Raimund Löw

Historiker und Journalist

 

 

 

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  "Falter" - Artikel
   

Schafft die Sweatshops ab!, 7.7.2010

Asien wird europäischer. Das mag angesichts der Unterschiede zwischen den jungen, pulsierenden Städten des Ostens und dem saturierten Europa paradox erscheinen. Aber der Klassenkampf macht's möglich. Die Streikwelle, die sich ausgehend von den Protesten beim südchinesischen iPhone-Zulieferer Foxconn auf immer mehr Branchen ausdehnt, hat das Potenzial, China zu verändern und damit dem gesamten 21. Jahrhundert seinen Stempel aufzudrücken.
Noch immer dominieren Hungerlöhne und 60-Stunden-Wochen die Fabriksarbeit. Aber erstmals seit langem gehen die Mindestlöhne nach oben. Ökonomen halten eine Verdoppelung in den nächsten fünf Jahren für wahrscheinlich. Geht die Streikwelle weiter, könnte ein Entwicklungsmodell, das auf der Wehrlosigkeit der Arbeiter basiert, sein Ende finden.
Die Arbeiterproteste sind nicht auf China beschränkt. Firmen, die die Produktion nach Vietnam verlagern, wo die Löhne noch niedriger sind, werden mit Widerstand der Wanderarbeiter konfrontiert.
Die vietnamesische KP, die bisher den Dissens vereinzelter demokratischer Aktivisten mit eiserner Faust unterdrückte, wagt sogar politische Lockerungsübungen. Ein umstrittener Plan der Regierung, durch Investitionen in zweistelliger Milliardenhöhe einen Hochgeschwindigkeitszug zwischen der Hauptstadt Hanoi im Norden und der Wirtschaftsmetropole Saigon im Süden zu bauen, wurde vom Parlament in knapper Abstimmung gekippt.
Viele Abgeordnete, die sonst brav den Direktiven von oben folgen, fürchteten eine noch schlimmere Vernachlässigung des Hinterlandes, wenn alle Energie in ein solches Prestigeprojekt gesteckt wird.
Die 1000 Kilometer lange Route zwischen Hanoi und Saigon, die einst zwischen Franzosen und Vietminh, Amerikanern und Nordvietnamesen heftig umkämpft war, ist für die Bürger Vietnams heute eine Mehrtagesreise.
Jeder einzelne Abschnitt erinnert daran, wie ungeheuer rasch sich die kapitalistische Öffnung unter den allgegenwärtigen roten Fahnen der KP im Land entwickelte. Die Eltern der jungen Paare, die heute samt Kindern, Haustieren und Baumaterial auf Mopeds riesige Strecken zurücklegen, konnten sich vor wenigen Jahrzehnten nicht einmal Seife leisten.
Die von Ho Chi Minh geformte Generation kommunistischer Führer, die Vietnam im vergangenen Jahrhundert erfolgreiche Kriege gegen Frankreich, die USA, China und Kambodscha führen ließ, versagte beim Aufbau der Wirtschaft.
Fast so isoliert wie Nordkorea, stand das Land knapp vor einer Hungersnot, als die Parteiführung nach chinesischem Vorbild unter dem Namen "Moi Doi" das Ruder herumriss und beginnend mit der Landwirtschaft auf private Initiative setzte.
Man hat auch in Vietnam Schulen, Spitäler und andere Teile des staatlichen Netzes aufgelöst, aber weniger radikal als in China, was westliche Entwicklungspolitiker freut. Die geringsten Probleme scheint zu bereiten, dass man dabei das bevorzugte Wirtschaftsmodell des einstigen Kriegsgegners USA übernimmt. Amerika wurde in Vietnam militärisch besiegt, auch wenn die US-Entlaubungsgifte bis heute zu schrecklichen Missbildungen bei Neugeborenen führen.
Der Politikwissenschaftler Kishore Mahbubani aus Singapur, der den Westen gerne provoziert, will errechnet haben, dass sich das durchschnittliche Lebensniveau in Asien innerhalb einer Generation verzehntausendfacht hat.
Klingt etwas fantastisch, aber der Kern stimmt: Nie zuvor in der Geschichte haben so viele Menschen in so kurzer Zeit wirtschaftlichen Anschluss gefunden. Zehn Prozent Wirtschaftswachstum in Vietnam, China oder Indien bedeuten, dass sich die Mittelschicht jedes Mal verdoppelt.
Zu den europäischen Tugenden, die der Professor für diese Aufwärtskurve verantwortlich macht, zählt er politischen Pragmatismus, Verhandlungslösungen statt kriegerischer Eskalation und wachsende Elemente rechtsstaatlicher Sicherheit anstelle totaler Willkür herrschender Parteien.
Demokratie und soziale Rechte blieben die weißen Flecken des asiatischen Aufschwungs. Eine Lohnarbeiterschaft, die sich nicht mehr versklaven lässt, wird auf die Dauer eine neue Art der Konsensfindung erforderlich machen.
In Europa war das ein schwieriger Prozess, der mit dem Aufstieg von Gewerkschaften und Arbeiterparteien einst Jahrzehnte gedauert hat. Asien wird hoffentlich auch hier schneller sein.


 

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