möchte.
Wer in der internationalen Politik von 2006 hat seine Chancen genützt? Polnische Ultrakonservative, an deren Feldzug gegen die Aufklärung sich Europa langsam gewöhnt. Die Architekten der chinesischen Wirtschaftspolitik, die beharrlich alle Ratschläge internationaler Ökonomen in den Wind schlagen und damit sehr gut gefahren sind. Mahmoud Ahmedinejad, der glaubt, den Weg des Iran zur neuen nuklearen Regionalmacht mit hasserfüllten Versammlungen rechtsradikaler Holocaust-Verleugner pflastern zu müssen. Natürlich Hugo Chavez und alle mehr oder weniger mit dem venezolanischen Populisten verbündeten lateinamerikanischen Linken. Auch die kubanische Führung muss wohl zu den Gewinnern gezählt werden, trotz der ganz nach einem langen Todeskampf aussehenden Krankheit Fidel Castros: So klaglos gleitet Kuba zurzeit in die Nach-Castro-Ära, dass sich sogar im amerikanischen Kongress in Washington wieder Stimmen erheben, die unsinnige Blockade doch zu lockern.
Trotzdem: Einige gute Nachrichten mehr könnte die Welt zur Jahreswende 2007 schon brauchen.

 

nach oben, Fenster schließen

 
  site by Adrian Rossmann