Raimund Löw

Historiker und Journalist

 

 

 

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  "Falter" - Artikel
   

Schleichender Putsch, 20.1.1999


Unglaublich aber wahr: der fundamentalistische Putschversuch gegen Bill Clinton läuft noch immer. Die gefährlichste und gleichzeitig skurrilste Episode der amerikanischen Innenpolitik der jüngeren Vergangenheit zieht sich über Monate. Getrieben von einer der "Christian Right" nahestehenden Aktivistenbasis und gefangen in der unerbittlichen Logik des Absetzungsmechanismus haben die Republikaner bisher keinen Weg gefunden, das für sie potentiell politisch desaströse Verfahren mit Anstand zu beenden.
Die nächste Weichenstellung steht diese Woche an: nach den Plaidoyers von Anklage und Verteidigung werden die Senatoren über die Ladung von Zeugen entscheiden. Dabei geht es um mehr, als einen möglichen spektakulären Auftritt der unglückseligen Monica Lewinsky: Zeugen bedeuten, daß alle Hoffnungen auf einen raschen Abschluß des Spektakels schwinden. Jedem Zeuge gegen Clinton wird dann ein vom Weißen Haus nominiertes Pendant entsprechen müssen: der Prozeß könnte so leicht bis ins Frühjahr dauern. Da es den anklagenden House Managern darum geht, dem Präsidenten Meineid in Sachen Sex nachzuweisen, werden dabei von Neuem auch die intimsten Details zur Diskussion stehen. Sie allein sind entscheidend, ob Clintons Knutscherein in den Gängen des Weißen Hauses nach der im Paula Jones-Prozeß festgelegten Definition eine sexuelle Beziehung darstellen oder nicht.
Wenn das bisherige Verhalten der republikanischen Mehrheit als Maßstab genommen werden kann, dann könnte sich der Senat gut für Zeugen entscheiden. Denn ohne Zeugen kann von einem echten Prozeß kaum die Rede sein. Kein Autodieb kann bei Verzicht auf Zeugeneinvernahme abgeurteilt werden. Ein Senatsbeschluß zu Clinton - in welche Richtung auch immer - ohne dieses wesentliche Moment der Beweisführung würde das gesamte Impeachmentverfahren entwerten. Zwar steigt in der republikanischen Führung die Angst vor einer politischen Gegenreaktion auf die im Volk unpopuläre Vendetta gegen den Präsidenten: aber jeder vorzeitige Abbruch wäre das politisch noch verhängnisvollere Eingeständnis, daß der gesamte Prozeß auf tönernen Füßen steht. Dieser Logik entsprechend, hat man sich bisher stets für den jeweils nächsten Eskalationsschritt entschieden. Schließlich bietet ein sich wochen- oder monatelang in die Länge ziehendes Verfahren inklusive der Unberechenbarkeit von Zeugenaussagen auch die Chance, daß es vielleicht doch noch zu einem Meinungsumschwung im Land kommen könnte.
Das politische System Amerikas dürfte damit noch lange durch die Frage blockiert werden würde, ob "Sex&lies" unter "High crime and misdemeanour" also die von der Verfassung für die Absetzung eines


Präsidenten vorgegebenen "Schwerwiegendsten Verbrechen und Vergehen" fallen. Relevanter für die verfassungsmäßige Ordnung der USA ist die Causa auch durch noch so elaborierte Präsentationen der Ankläger vor der Jury der Senatoren nicht geworden. Zwar stimmt es, daß Lüge und Meineind in der protestantisch-puritanischen Kultur Amerikas schwerer wiegt als in Europa. Aber daß deshalb in der Politik üblicherweise weniger gelogen wird als anderswo ist trotzdem ein Mythos. Was hinter der ungeheuren Polarisierung der amerikanischen Gesellschaft rund um die Person Bill Clintons steckt, ist daher nicht ganz einfach zu erfassen. Norman Birnbaum, Professor an der angesehenen Georgetown University in Washington, spricht von einem Kulturkrieg und der Revanche religiöser Fundamentalisten aus den Südstaaten für die langjährige Vorherrschaft der liberalen von der Jugendrevolte der Sechzigerjahre geprägten Tradition von West- und Ostküste."Nicht die Wall Street und die Wirtschaft sind die treibende Kraft", argumentiert Birnbaum, "Die ökonomischen Eliten wissen den wirtschaftsfreundlichen Kurs Clintons zu schätzen. Die Impulse kommen aus der konservativen, tiefreligiösen Provinz."
In der Tat hat sich Bill Clinton seit dem unrühmlichen Scheitern der Gesundheitsreform nie wieder mit den Finanzmagnaten angelegt. Gegen seine jüngsten sozialreformerischen Vorstöße etwa in der Schulpolitik oder im Sozialbereich wirkt selbst Gerhard Schröders brave Steuerreform wie ein Ausbund klassenkämpferischen Geistes.
Der Totaloppositionskurs der Republikaner erscheint daher näher betrachtet eher Ausdruck der politischen Orientierungslosigkeit. Die "New Democrats" Clinton und Gore haben sich von den Law and Order bis zur Antisozialschmarotzerdemagogie so gut wie alle Themen der Konservativen zu eigen gemacht. Newt Gingrich war mit seiner "konservativen Revolution" gegen die letzten Reste des Sozialstaates gescheitert. Was blieb war der Rückfall auf die moralisch-religiöse Minderheit des "bible belts" im Süden und die gegen Urbanität und Moderne gerichteten Revolte der waffentragenden Rancher des Westens. Mehrheitsfähig ist dieser Kurs auch in einem tiefreligiösen Land wie den USA nicht, das hat sich zuletzt bei den Herbstwahlen gezeigt. Also mußte man bei Kenneth Starrs Versuch bleiben, den Zug der "New Democrats" auf unkonventionellere Weise aus der Bahn zu heben.
So schlimm ein erfolgreicher Putschversuch für das jeweilige Land auch sein mag: noch schwerwiegender bleiben die Folgen für die Akteure, wenn der Coup scheitert. Bleibt Clinton im Amt, erwartet die Republikaner


eine Zeit der Selbstzerfleischung. Im Herbst 1999 beginnt die Vorwahlzeit für das Jahr 2000. Der Kampf zwischen gemäßigten Politikern wie dem Präsidentensohn George W.Bush aus Texas und den ihre Wunden leckenden Vertretern der Christlichen Rechten kommt demnächst in die erste Runde. Mit Al Gore steht ihnen
ein derart formidabler Kontrahent gegenüber, daß das Schreckgespenst von 16 demokratischen Jahren für die Konservativen mehr denn je allgegenwärtig ist.
Würde dagegen der seit langem erste demokratische Präsident mit zwei Amtszeiten mit Schimpf und Schande aus dem Amt gejagt, brächte das die Chance einer Trendumkehr. Für die republikanische Führung das entscheidende politische Motiv auch bei schlechten Umfragewerten an dem einmal eingeschlagenen Weg festzuhalten.
Den Spielraum dazu gibt ihnen paradoxerweise die unangefochtene Stellung der Supermacht USA in der Welt: ein Impeachment rund um die Definition von Sex hätte es im Kalten Krieg wohl kaum gegeben.

 

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