Raimund Löw

Historiker und Journalist

 

 

 

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  "Falter" - Artikel
   

Schicksalswahlen, 1.5.2001

Wie gebannt blickt Europa auf das schicksalschwere Datum. Wenn eintritt, was die Meinungsforscher vorhersagen, dann wird der 13.Mai nicht nur für Italien eine Zäsur. Ein Wahlsieg des rechts-rechten Bündnisses unter Silvio Berlusconi im EU-Gründungsstaat Italien würde die politischen Verhältnisse auf dem bislang von Mitte-links-Regierungen dominierten Kontinent nachhaltig verschieben, soviel ist klar. Über die tatsächlichen Folgen gehen die Ansichten jedoch weit auseinander.
Auf der Meinungsseite der "International Herald Tribune" las es sich schon vor Wochen dramatisch: mit seinen abenteuerlichen Steuer- und Budgetplänen sowie in Geiselhaft EU-feindlicher Koalitionspartner würde Berlusconi in kürzester Zeit in schweren Clinch mit der Europäischen Kommission kommen. Deficit spending in Rom könnte zu einem neuerlichen Absturz des Euro, ökonomischen Strafsanktionen der EU und einer veritablen politischen Krise in der Union führen.
Massimo D'Alema, der scharfsinnige Vorsitzende der Demokratischen Linken, wird dagegen nicht müde das besorgte Ausland zu beruhigen: die Stabilität Italiens und die demokratischen Freiheiten wären auch im Fall eines Wahlsieges der Rechten nicht in Gefahr. Demonstrative Gelassenheit angesichts einer Polarisierung, wie man sie in einem europäischen Kernland schon lange nicht mehr erlebt hat. "Nano-Nazista",, , "Nazi-Zwerg" tituliert Lega Nord-Chef Umberto Bossi den gegenwärtigen Regierungschef Giuliano Amato, "Rote Nazis" sind für ihn die Anhänger des "Olivo"-Linksbündnisses.
Ausgerechnet die konservative britische Presse durchbricht jetzt diesen eigenartigen Konsens des Gleichmuts. Den Anfang machte die "Financial Times", die Berlusconi wegen seiner Bündnisse mit Bossi und dem Chef der postfaschistischen Allianzia Nazionale Gianfranco Fini attackierte. Ein "zweiter Fall Österreich" stehe der EU ins Haus, warnte die "Financial Times". Beinhart legt diese Woche der angesehene "Economist" unter dem aufsehenerregenden Titel "Why Silvio Berlusconi is unfit to lead Italy" nach. Dem "Economist" liegt der 700 Seiten lange Bericht der renommierten internationalen Finanzkontrolleure von KPMG über Fininvest vor, die Dachfirma von Berlusconis Wirtschaftsimperium. Doppelte Buchführung und unklare Finanzierung sind die harmlosesten Verdachtmomente, die sich daraus gegenüber dem reichsten Mann Italiens und möglichen zukünftigen Premierminister ergeben. Was die kühlen Briten an Indizien da zusammengetragen haben, jagt einem die kalten Schauer über den Rücken. Der Vorwurf der Bestechung von Politikern, Richtern und Steuereintreibern, die mögliche Verbindung mit der Mafia und sogar die Beschuldigung in einen Mord verwickelt zu sein, finden den Weg in den Leitartikel des Qualitätsblattes. "In jeder Demokratie, die Respekt vor sich selbst hat, wäre es undenkbar, daß so ein Mann knapp davor steht Premierminister zu werden," lautet der knappe Kommentar des Londoner Magazins.
Klar, Berlusconi hat geklagt. Aber daß es sich bei "Financial Times" und "Economist" um Agenten einer linken Verschwörung handelt, wie er das gerne von italienischen Untersuchungsrichtern sagt, das kann er wohl kaum ernsthaft behaupten. Die britischen Blätter durchleuchten einfach jene Tatbestände, mit denen sich die italienische Öffentlichkeit längst abgefunden hat:
a) die riesigen wirtschaftlichen Interessen Berlusconis im Medien-, Versicherungs-,Werbe-, Banken-,und Verlagsbereich, die mit dem Amt eines Regierungschefs nach anglosachsischer Tradition schlicht unvereinbar sind. Agieren doch jetzt schon die drei TV-Stationen, die dem Milliardär gehören, als reine PR-Sender für die politischen Ziele Berlusconis. Hätte er als Regierungschef auch noch das Sagen bei der staatlichen RAI, dann würde von der Meinungsvielfalt im Fernsehen wenig übrig bleiben.
b) die dunkle Herkunft dieses riesigen Vermögens, das Berlusconi in einer Zeit angehäuft hatte, als er Mitglied der in rechte Putschpläne verwickelten Freimaurerloge P 2 war, um dann vom sozialistischen Korruptionspremier Craxi gefördert zu werden. Der "Economist" hält den Verdacht für begründet, daß Mafia-Gelder am Anfang der Karriere des Rechtspolitikers gestanden sind.
Ein Gesamtbild, das den Mann als originäres Produkt der italienischen Misere ausweist, was auch die Nachsicht der italienischen Öffentlichkeit erklären hilft: ganz so wie im Falle Österreich in Bezug auf Haider glauben die Menschen, daß auch Berlusconi's Sünden nicht größer sind als die seiner Gegner. "Ein schreckliches Urteil über den Zustand des italienischen Staates", urteilt der "Economist". Eine traurige Bilanz über die Politik von fünf Jahren Mitte-links-Regierung in Rom, die, ganz so wie einst die Große Koalition in Österreich auch, in vielen Bereichen gar nicht so schlechte Resultate vorweisen kann.
Meinungsforscher können sich irren, noch ist die Entscheidung nicht gefallen. Was ein Triumph dieser Rechten an den Urnen für Italien oder die EU wirklich bewirken würde, das muß offen bleiben, ebenso wie die Haltbarkeit einer Regierungskoalition Berlusconi-Fini-Bossi.
Was sich durch die italienische Entwicklung jetzt schon verändert hat, das sind die Verhaltensmuster der europäischen Konservativen. Wolfgang Schüssel mußte sich noch einer schmerzhaften Untersuchung durch die Europäische Volkspartei aussetzen, bevor sein Bündnis mit der FPÖ akzeptiert wurde. Silvio Berlusconi ist inzwischen unangefochtener Star bei den großen Meetings der Europäischen Konservativen, eingeführt von Spaniens regierendem konservativen Premier Jose Maria Aznar. Aznar ist es auch, der Berlusconi seit Monaten mit allen Tricks vor einem Auslieferungsbegehren des prominenten Anti-Korruptionsrichters Baltasar Garzon schützt. Noch vor einem Jahr stritt er mit Jacques Chirac gegen Schüssels Modell einer konservativ-rechtspopulistischen Allianz.
Tempi passati.

 

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